Aus: Ausgabe vom 27.03.2017, Seite 10 / Feuilleton

Das Projekt Garnisonkirche

Über einen Streit unter Christen und eine bemerkenswerte Neuerscheinung

Von Christian Stappenbeck
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Kleines Potsdamer Suchbild 2017: Fehlt hier irgendetwas?

»Wohlan, lasset uns einen Turm bauen …«, so sprachen sie zu Beginn des biblischen Turmbaus zu Babel (1. Buch Mose, Vers 4), und die Geschichte ging bekanntermaßen sehr schlecht aus. Mehr als schlimm endete auch die Geschichte der Königlichen Hof- und Garnisonkirche.

»Lasset uns einen Turm bauen …« hieß auch der Eröffnungsvortrag zu einer zweitägigen Tagung in Potsdam. Sie galt laut Einladung der Frage: »Projekt Garnisonkirche – welches Zeichen will die Evangelische Kirche hier setzen?« Die Tagung begann drei Tage vor dem 21. März, dem Jahrestag des historischen Händedrucks zwischen Hitler und Hindenburg in der Garnisonkirche am »Tag von Potsdam« 1933 und wurde veranstaltet von der Martin-Niemöller-Stiftung zusammen mit der Initiative »Christen brauchen keine Garnisonkirche«. Von der angesprochenen Berlin-Brandenburgischen Kirche weiß man: Sie will durchaus bauen lassen. Zwar (noch) nicht das ganze Gebäude, aber den barocken Turm von 88 Meter Höhe. Das architektonische Bild des barocken Gerlachbaus könnte man als schön bezeichnen, wenn, ja wenn nicht die Turmspitze von dem preußischen Adler samt – wer ahnt es – einer Kanonenkugel gekrönt würde.

Bemerkenswert ist die Vorgeschichte. Am Anfang des Neubaus stand, vor über 30 Jahren, die »Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel« im westfälischen Iserlohn. Gründer des betont harmlos firmierenden Vereins war ein westdeutscher Fallschirmjäger-Oberst, nebenbei auch führendes Mitglied im Verband Deutscher Soldaten (Dachorganisation ehemaliger Wehrmachts- und SS-Angehöriger seit 1951) und eifriger Befürworter eines Wiederaufbaus. Zunächst sollten nur die Glocken neu gegossen werden und dem Publikum ein liebliches Läutespiel liefern. Als die Glocken 1987 fertiggestellt und vom früheren BND-Chef Gerhard Wessel feierlich übergeben waren, fanden sich darin eingraviert neben preußischen Truppenteilen die Namen von Städten, mit denen die Wiedervereinigung noch ausstand: außer DDR-Orten auch Breslau, Stettin, Königsberg … Nach dem Anschluss der DDR nahm die Stadt Potsdam das anrüchige Geschenk der Traditionsgemeinschaft dankbar an. Doch die evangelische Kirche tat sich mit dem Wiederaufbau schwer, sie wollte auf dem geschichtlich vergifteten, dem verminten Boden allenfalls ein »Internationales Versöhnungszentrum« entstehen lassen.

Wird das ein solches Werk der Versöhnung, trotz der alten Hülle? Oder wird es – gegen die Absicht vieler – zum Wallfahrtsort von Leuten à la Höcke werden, was es ja erwiesenermaßen vor 1945 war? Ein Wallfahrtsort für die Totengräber der Weimarer Demokratie und Ort lupenreiner deutschnationaler Rituale? Zwei »Lebenslügen« grassieren in der Kirche, stellte ein Diskussionsredner fest: Zum einen die Behauptung, das Gebäude Garnisonkirche sei nach 1933 ein »Opfer« des Missbrauchs geworden. Zum andern: In den blumigen Worten zur künftigen Nutzung fehlt die Umkehr vom falschen Weg einer Militärseelsorge-Kirche, die mit ihren Feldgeistlichen bis heute in der BRD besteht.

»Warum sollte diese gotteslästerliche Bude auferstehen?«, fragte der Prediger Christoph Dieckmann die Tagungsteilnehmer und erinnerte: Dies Haus ließ der Soldatenkönig bauen für seine hochgezüchtete Armee, mit der alsdann sein Thronfolger Friedrich europaweit Leichenberge produzierte. Unwürdig und geschichtsvergessen wäre eine neuerliche Kopie des Gebäudes.

Doch in kirchlichen Verlautbarungen hört man: Es gelte, »Erinnerungskultur« zu pflegen, Geschichte aufzuarbeiten und Brücken zu schlagen von der historischen Erkenntnis zur Gegenwart. Mit der Erkenntnis ist es leider nicht weit her. Allein schon die Behauptung vom »Missbrauch« des Gebäudes durch die »Nationalsozialisten« hält näherer Betrachtung nicht stand.

Dies zu untermauern, erschien gerade rechtzeitig zur Tagung im Metropol-Verlag das Buch eines akribischen Erforschers der Vorgeschichte: »Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert« von Matthias Grünzig. Es ist laut Vorwort die erste »systematische Untersuchung der politischen Geschichte der Garnisonkirche« im vorigen Jahrhundert bis zum Abriss 1968.

Der Autor ist freier Journalist und Experte für Denkmalpflege. Er trug auf der Tagung seine Erkenntnisse vor – darunter Unglaubliches über die Nutzer und die Nutzung der Garnisonkirche: Angefangen bei den kaisertreuen, antisemitischen Predigten des Hofpredigers Johannes Vogel und den Fahnenweihen des Reichskriegerbundes Kyffhäuser bis hin zu den Heldengedenkgottesdiensten im Zweiten Weltkrieg samt Feierstunde »zu Ehren der Stoßtruppkämpfer« auf der Krim.

Grünzig beschreibt quellengesättigt den »Tag von Potsdam«, der kein Ausrutscher war. Er beleuchtet die Haltung und Aktivität des rechtslastigen Generalsuperintendenten Otto Dibelius, der das Nazispektakel nicht nur duldete, sondern hinter den Kulissen dirigierte. Ebendieser Dibelius, inzwischen oberster Protestant in Deutschland, schrieb in seinen Memoiren 1961 reuelos: Auch wenn Hitler »das nicht war, was wir uns gewünscht hätten – er war zum mindesten ein energischer Mann, der mit den Kommunisten wohl fertig werden konnte«. Sein geistlicher Nachfolger im Amt, der Berliner Altbischof Wolfgang Huber, gehört heute zu den führenden Verfechtern des Neubaus.

Wenn der Turmbau wie geplant noch 2017 beginnen sollte, dann passt das irgendwie zu einem Jubiläum, das in diesem selben Jahr bevorsteht: dem 60. Jahrestag des Militärseelsorgevertrages zwischen Bundeswehr und der von Otto Dibelius geführten Evangelischen Kirche in Deutschland.

Matthias Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Metropol-Verlag, Berlin 2017, 383 S., 24 Euro

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