Aus: Ausgabe vom 18.02.2017, Seite 15 / Geschichte

Der Feind im Inneren

Mit der »Executive Order 9066« ermöglichte US-Präsident Roosevelt im Februar 1942 die Internierung von US-Bürgern japanischer Herkunft

Von Jürgen Heiser
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Das »Tule Lake Relocation Center in Newell« (Kalifornien), undatierte Aufnahme

Ob der Angriff der Kaiserlich Japanischen Marineluftstreitkräfte am 7. Dezember 1941 die im Hafen von Pearl Harbor (Hawaii) vor Anker liegende Pazifikflotte der USA wirklich überraschend traf, bietet weiter Stoff für Streit unter Historikern. Tatsache ist, dass die USA den Überfall zum Anlass nahmen, einen Tag später offiziell in den Zweiten Weltkrieg einzutreten. Weite Teile der US-Bevölkerung waren bis zu diesem Zeitpunkt nicht zur Kriegsteilnahme bereit. Angesichts der bei dem Luftangriff getöteten 2.400 US-Amerikaner schlug die Stimmung jedoch um, und der Widerwille schwand.

Diesen Prozess verstärkte eine rassistische Kampagne gegen alle japanisch-amerikanischen US-Bürger, von denen die Mehrheit an der Pazifikküste der USA lebte. Auf dem Höhepunkt dieser Paranoia unterzeichnete Präsident Franklin D. Roosevelt am 19. Februar 1942 die »Executive Order 9066«. Das Dekret ermöglichte es, die an der Pazifikküste liegenden Bundesstaaten der nationalen Verteidigung und damit der Verfügungsgewalt des Kriegsministeriums zu unterstellen. Auf dieser Grundlage konnten die Staaten zu militärischen Sperrgebieten erklärt und »das Recht jeder Person, [sie] zu betreten, sich dort aufzuhalten oder sie zu verlassen, jedweder notwendigen oder wünschenswerten Beschränkung unterworfen werden«.

Kollektives Sicherheitsrisiko

Das Kriegsministerium unterschied in bezug auf die japanisch-amerikanische Bevölkerung nur formal zwischen »Enemy aliens«, also »Ausländern aus feindlichen Nationen«, die in Japan geboren waren und keine US-Staatsbürgerschaft besaßen, und »Enemies non-alien«, also »nichtausländischen Feinden«, nämlich Personen japanischer Herkunft, die qua Geburt US-Staatsbürger waren. Letztere machten zwei Drittel der in den USA lebenden Japaner aus. Sie alle galten jedoch seit Pearl Harbor allein durch ihre Abstammung als loyal gegenüber ihrem Ursprungsland und damit als Angehörige eines feindlichen Staates. Das Westliche Verteidigungskommando des US-Militärs sah in ihnen ein kollektives Sicherheitsrisiko und mögliche Urheber von »Akten der Spionage und Sabotage«. Gegen diese »Feindoperationen, die sowohl von innen als auch von außerhalb der Landesgrenzen« drohten, seien »militärische Schutzmaßnahmen zu ergreifen«, wie es in einer Evakuierungsanordnung hieß.

Wer von diesem Personenkreis in Bundesstaaten wie Kalifornien, Oregon oder Washington lebte, musste nach dem 19. Februar damit rechnen, Wohnung und Arbeitsplatz verlassen zu müssen und von der Umsiedlungsbehörde des Kriegsministeriums in eines der zehn »War relocation camp« genannten Internierungslager eingewiesen zu werden. Weil sie nicht sicher sein konnten, ob sie je in ihr früheres Leben zurückkehren dürften, verkauften viele japanisch-amerikanische Familien panikartig ihre Häuser, Geschäfte und sonstigen Besitz.

Ab 1942 wurden rund 120.000 Bürger japanischer Abstammung zwangsweise in Barackenlagern weitab von größeren Ortschaften hinter Stacheldraht und bewacht von Armee und Nationalgarde interniert. Die Hälfte von ihnen waren Kinder, manche blieben bis zu vier Jahre eingesperrt. Familien wurden auseinandergerissen und auf verschiedene Lager verteilt, die Roosevelt selbst »Concentration camps« nannte. Einige starben unter diesen Bedingungen aus emotionalem Stress und wegen der unzureichenden medizinischen Versorgung. Andere wurden bei Fluchtversuchen oder »Zuwiderhandlungen« gegen Anordnungen des Militärs erschossen.

Neben Bürgern japanischer Herkunft waren von den Maßnahmen auch Deutsche und Italiener mit US-Staatsbürgerschaft sowie andere Bürger mit Vorfahren aus »feindlichen« Nationen betroffen. Insgesamt wurden 11.000 Deutschstämmige und 3.000 Italienischstämmige interniert.

Juristische Aufhebung

Die von einigen Betroffenen angerufenen Gerichte der unteren Instanzen entschieden in der Regel gegen diese. Erst Ende 1944 entschied der Oberste Gerichtshof in Washington D. C., dass die in Folge der »Executive Order 9066« und ihren Ausführungsbestimmungen angeordnete Internierung »im Grundsatz« zwar rechtmäßig, im konkreten Fall der »amerikanischen Staatsbürgerin japanischer Abstammung« Mitsuye Endo, einer »erwiesenermaßen loyalen und gesetzestreuen Bürgerin der Vereinigten Staaten«, aber unzulässig sei. Die 1920 in Sacramento (Kalifornien) Geborene war 1942 im »Tule Lake War Relocation Center« in Newell interniert worden. Im Juli des Jahres hatte sie dagegen Klage eingereicht. Nachdem die unteren Instanzen die Klage abgelehnt hatten, kamen die obersten Richter erst mehr als zwei Jahre später zu einer anderen Entscheidung. »In Kriegszeiten verhängte Maßnahmen« seien dem Richterspruch zufolge so zu verstehen, dass mit ihnen »die bestmögliche Anpassung zwischen den verfassungsmäßigen Freiheiten des Bürgers und den Kriegsbedürfnissen« angestrebt werden müsse. Der alleinige Zweck der »Executive Order 9066« und ihrer Ausführungsverordnungen sei »der Schutz der Kriegsanstrengungen gegen Spionage und Sabotage« gewesen. Die Anordnung habe aber »keine Grundlage dafür geboten, [aus den Sperrgebieten] evakuierte loyale Bürger japanischer Abstammung« aus Gründen ihrer pauschal angenommenen »Gemeinschaftsfeindlichkeit in Gewahrsam zu nehmen«. Tatsächlich war auch nie einer der japanisch-amerikanischen Bürger wegen eines Spionagedelikts angeklagt worden.

Washington erklärte daraufhin, die Internierungen bis zum Ende des Jahres 1945 beenden zu wollen. Nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im August beendete die Kapitulation des japanischen Kaiserreichs am 2. September 1945 den Kriegszustand zwischen beiden Ländern. Das Internierungstrauma der japanisch-amerikanischen Bürger der USA wirkte indes noch Jahrzehnte nach.

Erst in den 1980er Jahren setzte der US-Kongress aufgrund des öffentlichen Drucks der Betroffenen und ihrer Nachfahren eine Kommission ein, die zu dem Schluss kam, dass die Internierungen nicht durch militärische Notwendigkeiten gerechtfertigt waren. Im Bericht der Kommission heißt es, die Ursachen lägen vielmehr in »rassistischen Vorurteilen, kriegsbedingter Hysterie und im Versagen der politischen Führung«. Im Ergebnis verabschiedete der Kongress das Gesetz »Civil Liberties Act of 1988«, das jedem noch lebenden Opfer 20.000 US-Dollar Entschädigung zusprach.

Ich erinnere mich daran, wie die Militärpolizei kam und unser Haus durchsuchte. Ich erlebte meine Eltern völlig hilflos und unfähig, mich zu beschützen. Das war eine ziemlich furchtbare, traumatische Sache. Ich saß auf der Bettkante, während sie die Schubladen meines Vaters durchwühlten. In der oberen Schublade hatte er Fotos aus der Zeit, als er noch in Hawaii lebte. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, waren die Militärpolizisten vielleicht 18 oder 19 Jahre alt, und irgendwie wussten sie nicht, was sie da machten. Ich meine, sie waren nicht böse zu uns. Sie haben uns nicht einfach erschossen, auch wenn ich zuerst dachte, dass sie das tun würden.

Ich saß auf der Bettkante, presste meine Knie zusammen und dachte: Ich darf nicht schreien. Ich darf mich nicht bewegen. Das sagte dieses Kind zu sich selbst. Ich hatte meine Finger zur Faust geballt, so sehr, dass meine Fingernägel sich in meine Hände und Knie eingruben, so dass ich mich mehr auf diesen Schmerz konzentrieren konnte als auf das, was um mich herum passierte. Irgendwie war mir klar, dass ich mich in Todesgefahr befand. Ich war ein fünfjähriges Mädchen. Ich wusste es nicht, aber ich fühlte es.

Mündliches Zeugnis der 1937 in San Francisco geborenen Kindergärtnerin Janet Daijogo auf dem Oral-history-Portal »Telling Their Stories« aus dem Jahr 2005. Von ihrem 5. bis 8. Lebensjahr war Janet Daijogo im Lager von Topaz (Utah) interniert. Übersetzung: Jürgen Heiser

http://www.tellingstories.org/­internment/

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