Aus: Ausgabe vom 25.02.2017, Seite 5 / Inland

Zu dicke Oxidschichten im AKW Brokdorf

Betreiber: »Auffällige« Ablagerungen an Brennstäben. Meiler bleibt länger abgeschaltet als geplant

Von Reimar Paul
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Alles andere als sicher: Das Kernkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein am Nordufer der Elbe

Brokdorf, mal wieder: In dem Atomkraftwerk an der Unter­elbe haben Techniker bei der jährlichen Revision auffällige Oxidschichten an mehreren Brennelementen festgestellt. Der Reaktor bleibt deshalb länger abgeschaltet als geplant. Einzelne Brennstäbe wiesen »eine das übliche Maß übersteigende Oxidschicht« auf, hatte der Betreiber PreussenElektra – so nennt der Energiekonzern E.on seit September 2015 seine Atomkraftsparte – am Montag mitgeteilt. Die »Befunde« hätten sich am oberen Ende der Brennstäbe gezeigt, das nur einer geringen Wärmebelastung unterliege – alles halb so wild, sollte diese Formulierung wohl suggerieren.

Oxidablagerungen sind im Prinzip nicht ungewöhnlich. Sie entstehen, wenn die heiße Oberfläche der Brennstäbe mit Sauerstoff und Wasserstoff im Kühlwasser in Verbindung kommt. Allerdings dürfen die Ablagerungen eine bestimmte Schichtdicke – in der Regel maximal 0,1 Millimeter am Ende der etwa fünfjährigen Lebensdauer eines Elements – nicht überschreiten, damit das Rohr um die Brennstäbe herum nicht angegriffen wird.

Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck, für die Atomaufsicht in dem Bundesland zuständig, nimmt den aktuellen Befund denn auch sehr ernst. Ein solch schnelles und starkes Anwachsen der Schicht sei in Deutschland noch nicht bekannt geworden, erklärte er. Die Ablagerungen, so der Grünen-Politiker laut Mitteilung seines Hauses, könnten die Metallummantelung der Brennstäbe angreifen und sie brüchig machen. Im schlimmsten Fall könne Uran freigesetzt werden.

Die Ablagerungen wurden entdeckt, nachdem Beschäftigte beim Wechseln der Brennelemente im Reaktorwasser ungewöhnlich viele Schwebstoffe feststellten. Bei den anschließenden Kontrollen entdeckten die Techniker die Oxidschicht auf der Oberfläche der Hüllrohre um die Brennstäbe. Habeck zufolge hat der Vorfall keine Auswirkungen auf die Mitarbeiter oder die Bevölkerung. Sein Ministerium erklärte allerdings, es werde ein Wiederanfahren des Reaktors erst dann erlauben, wenn die Ursachen geklärt und Wiederholungen ausgeschlossen seien. Der Brokdorfer Meiler soll laut Atomgesetz spätestens Ende 2021 vom Netz genommen werden. Er ist das einzige AKW, das in Schleswig-Holstein noch Strom produziert. Die Reaktoren in Brunsbüttel und Krümmel sind nach schweren Pannen bereits seit Jahren abgeschaltet und mittlerweile endgültig stillgelegt.

Atomkraftgegner von der örtlichen Initiative »Brokdorf akut« wie auch vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz fordern von der Landesregierung in Kiel, dass das AKW sofort endgültig vom Netz genommen wird. Mit der Kundgebung soll auch an die Reaktorkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl vor 31 Jahren, am 26. April 1986, erinnert werden. Brokdorf war 1986 als erstes westdeutsches AKW nach dem Super-GAU in der Sowjetunion in Betrieb genommen worden. Damals hatten Zehntausende gegen die Errichtung des Meilers demonstriert. Beim Versuch, die Baustelle zu besetzen, kam es zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei. Zahlreiche Menschen wurden damals verletzt und verhaftet.

akw-brokdorf-abschalten.de

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