Aus: Ausgabe vom 27.02.2017, Seite 11 / Feuilleton

»Probleme sind Anregungen«

Die Münchner Ausstellung »Flow of Forms« zeigt Designkonzepte aus Afrika. Ein Gespräch mit Alafuro Sikoki

Interview: Sabine Matthes
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Alltagsgegenstände im Wandel der Politik: Die Installation »Private Atlas: Nigeria 1960« von Alafuro Sikoki

Ruanda möchte in Zukunft Drohnen einsetzen, um entlegene Orte medizinisch zu versorgen. Für eine derartige Mischung aus Pragmatismus und Futurismus scheint Afrika prädestiniert. Die kreative Explosion, die gerade in mehreren Städten Afrikas stattfindet, hat auch Ikea erreicht: Zwölf afrikanische Designer wurden engagiert, um in den Möbelkonzern frischen Wind zu bringen. Eine geballte Ladung neuer Designer ist in München zu besichtigen: »Flow of Forms/Forms of Flow. Designgeschichten zwischen Afrika und Europa« mit 41 Design-Künstlern, an vier verschiedenen Orten. Die nigerianische Industriedesignerin Alafuro Sikoki ist im Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne mit zwei Arbeiten vertreten. (sm)

Sie sind aus Nigeria, haben in den USA Industriedesign studiert und arbeiten heute zwischen London und Lagos. Gibt es Unterschiede wischen afrikanischem und westlichem Design?

Die jeweilige Umgebung der Objekte macht den Unterschied. Vor Ort erfüllen sie ihren Zweck, aber versetzt an andere Orte, werden sie mit anderer Bedeutung aufgeladen. In Europa wird Design als etwas für studierte Spezialisten betrachtet, in Afrika ist es offener und organischer. In Nigeria haben wir alle Schneider, kaufen regelmäßig Stoffe und entwerfen unsere Kleidungsstücke selbst. In Europa aber ist individuell geschneiderte Kleidung sehr teuer und Auswahl beschränkt auf das, was es in den Geschäften gibt.

In Nigeria wächst die Designszene rasant. Einer meiner Lieblingsorte in Lagos ist das Stranger, eine Kombination aus Boutique und Cafe. Es führt konzeptuelle Modedesigner wie Adeju Thompson und handgefertigte Bananenblätter-Notizbücher von Minku. Es gibt viel zu sehen.

1960 wurde Nigeria von Großbritannien unabhängig. Wie veränderten sich seitdem die Objekte im Alltag? Gibt es so etwas wie Formen der Freiheit?

Meine Installation »Private Atlas: Nigeria 1960« zeigt Alltagsgegenstände im Wandel der Politik. Gewöhnliche Objekte verändern ihre Bedeutung. Der bescheidene Tontopf auf den Esstisch thront auf einmal neben dem wertvollen alten Familienporzellan. Was vorher wegen seiner lokalen Herkunft als volkstümlich oder minderwertig galt, wurde jetzt stolz präsentiert. Die schwarze Puppe und der Ein-Pfund-Schein zeigen die Veränderungen an. Die Währung wechselte vom Pfund zum Naira und die Farbe der Puppen in den Geschäften wechselte von weiß zu schwarz. Die Schreibmaschine war das übliche Kommunikationsmittel, auf ihr sind Umschläge mit den ersten Unabhängigkeitsmarken von 1960 zu sehen.

In Reaktion auf den Kolonialismus gibt es die ästhetische Reaktion des Afrofuturismus, der davon ausgeht, dass den ehemaligen Kolonien die Geschichte geraubt wurde, so dass deren Bewohner gewissermaßen zu Außerirdischen gemacht worden seien. Künstler des Afrofuturismus, wie die kenianische Filmemacherin Wanuri Kahiu, versuchen diese Entfremdung zu schwächen, indem sie Topoi aus Mythologie und Science-Fiction verknüpfen. Ihr Film »Pumzi« von 2009 spielt nach dem Dritten Weltkrieg. Auf dem zerstörten Planeten muss Wasser aus Urin und Schweiß destilliert werden. Was halten Sie von derartigen Szenarien?

»Pumzi« ist so ein cooler Film! Für mich sind diese ganzen infrastrukturellen Probleme der Gegenwart auch Anregungen, kreativ zu sein. Weil wir in Nigeria täglich mit so vielen Schwierigkeiten umgehen müssen, wie Mangel an Trinkwasser und Strom, sind wir höchst anpassungsfähige und aufgeweckte Denker geworden. Dem afrikanischen Kontinent steht eine vielversprechende Zukunft bevor.

Afrikanische Designer experimentieren auch mit visionären Ideen für die ökologischen und sozialen Herausforderungen der Gegenwart. Aus Wüstensand und Wüstensonne erzeugt der Produktdesigner Markus Kayser mit seinem 3D-Drucker »Solar-Sinter-Maschine« Schalen. Ihr »H++ Water Hyacinth Project« funktioniert ähnlich, in dem sie die Wasserhyazinthe, die Flüsse und Bäche in Nigeria überwuchert, verarbeiten.

Mein Hauptanliegen war, eine negative Situation in mehrere positive zu verwandeln. Ich betrachtete die Wasserhyazinthe, die die Wasserwege in Bayelsa im Süden Nigerias zerstört, als Möglichkeit, das Ökosystem wieder auszubalancieren. Außerdem habe ich mich mit den sozialen, kulturellen und ökonomischen Problemen vor Ort befasst: Arbeitslosigkeit und aussterbende Flechtkunst. Zuerst dokumentierte ich die letzten älteren Flechterinnen, dann gründete ich ein kleines Kollektiv von Flechterinnen und wir ernteten Hyazinthen, trockneten sie und drehten daraus Schnüre, aus denen ich Stühle, Hocker, Tische und Lampenschirme fertigte. Wir verändern die Gesellschaft von der Graswurzel-Ebene aus.

Für welche Vorstellung von Design steht Ihr Studio Sikoki?

Studio Sikoki ist eine Kunst-, Design- und Forschungsorganisation. Einer unserer bestverkauften Artikel ist die Spiegel-Serie »Born Kinky«, die aus afrikanischen Holzkämmen gemacht ist. Als ich aufwuchs, waren diese Kämme weit verbreitet, doch als wir anfingen, unsere Haare chemisch zu glätten und Haar-Verlängerungen zu tragen, wurden sie ziemlich selten. Bis vor kurzem hatte gekräuseltes Afrohaar kein gutes Image. »Born Kinky« hat Fragen über Vorstellungen und Stereotypen aufgeworfen, zu denen wir tendieren.

Ein anderes Projekt von mir ist die Druckserie »Nigerianisms«, die populäre Redewendungen, hauptsächlich in Pidgin-Englisch, durch Illustrationen und Text erschließt. Diese Serie entstand, als ich in den USA lebte und anfing, nach einer visuellen Darstellung nigerianischer Identität zu suchen. Ich beschloss, diese Ausdrücke, die ich nur noch selten hörte, zu sammeln und sie sichtbar zu machen, um sie zu bewahren. Es liegt mir am Herzen, afrikanisches Design und Konzepte zu betonen und zu feiern, weil ich von der reichen Kultur und dem Erbe des afrikanischen Kontinents begeistert bin.

Sie entwerfen auch Mode für afrikanische Götter?

Sie meinen eine Skulptur mit Kleidung, eine Auftragsarbeit für das Londoner Horniman Museum. Sie beruht auf dem Ijaw-Schöpfungsmythos und dem weiblichen Gott Woyingi. Mein Projekt untersucht göttlichen Geschlechterwandel durch die Ankunft und Ausbreitung des Christentums im südlichen Nigeria. Woyingi wird vom männlichen Gott des Christentums gestürzt. Das hat Auswirkungen auf die Mythologie, die Sexualität und die Mode.

Was inspiriert Sie?

Natur und Wandel. Ich bewundere die Chefdesignerin des Pariser Modehauses Celine, Phoebe Philo, für ihren Minimalismus. Ich finde die visuelle Sattheit der Filme von Wong Kar Wai besonders eindringlich. Ich mag Chimamanda Ngozi Adichie wegen ihres schönen Schreibens und ihrer feministischen Haltung. Ich liebe die träumerischen Bilder von Njideka Akunyili Crosby. Mein Lieblingsgedicht »Call of the River Nun« von Gabriel Okara habe ich schon als Kind gelesen und es ist seitdem immer bei mir geblieben. Ich finde es ermutigend, an den Fluß Nun zu denken, der da in Nigeria fließt, wo ich herkomme. Inspiration hält ja auch die Kreisläufe von Ideen, Erneuerung und Neugier im Fluss.Interview: Sabine Matthes

Alafuro Sikoki, Jahrgang 1980, ist eine nigerianische Designerin und Künstlerin. Sie betreibt das Studio Sikoki

»Flow of Forms/Forms of Flow. Designgeschichten zwischen Afrika und Europa«, bis 12.3. in München: Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne, Museum Fünf Kontinente, Kunstraum, Galerie Wimmer

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