Aus: Ausgabe vom 18.03.2017, Seite 10 / Feuilleton

Klüger, als die Polizei erlaubt

Für die verhöhnten Opfer: Das Aktionsbündnis »NSU-Komplex auflösen« mobilisiert zu einer Demo in Kassel und einem Tribunal in Köln

Von jW-Bericht
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»Deshalb klagen wir an!« (Gedenkveranstaltung am 6. April 2013 in Kassel)

»Die massive Behinderung der Aufklärung ergibt nur dann einen Sinn, wenn sich in den gelöschten Wahrheiten ein größeres Unrecht als das bekannte Unrecht verbirgt«, deklamierte die Journalistin und Schriftstellerin Mely Ki­yak am Donnerstag im Maxim Gorki Theater Berlin. »Deshalb klagen wir an.« Wen dieses »Wir« einschließt, war zuvor bei der Präsentation des Aktionsbündnisses »NSU-Komplex auflösen« klargeworden: Jeder, der mit den Hinterbliebenen der Opfer fühlt und für deren Interessen einzutreten bereit ist, kann dazu-gehören.

Es geht dem Bündnis zunächst einmal um einen Perspektivwechsel. Was weiß man nicht alles über Zschäpe und ihre Uwes (zum Beispiel, dass sie U2 mag). Dagegen ist das Interesse für die Opfer des Trios und dessen Unterstützer aus Naziszene und Staatsapparat verschwindend gering. So gern man glauben mag, dass keiner von den Ermordeten vergessen werde – kaum jemand hat auch nur ihre Namen parat. Hier noch mal zum Mitschreiben: Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik und Halit Yozgat.

Yozgat betrieb in seinem Geburtshaus in Kassel (Nordstadt) ein Internetcafé, in dem er am 6. April 2006 im Alter von 21 Jahren mit Kopfschüssen ermordet wurde, während Verfassungsschützer Andreas Temme sich im Nebenraum durch Sexportale klickte. Später legte Temme Kleingeld auf den hüfthohen Tresen, ohne die Blutspritzer darauf oder den Leichnam dahinter zu bemerken. Das Oberlandesgericht München befand diese Ausführungen von »Klein Adolf« für glaubwürdig, heute schiebt er eine ruhige Kugel in der Rentenabteilung des hessischen Innenministeriums.

Unmittelbar nach der Hinrichtung von Halit Yozgat organisierten seine Hinterbliebenen gemeinsam mit den Familien von Enver Simsek und Mehmet Kubasik einen Trauerzug, der unter dem Motto »Kein zehntes Opfer!« durch Kassel führte. Vom Internetcafé zum Rathaus. 3.000 Menschen nahmen daran teil. Sie konnten acht und eins zusammenzählen und waren damit sozusagen klüger, als die Polizei erlaubt. Denn von einer rassistisch motivierten Mordserie, deren Ende die Demonstranten forderten, wollten die Behörden nichts hören. Für die ging es um »Ausländerkriminalität«, um Drogenhandel. Auf exemplarische Weise wurde über einen V-Mann ein Imbiss finanziert, um einem »Döner-Mörder« auf die Spur zu kommen, von dem auch die vierte Gewalt von FAZ bis taz blindgläubig faselte. Schlimmer hätten die Opfer kaum verhöhnt werden können.

Zum elften Todestag von Halit Yozgat am 6. April mobilisiert das Bündnis »NSU-Komplex auflösen« zu einer Demo durch Kassel. Vorläufiger Höhepunkt der Bemühungen um eine wirkmächtige Gegenerzählung wird dann ein fünftägiges »Tribunal« im Mai sein. Veranstaltungsort ist die derzeitige Ausweichspielstätte des Schauspiels Köln. Diese grenzt an die Keupstraße, in der an einem Sommernachmittag des Jahres 2004 eine bestialische Nagelbombe des NSU (fünf Kilo Schwarzpulver, mehr als 700 Zimmermannsnägel von je zehn Zentimetern Länge) 22 Menschen zum Teil schwer verletzte und einige Geschäfte zerstörte. Sieben Jahre lang drangsalierten die Ermittlungsbehörden die Betroffenen. Sie waren, da ein fremdenfeindlicher Hintergrund nun mal nicht in Frage kam, dringend tatverdächtig.

Als am Zwischendomizil des Schauspiels im Stadtteil Mülheim 2014 mit einigen Betroffenen das Stück »Die Lücke« vorbereitet wurde, erkundigte sich Chefdramaturg Thomas Laue beim Theaterpublikum, wer noch nie in der Keupstraße um die Ecke gewesen sei. Es war beinahe jeder zweite. Darum beginnt »Die Lücke« nun mit einer Führung über diese Straße.

Das Stück wird Mitte Mai zum Rahmenprogramm des Tribunals gehören. Das Bündnis will dort »nicht Gericht spielen«, »keine Urteile fällen«, sondern aufklären über den Rassismus in den Institutionen, »pseudowissenschaftliche Extremismusforscher« eingeschlossen. Es wird Workshops zu Themen wie Racial Profiling geben. Esther Bejarano soll eine Rede halten.

initiative6april.wordpress.com

nsu-tribunal.de

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