Aus: Ausgabe vom 20.02.2017, Seite 4 / Inland

»Das reicht bis ganz nach oben«

Fall Oury Jalloh: Dessauer Staatsanwalt verschleppt Verfahren

Von Susan Bonath
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Demonstration in Dessau zum 12. Todestag von Oury Jalloh am 7. Januar 2017

»Wir hoffen auf Januar«, erklärte Staatsanwalt Olaf Braun im Dezember der Mitteldeutschen Zeitung. Dann wolle seine Behörde die Ergebnisse des Brandversuchs zum Feuertod Oury Jallohs im Polizeirevier Dessau bekanntgeben. »Die Messwerte, die genauen Zahlen liegen vor«, so Braun vor zwei Monaten. Nun müssten die Experten Rückschlüsse ziehen. Dabei hatte die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau zugesichert, spätestens Mitte Oktober 2016 Resultate zu verkünden. Bis heute, ein halbes Jahr nach der Vorführung des Versuchs vor Journalisten im sächsischen Schmiedeberg am 18. August 2016, ist jedoch nichts passiert.

Anfragen dieser Zeitung blockt Braun weiterhin ab. »Derzeit gibt es nichts mitzuteilen«, ließ er eine Mitarbeiterin zuletzt am Donnerstag ausrichten. Und: »Zu gegebener Zeit« werde man der Öffentlichkeit Ergebnisse präsentieren. Anwältin Gabriele Hei­necke, die Angehörige des Opfers vertritt, spricht von einem »Fakeversuch«. »Es war eine Show zur Beruhigung der Öffentlichkeit, um Transparenz zu vermeiden«, sagte sie Ende der Woche gegenüber jW. Auch sie und ihre Kollegin Beate Böhler würden hingehalten. Die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh rügt, das Verfahren werde »konsequent verschleppt«. »Man hält Hinterbliebene, deren Rechtsbeistände, die zwischenzeitlich einbezogene Presse und die Öffentlichkeit zum Narren.«

Dabei hatte die Staatsanwaltschaft den 170.000 Euro teuren Brandversuch als Transparenzoffensive gepriesen. Der Versuch unter Leitung der Gutachter Kurt Zollinger und des Diplomingenieurs Thorsten Prein (jW berichtete) war ein Vorstoß im seit Ende 2013 laufenden Mordermittlungsverfahren gegen Unbekannt. Er wirkte wie ein reines Desaster. Vieles stimmte nicht mit dem Tatort überein: Der Raum war nicht gefliest, die Matratze zu klein und beschädigt, ein Fenster gegenüber geöffnet, der Dummy mit Speckschwarten belegt und an den Extremitäten mit hitzeleitender Alufolie umwickelt.

Auch der Versuchsort im sechsten Stock eines maroden Plattenbaus hatte wenig gemein mit der Kellerzelle im Polizeirevier. Schon im September hatte der Düsseldorfer Brandexperte Jochen Schäfer gegenüber jW prophezeit: »Das war so dilettantisch, da kann es keine brauchbaren Ergebnisse geben.« Gleiches befand im Januar der internationale Londoner Sachverständige Iain Peck in einem Nachbericht. Zudem sei kein sinnvoller Ansatz verfolgt worden, hieß es darin. Lange bekannte Faktoren habe man ignoriert.

Deren Liste ist lang: 2012 hatten vom Landgericht Magdeburg bestellte Sachverständige in dem verschmorten Feuerzeug, mit dem Jalloh sich laut Polizei und Staatsanwaltschaft angeblich angezündet habe, keinerlei Spuren aus der Zelle gefunden. Statt dessen förderten sie eingeschmolzene Textilfasern und DNA-Spuren anderer Herkunft zutage. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg bestätigte dies zwei Jahre darauf. Zudem fand es zwei Tierhaare an dem Feuerzeug, das die Polizei drei Tage nach der Tat in einer Asservatentüte gefunden haben will. Klar ist aber: ohne Feuerzeug kein Selbstmord.

Experten resümierten außerdem, dass Oury Jalloh beim Ausbruch des Feuers bewusstlos gewesen sein müsse. Der Toxikologe Peter Iten aus der Schweiz und der Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos kamen zu dem Schluss, dass nur ein explosionsartig ausgebrochener Brand in Frage komme. Dies führe zu einem reflektorischen Atemstillstand und erkläre alle Befunde, wie fehlendes Kohlenmonoxid im Blut und keine erhöhten Noradrenalin-Werte. Jalloh müsse einen inhalativen Hitzeschock erlitten haben, erklärte Iten schon vor drei Jahren. Ein solcher »Feuerball«, für den auch die binnen 20 Minuten bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Leiche und die komplett herunter gebrannte Matratze als einzige Brandlast spreche, könne nur mit Brandbeschleunigern entstanden sein. Beim Versuch in Schmiedeberg wurde trotz »gezielter Brandförderung« (Peck) kein solches Ergebnis erreicht.

Die Initiative fordert seit langem von der Staatsanwaltschaft, jene Polizisten ins Visier zu nehmen, die für einen Mord an Jalloh in Frage kämen. Deren Kreis sei überschaubar. Sie tut es nicht. Höhere Instanzen wollen auch nicht greifen. Der Generalbundesanwalt hatte wiederholt Strafanzeigen nach Dessau verwiesen. Initiativen-Gründer Mouctar Bah ist überzeugt: »Das reicht bis ganz nach oben.« Das Bundesjustizministerium, von jW mit den Ungereimtheiten konfrontiert, beharrte am Donnerstag darauf, es handele sich um Ländersache. Darum werde man sich nicht dazu äußern, so Sprecherin Juliane Baer-Henney. Die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen-Anhalt antwortete bisher nicht. »Wir werden weitere Schritte einleiten«, versicherte Anwältin Heinecke. Hoffnungsvoll klang sie nicht.

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