Aus: Ausgabe vom 15.03.2017, Seite 10 / Feuilleton

Offenes L. Der neue Suhrkamp-Sitz

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Berlin. »Suhrkamp ist kein profitgieriger Immobilienentwickler oder ein Billighostelbauer«, sah die FAZ sich am Dienstag zu versichern genötigt, bevor sie etwas näher auf den Entwurf für den neuen Verlagssitz am Rosa-Luxemburg-Platz einging. Tatsächlich wirft die Simulation des Architekten Roger Bundschuh Fragen von einiger Sprengkraft auf. Zum Beispiel: Ist das die neue Passage für den Marktplatz von Hintertupfingen? Aber Fensterglas in eloxiertem Aluminium an schäbiger Sichtbetonstele hin oder her – zu welch grundstürzenden Abscheulichkeiten der beauftragte Herr Bundschuh seines Zeichens in der Lage ist, zeigt sein »kleines Schwarzes« direkt gegenüber vom Baugrundstück. Ein keilförmiges »Atelierhaus« mit Schießscharten, um das empfindsamere Passanten einen großen Bogen machen. So gesehen, ist Suhrkamp glimpflich davongekommen mit dem profanen Ensemble, das ab 2019 neben Büros auch Läden, Galerien und Mietwohnungen beherbergen soll. Es handle sich um »ein offenes ›L‹«, ließ die FAZ wissen. Ja, lässt er sich denn schließen, dieser Großbuchstabe? fragt man sich, und lässt den Blick über die Skizze schweifen, bis er auf eine Vogelformation am strahlend blauen Himmel fällt, die tatsächlich ein L bildet – was allein die liebevolle Gestaltung solcher Details gekostet haben mag! Mutmaßlich werden die Mietskasernen am rechten Bildrand, die auch der »Zeitung für Deutschland« kaum behagten – »sieht (…) ein wenig nach gerasterter Allerwelts-Lochfensterarchitektur aus« – nicht mal viel teurer.

Dass dem Neubau die letzte Grünfläche in der Nachbarschaft weichen muss, ist ein Verlust nur für die Optik. Es handelte sich um ein unbetretbares Hundeklo. Gegen das Fällen imposanter Bäume regte sich phantasievoller Widerstand von Naturliebhabern: Sie knüpften bunte Luftballons an die Stümpfe. Schwerer wiegt schon die Vertreibung der Elendsgestalten, die alle wärmeren Tage auf Parkbänken verbrachten, die mittlerweile entsorgt wurden. Nachschub organisierten sie sich im Kiosk an der großen Kreuzung, der seit Ewigkeiten von einem rüstigen Pärchen ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeiter betrieben wird. Am Freitag wurden auf Augenhöhe einige Auslagen weggeräumt. Seitdem vergilbt dort eine Seite des Berliner Kuriers, auf der von einer Onlinepetition eines Anwohners berichtet wurde. »Suhrkamp tritt die einfachen Leute mit Füßen«, wird der Sozialarbeiter zitiert. »Der Bürger sei egal, während das Kapital zerstören darf, was es will.« Die Suhrkamp-Kultur wäre nicht so berühmt, wenn sie dem nichts entgegenhalten könnte: »Im Durchgang«, heißt es, »ist ein ›Späti‹ projektiert«. (xre)

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