Aus: Ausgabe vom 13.03.2017, Seite 11 / Feuilleton

Die Mutter hat man nun mal da sitzen

Von Ulla Lessmann
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Schwieriges Verhältnis: Mutter und Tochter

Manche haben Mütter, da kann man sich nur wundern, was dann trotzdem aus denen geworden ist. Da können die so alt sein, wie sie wollen, die Töchter meine ich, also die haben ihre Mutterproblematik am Hals, lebenslang. Ich hatte ja auch eine Mutter, aber die mochte ich ganz gerne und sie mich auch, und mir ist das richtig unangenehm, dass ich keine Mutterproblematik habe, weil man die nämlich jetzt hat, und man fühlt sich richtig ausgeschlossen.

Die von meiner Freundin, die hat ihr schon als junges Mädchen immer gesagt, aus dir wird nie was und du kriegst auch so starke Hüften wie ich, und so ist es dann auch gekommen, in dem Sinne, dass meine Freundin Sachbearbeiterin geworden ist, wogegen im Prinzip wenig zu sagen ist, aber wenn ihre Mutter ihr nicht immer gesagt hätte, dass aus ihr nichts wird, wäre sie vielleicht was Besseres geworden, und das mit den Hüften stimmt auch, aber da konnte ja schließlich die Mutter nichts dafür. Du musst das nun endlich mal aufarbeiten, diese Mutterproblematik, habe ich ihr gesagt, wo du nun bald 70 wirst, denn das brachten sie neulich in dieser einen Sendung, dass man das jetzt macht, die Mutterproblematik aufarbeiten, weil das unwahrscheinlich verbreitet sein soll und eine Tendenz ist.

Aber kümmern tut sie sich trotzdem, meine Freundin, und das ist was, worüber ich mich doch wundern muss: Irgendwie kümmern tun die sich alle trotz ihrer Mutterproblematik, und die Mütter? Die erkennen das noch nicht mal an, dass ihre Töchter dauernd anrufen und kommen. Und hinterher geht es ihnen wirklich mies, weil sie dann ja wieder gemerkt haben, dass sie ihre Mutter nicht die Bohne leiden können und die immer noch so rumnörgelt und nichts anerkennt, obwohl sie doch selber schuld ist, dass es wenig anzuerkennen gibt.

Merkwürdigerweise haben meine Freundinnen alle keine Vaterproblematik, vielleicht, weil die Väter meist schon gestorben sind, und dann hat sich das irgendwie erledigt, und die Mütter werden alle uralt, und dann werfen die Töchter ihnen bis ins Altersheim hinterher, dass sie zur Konfirmation 1949 dieses grauenhafte Kleid von Tante Lisa tragen mussten und das hat sie fürs Leben so geschädigt, dass sie nur Sachbearbeiterin werden konnten.

Ich bin auch dafür, dass man alles aufarbeitet, wie das heute heißt, aber es muss doch auch mal gut sein mit den alten Geschichten, und dass meine Cousine ihrer Mutter immer noch nicht verzeihen kann, dass sie als Kind diesen blöden Pottschnitt tragen musste, finde ich übertrieben. Und überhaupt, wenn man alles aufgearbeitet hat, was macht man dann damit? Die Mutter hat man nun mal da sitzen.

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