Aus: Ausgabe vom 03.03.2017, Seite 8 / Ansichten

Jungbrunnen des Tages: Altenheim mit DDR-Flair

Von Michael Merz
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Da kam der Bild-Reporter aus dem Staunen nicht mehr raus. Waren 27 Jahre der Umerziehung nicht genug? Es gibt dieses Seniorenheim mit vielen Demenzkranken in Dresden-Pieschen. Die Bewohner »verdämmerten bislang meist den Tag«, wie er feststellen musste. Daran änderten auch die vermeintlichen Segnungen des realkapitalistischen Pflegesystems nichts. Dann wurden sie vor anderthalb Jahren zum Filmabend geladen – alte DEFA-Streifen liefen, und zur Deko war ein DDR-Motorroller dazugestellt. Und plötzlich seien verblüffende Dinge passiert, heißt es in Bild. Alte Menschen, die sonst kaum noch ihren Namen kannten, wussten plötzlich genau, wo sich Blinker, Benzinhahn und Kickstarter befinden, und haben von ihrer ersten Fahrt geschwärmt.

Daraufhin hatte die Pflegedienstleiterin Trödelmärkte abgeklappert, um noch mehr Alltagsgegenstände aus der DDR zu besorgen. Nun stehe auf rund 100 Quadratmetern eine Küche Typ »Ratiomat 95« vom VEB Möbelkombinat Dresden-Hellerau, dazu ATA-Reiniger, Tempo-Linsen, AKA-Elektrik-Mixer und die Brotschneidemaschine AS 101. In der Leseecke schmökern Senioren im Fernsehmagazin FF dabei oder in Guter Rat. Sogar ein Intershop und eine kleiner Konsum wurden eingerichtet. Der Effekt grenzt an ein Wunder: »Viele essen wieder selbstständig, gehen allein aufs Klo, Bettlägerige haben sich wieder aufgerafft«, sagt eine Ergotherapeutin. Und der Heimleiter freut sich über eine drastisch gestiegene Zahl der Anmeldungen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann der Papst die DDR heiligspricht.

Alles super? Nicht, wenn Bild darüber berichten soll. Angesichts der Tatsache, dass sich diesmal der Springersche Grundsatz der steten Diffamierung des Ostens nicht verwirklichen ließ, dachte sich der Schreiber für das Altenheim einfach einen neuen Namen aus: Deutsche Demenz-Residenz.

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