Aus: Ausgabe vom 21.03.2017, Seite 11 / Feuilleton

Der beste Fachmann

Nenn seine Musik wie du willst, aber Chuck Berry war der Boss

Von Christof Meueler
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»He could play the guitar just like a ringing a bell«

Für Iggy Pop war er der Shakespeare des Rock ’n’ Roll, für Bruce Springsteen der »beste Fachmann« und Mick Jagger schrieb auf Twitter: »Er hat Licht in unsere Teenagerjahre gebracht und uns davon träumen lassen, Musiker zu werden«. Am Samstag starb Chuck Berry im Alter von 90 Jahren. Er war einer der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts.

Berry lieferte die konzeptionellen Gitarrenriffs für die Popmusik ab Mitte der 50er Jahre und war einer der ersten Autorenpopmusiker, er schrieb seine Hits selbst. Sie handelten von Teenagern, ihrem Begehren und ihren Vergnügungen – ideal für die erste Generation junger Leute, die über Taschengeld verfügte und auf dem neuen Markt für Kinder und Jugendliche etwas erleben wollte. Deshalb war seine Kunst für ihn immer nur ein Job in der Unterhaltungsindustrie. Er hat erst mit 87 aufgehört, Konzerte zu spielen.

Sein Werk ist überschaubar. Alben interessierten ihn nicht, er dachte in Singles. Schon Anfang der 70er Jahre spielte er in Oldieshows. Er war durch und durch Profi. Weil man mit festen Gruppen nichts als Ärger hat, reiste er seit Ende der 50er Jahre allein mit seiner Gitarre an, um die Begleitband musste sich der Veranstalter kümmern. Und ihm einen Cadillac hinstellen, in dem sich ein Koffer mit 10.000 Dollar in bar befand. Die Kenntnis seiner Songs setzte er voraus, sie waren schließlich kanonisch.

Wie so ein Auftritt ablief, hat Bruce Springsteen in seinem Vorwort zu Berrys Autobiographie berichtet. 1973, als er noch nicht bekannt war, spielte er mit seiner Band auf einem Festival, als sie zufällig zur Begleitung von Chuck Berry auserkoren wurden. Der »beste Fachmann« kam fünf Minuten vor Konzertbeginn an. »Wir waren alle wirklich nervös. Es war kein zusätzlicher Gitarrist vorgesehen, also ging ich zu ihm und fragte: ›Hey, ist es okay, wenn ich spiele?‹ Er sagte: ›Ja, ja, du kannst spielen‹. Ich zögerte. ›Also, Chuck …‹ Er sagte: ›Was?‹ Und ich sagte: ›Welche Songs werden wir bringen?‹ Er antwortete: ›Nun, wir werden ein paar Chuck-Berry-Songs bringen.‹ Das war alles, was er uns sagte. Also gingen wir raus. (…) Er öffnete den Gitarrenkoffer und stimmte die Gitarre, voll im Blickfeld des Publikums. Die Leute schnappten über. Ich hatte das Gefühl, nie zuvor auf einer Bühne gestanden zu haben.«

Chuck Berry war der Boss. Er verbat sich die Mitwirkung des ihn bewundernden Keith Richards bei einem Bluesrockfestival 1972 im Palladium von Hollywood. Da stand auf einmal Richards auf der Bühne, weil er in der Band von Chuck Berry mitspielen wollte, und wurde vom Meister wieder runtergeschickt, weil dieser ihn nicht erkannte – und weil es Berry nicht gefiel, wie laut er seine Gitarre aufdrehte. Und zwar so laut, dass er die Breaks in den Berry-Songs nicht mehr hörte. Daraufhin gingen die am Bühnenrand auf ihre Session-Einladung wartenden Rest-Rolling-Stones beleidigt nach Hause.

Chuck Berry hatte sich das Gitarrespielen selbst beigebracht. Sein Grundprinzip war es, das Gitarrenspiel seiner Vorbilder wie T-Bone Walker oder Elmore James »einfacher zu machen«. Deshalb sang er über sich in »Johnny B. Goode«, einem seiner größten Hits, in der dritten Person: »He could play the guitar just like a ringing a bell«. Allgemein aber gilt: »Rückgrat meiner Musik ist der Boogie, und die Muskeln sind einfache Melodien. Nenn es, wie du willst: Jive, Jazz, Jump, Swing, Soul, Rhythm, Rock oder sogar Punk – wenn es sich um meine Musik handelt, ist es immer noch Boogie.«

Charles Edward Anderson Berry wurde am 18. Oktober 1926 in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri geboren. Seine Eltern sangen im Kirchenchor der Baptisten. Seine Mutter war Lehrerin, die zu Hause unterrichtete, und sein Vater arbeitete erst in einer Mühle, dann als Hausmeister und Zimmermann – für 75 Cent die Stunde. Noch in den 40er Jahren durfte in Missouri kein Schwarzer in die Gewerkschaft eintreten. Als er mit fast 70 aufhörte, bekam er von seinen Chefs eine weiße Krawatte geschenkt.

Als Berry in New York debütierte, hörte er zum ersten Mal den Ausdruck »Schwarzer«, aus Missouri kannte er nur »Nigger« und »Farbiger«. Er schreibt in seiner Autobiographie: »Ich war der erste in meiner Familie, der mit dem Rauchen anfing, der erste, der die Schule schwänzte, der erste, der sich von zu Hause fortwagte, und der erste, der ins Gefängnis ging. Auf der anderen Seite war ich auch der erste in der Familie, der einen Cadillac besaß, der erste, der eine feierliche Hochzeit hatte, der erste, der nach Europa flog, der erste, der eine halbe Million Dollar verdiente, und der letzte, der es zugab, wenn er einmal unrecht hatte.«

Die 10.000 Dollar vorher in bar haben zu wollen, war keine Marotte, sondern Notwehr. Schon 1955, beim Erscheinen seiner ersten Single »Maybellene«, mit der für den Rolling Stone Rock ’n’ Roll überhaupt erst begann, staunte er, dass bei den Credits nicht nur er, sondern auch der Radio-DJ Alan Freed und ein gewisser Russ Frato draufstanden, um mitzukassieren. Frato war der Vermieter der Chess-Brüder, denen das Label in Chicago gehörte, auf dem Berry erschien, weil Muddy Waters ihm dazu geraten hatte. Berry bekam die Rechte an »Maybellene« erst 1986 zurück. Leonard Chess hatte ihm übrigens erklärt, dass es besser sei, wenn er eigene Songs hätte.

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