Aus: Ausgabe vom 23.02.2017, Seite 10 / Feuilleton

Gegen das Imperium

Erinnerungen an Castro, Whistleblower und Marquez: In Havanna endete die Internationale Buchmesse

Von Volker Hermsdorf
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Die Messe ist aus – wir gehen nach Haus, aber nicht ganz: Denn wie jedes Jahr tourt sie jetzt bis in den April durch die Provinzen des Landes

Am Sonntag ging die 26. Internationale Buchmesse in Havanna zu Ende. Nach elf Tagen in der Hauptstadt zog der Präsident des kubanischen Buchinstituts (ICL), Juan Rodríguez Cabrera, eine erste Bilanz. 415.000 Gäste, 25.000 mehr als im Vorjahr, hatten über 1.100 Veranstaltungen, darunter 900 Buchvorstellungen und 28 Foren im gesamten Stadtgebiet besucht. Es wurden über 300.000 Bücher verkauft, eine Steigerung von mehr als 111.000 Exemplaren gegenüber 2016. Zu den von kubanischen Verlagen veröffentlichten Werken, die in den letzten zwölf Monaten am häufigsten gekauft wurden, gehört an erster Stelle die Raúl-Castro-Biografie des russischen Autors Nikolai Leonow, gefolgt von George Orwells »1984« und dem jüngsten Roman des uruguayischen Schriftstellers Daniel Chavarría »La piedra de rapé« (Der Schnupftabakstein).

Als Höhepunkte bezeichnete Rodríguez die Veranstaltungen und Ehrungen für den am 25. November 2016 verstorbenen Revolutionsführer Fidel Castro Ruz, mit dessen Lebenswerk sich mehrere Neuerscheinungen kubanischer und internationaler Verlage sowie zahlreiche Foren beschäftigt hatten. Vertreter des ICL, das die Messe veranstaltete, erinnerten auch daran, dass das Institut vor 50 Jahren auf Initiative Fidel Castros gegründet worden war.

Zu den interessantesten Veranstaltungen in diesem Jahr gehörte die Vorstellung der kubanischen Ausgabe von Ignacio Ramonets neuem Werk »El imperio de la vigilancia« (Das Imperium der Überwachung). Dieses Buch lese sich, als sei es von Winston Smith, der Hauptfigur in Orwells »1984«, geschrieben, sagte die kubanische Journalistin Rosa Miriam Elizalde bei der Präsentation. Whistleblower wie Julian Assange, Edgar Snowden und Bradley Manning hätten die schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Ramonet war 17 Jahre lang Chef von Le Monde Diplomatique und ist heute unter anderem Ehrenpräsident von ATTAC. Er betonte, dass er für sein Buch nur frei verfügbare Informationen verwendet habe. Sein Ziel seien keine Enthüllungen von Geheimnissen gewesen, statt dessen habe er deutlich machen wollen, wie Regierungen die Überwachung ihrer Bürger organisieren und dabei von Unternehmen wie Google, Facebook oder Apple unterstzützt werden.

Ein weiteres Highlight war die Präsentation einer kubanischen Ausgabe des im portugiesischen Original bereits 2015 erschienen Buches »Paraíso perdido« (Das verlorene Paradies) des Dominikaners Frei (Bruder) Betto. In bewusster Anlehnung an John Miltons weltbekanntes gleichnamiges Versepos, das davon handelt, wie Satan versucht, Gott die Macht zu entreißen, indem er als Schlange ins Paradies eindringt und den Sündenfall von Adam und Eva provoziert, beschreibt der brasilianische Befreiungstheologe den Untergang des realen Sozialismus. Aus seiner Sicht, sagte der Dominikaner, der sein Buch als »teilweise auch biografisch« bezeichnete, sei der Sozialismus die einzige Alternative, um »die Menschen aus der Armut zu befreien und die Menschheit vor der Barbarei zu schützen«. Ganz besonders berühre und ehre ihn, dass Fidel Castro ein Jahr vor seinem Tod zu diesem Werk ein vierseitiges Vorwort verfasst hat.

Zu Ehren des 2014 verstorbenen Schriftstellers Gabriel Garcia Márquez gab es ein Forum im Kulturzentrum »Casa de las Américas«. Anlass waren der 90. Geburtstag des Autors (am 6. März), der 50. Jahrestag der Erstveröffentlichung seines Opus Magnums »Hundert Jahre Einsamkeit« sowie der 35. Jahrestag der Verleihung des Literaturnobelpreises (1982) an ihn.

Nach dem Auftakt in Havanna zieht die »26. Internationale Buchmesse Cuba 2017« in den nächsten zwei Monaten von West nach Ost durch alle Provinzen des Landes, bis das Literaturfestival am 16. April in Santiago de Cuba beendet wird.

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