Aus: Ausgabe vom 22.02.2017, Seite 7 / Ausland

Hart und schlagfertig

Russlands Botschafter bei den Vereinten Nationen, Witali Tschurkin, ist tot. Er war einer der erfahrensten Diplomaten seines Landes

Von Reinhard Lauterbach
17.10.2016
Witali Tschurkin am 17. Oktober 2016 in New York

Der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin ist am Montag in New York verstorben. Nach Angaben US-amerikanischer Medien erlag er einen Tag vor seinem 65. Geburtstag einem Herzinfarkt. Mit zehn Jahren Dienstzeit am Potomac war Tschurkin einer der erfahrensten Diplomaten bei den Vereinten Nationen.

Der 1952 geborene Tschurkin lernte schon als Kind bei einer Emigrantin aus den USA Englisch und studierte an der Diplomatenhochschule »Institut für Internationale Beziehungen« Geschichte. 1974 trat er in den auswärtigen Dienst der Sowjetunion ein. Seine Laufbahn führte ihn immer wieder in das Epizentrum des Konflikts zwischen der UdSSR bzw. Russland und den USA. Er arbeitete als Übersetzer und Dolmetscher bei den SALT-Verhandlungen in Genf und spezialisierte sich anschließend auf die USA. An der sowjetischen Botschaft in Washington und später im Moskauer Außenministerium führte er den Brauch offener Pressekonferenzen ein. In den 1990er Jahren war Tschurkin Botschafter in Belgien und gleichzeitig bei der NATO, anschließend vertrat er die Interessen Russlands im auseinanderfallenden Jugoslawien. Von ihm stammt das Wort von der »gefährlichen Kettenreaktion«, die die westliche Anerkennung der Abspaltung des Kosovo von Serbien nach sich ziehen werde. Da wenige Monate später Russland seinerseits die Selbständigkeit der von Georgien abgefallenen Regionen Südossetien und Abchasien anerkannte, wurde dies im Nachhinein als verschleierte Warnung an die Adresse des Westens interpretiert.

2006 wurde Tschurkin auf den Posten des UN-Botschafters berufen, die zweitwichtigste Position, welche die russische Diplomatie zu vergeben hat. Seit der Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen hatte er viele Gelegenheiten, das russische Vetorecht im Sicherheitsrat auszuüben. Sein rhetorisches Talent kam ihm in den Debatten zugute. So begann er seine Antwort auf US-Vorwürfe wegen der russischen Übernahme der Krim mit der Formel »We, the people« – den ersten Worten der US-Verfassung. Auch das Volk der Krim habe seinen Willen zur Unabhängigkeit von der Ukraine klargemacht. Als US-Botschafterin Samantha Powers die russischen Luftangriffe auf Ostaleppo geißelte, keilte er zurück, seine Kollegin möge sich angesichts der Blutspur ihres eigenen Landes im Nahen Osten nicht »aufführen wie Mutter Teresa«. Die Welt würde »aufatmen«, wenn die USA und der Westen endlich »ihre kolonialen Gewohnheiten ablegen und die übrige Welt in Ruhe lassen« würden. Auf Vorwürfe des stellvertretenden UN-Generalsekretärs Stephen O’Brian an die Adresse Russlands konterte Tschurkin: »Wenn ich eine Predigt hören will, gehe ich in die Kirche, und wenn ich Lyrik hören will, gehe ich ins Theater. Hier sind wir in der UNO; halten Sie sich also bitte an die Fakten, wenn Sie dazu in der Lage sind.«

In den Mainstreammedien wird vor dem Hintergrund solcher Äußerungen ein Bild Tschurkins als das eines eiskalten Zynikers gezeichnet. Eher dürfte er ein Vertreter der extrem realistischen Schule der russischen Außenpolitik sein, die ihr Geschäft als Nullsummenspiel betreibt. In einem Vortrag verglich er internationale Politik einmal mit einem Fußballspiel: »hart, athletisch, selten schön«.

Der russische Präsident Wladimir Putin und Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew würdigten Tschurkins Leistungen für die russische Diplomatie. Auch seine politische Gegnerin Powers erwies ihm per Twitter Respekt: Sie sei »erschüttert«. Tschurkin habe sich »nach Kräften bemüht, die politischen Gegensätze zwischen Russland und den USA zu überbrücken«. Der ehemalige US-Botschafter in Moskau, Michael McFaul, nannte Tschurkin einen »Ausnahmediplomaten«. Nur die ukrainische UN-Delegation nutzte ihren gegenwärtigen Vorsitz im Sicherheitsrat, um die Verabschiedung einer offiziellen Würdigung für den Verstorbenen zu blockieren. Im Kiewer Fernsehen schickte ihm ein Regierungsvertreter »als Christ« den Wunsch nach, er möge zur Hölle fahren.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Ohne Gegenstimme (28.10.2016) 191 Staaten votieren in der UNO für ein Ende der Blockade gegen Kuba. USA und Israel enthalten sich
  • Wiederbelebtes Bündnis (06.05.2014) Spätestens seit 2006 verstärken Rußland und Syrien ihre zu Sowjetzeiten ­entwickelten Beziehungen. Im Kampf gegen eine unipolare, von den USA bestimmte Welt koordinieren beide Länder ihre Interessen
  • Strittige Rechtslage (19.03.2014) Juristische Aspekte zur Auflösung der Sowjetunion, zum Gründungsakt der GUS und zu dem der Ukraine sowie zum Status der Krim
Mehr aus: Ausland