Aus: Ausgabe vom 15.02.2017, Seite 12 / Thema

Millionen für die »Volksgenossen«

Mit der Sudetendeutschen Partei verfügten die Nazis über eine fünfte Kolonne in der Tschechoslowakei, die sie großzügig finanzierten. Sie spielte eine zentrale Rolle bei der Zerschlagung des Nachbarstaates

Von Rainer Zilkenat
S 12 bild 1.jpg
Völkischer Vorturner der Sudetendeutschen. Konrad Henlein am 7. Juli 1938 im tschechischen Chomutov

»Fall Grün« – so lautete die Bezeichnung des im Frühjahr 1938 formulierten Operationsplanes für die Zerschlagung der Tschechoslowakei (CSR) durch die Nazi-Wehrmacht. Er beinhaltete unter anderem Maßnahmen, die darauf abzielten, die politische Lage in der damaligen CSR am Vorabend der beabsichtigten Aggression zu destabilisieren. Mit der am 1. Oktober 1933 gegründeten Sudetendeutschen Partei (SdP) unter der Leitung von Konrad Henlein, die an der Jahreswende 1937/38 über fast 550.000 Mitglieder verfügte, stand Hitler, seinen Partei­dienststellen, Generälen, Geheimdiensten und Diplomaten eine willfährige Organisation zur Verfügung, die in der Lage war, den für den Sommer 1938 geplanten Angriff optimal vorzubereiten.

Wohl selten in der neueren Geschichte wurde systematisch eine derartige Fülle von geheimen Operationen unterschiedlichster Art gegen ein friedliches Nachbarland organisiert. Dabei spielten Fragen der Alimentierung der SdP eine zentrale Rolle.

Bereits seit den Jahren der Weimarer Republik flossen kontinuierlich und auf versteckten Wegen bedeutende finanzielle Mittel in die CSR. Nach der Machtübernahme der ­NSDAP steigerte sich die Höhe der Zuwendungen beträchtlich. So ersuchte am 13. Februar 1937 der Legationsrat Günther Altenburg den Stab von Hermann Göring, 100.000 Reichsmark »für sudetendeutsche Zwecke« durch das Auswärtige Amt anzuweisen. Dabei handle es sich allerdings nur »um die erste Rate einer Gesamtsumme von einer Million Reichsmark«.

Aber nicht nur erhebliche Geldbeträge, sondern auch Unmengen von in der Tschechoslowakei verbotener Naziliteratur wurden zur ideologischen Schulung der SdP-Kader ausgeführt. Mitglieder der Sudetendeutschen Partei nahmen häufig an ­NSDAP-Veranstaltungen in grenznahen Orten teil, Personenlisten von Sozialdemokraten und Kommunisten, aber auch von Aktiven anderer linker Organisationen wurden nach Deutschland übermittelt. Schließlich wurden geheime Waffenlager für den »Tag X« angelegt.

Die »Abwehr«, die Spionageorganisation der Wehrmacht, schuf im Zusammenhang mit der Vorbereitung des »Falles Grün« ein »Sudetendeutsches Freikorps«, das im Vorfeld des Überfalls deutscher Truppen deren Vormarsch durch Sabotage- und Terrorakte vorbereiten und unterstützen sollte.

Militärspionage und »Volkssport«

Als wirkungsvolles Instrument im Kampf gegen die Tschechoslowakei erwies sich der »Hilfsverein für Deutschböhmen und Sudetenland«. Vor allem im Krisenjahr 1923, als nach der Ruhr-Besetzung durch alliierte Truppen eine bewaffnete Konfrontation mit Frankreich nicht ausgeschlossen werden konnte, organisierte der »Hilfsverein« für die Reichswehr ein dichtes Netz von Informanten in der CSR, um die militärische und politische Führung in Berlin rechtzeitig zu warnen, falls die Tschechoslowakei – ein enger Alliierter Frankreichs – im Falle eines bewaffneten Konflikts an der Seite der Franzosen kämpfen würde. Nicht zuletzt ging es um Angaben über die Anwesenheit französischer Offiziere, die als Ausbilder bzw. Berater in der Armee der CSR tätig waren. Koordiniert wurden diese Aktivitäten von den »Abwehr«-Stellen der Reichswehr-Generalkommandos in Breslau und Dresden. Ebenfalls an der Organisation von Spionagetätigkeiten gegen die CSR waren Beamte der sächsischen Polizei bzw. des Landesinnenministeriums beteiligt.

Bereits für das Jahr 1920 sind eingehende Beobachtungen der Verhältnisse im tschechoslowakischen Heer durch deutsche Agenten überliefert. Sie berichteten z. B. im August 1920 über die Weigerung junger Männer in Asch, Weidenau, Eger und Braunau, sich als Wehrpflichtige mustern zu lassen: »Bei der Musterung in Weidenau am 3.8. dieses Jahres marschierten zu dem festgesetzten Zeitpunkt etwa 500 Gestellungspflichtige geschlossen unter Absingen des Liedes ›Deutschland, Deutschland über alles‹ an dem Musterungslokal vorbei, ohne sich mustern zu lassen.« Interessant ist der Hinweis, dass »viele Gestellungspflichtige über die Grenze, besonders die bayerische«, geflüchtet seien. Im gleichen Bericht ist von Beobachtungen des Verkehrs auf den Bahnstrecken der CSR (Truppentransporte) die Rede, außerdem wird die Ausbreitung »bolschewistischer« Stimmungen im Heer analysiert.

Als ein Zentrum irredentistischer und auch bereits faschistischer Aktivitäten vor 1933 ist die Studentenschaft an der Deutschen Universität Prag anzusehen. Hier existierte der »National-Sozialistische Deutsche Studentenbund«, auf dessen Briefbögen unübersehbar das Hakenkreuz prangte. Im März 1931 verfügte diese Nazigruppierung bereits über etwa 180 Mitglieder, wie sie in einem Schreiben an Adolf Hitler mitzuteilen wusste. Der Zweck dieses Briefes vom 21. März 1931 an den »Führer« der ­NSDAP bestand darin, ihn zu bitten, für eine Veröffentlichung anlässlich der bevorstehenden Wahlen der Studentenvertretung einen Artikel zur Verfügung zu stellen. Kurze Zeit später, im August 1931, ist in einem neuerlichen Schreiben an Adolf Hitler von einem weiteren Beitrag die Rede, den er für die Zeitschrift des Studentenbundes (»Burschen heraus!«) zu schreiben versprochen habe: »In Flugzetteln und Aufrufen haben wir schon hingewiesen, dass Ihr Artikel (…) erscheinen wird. Es wäre ein großartiger Erfolg für unsere Bewegung, wenn Ihr Artikel oder Aufruf in unserem Blatt veröffentlicht werden könnte.«

Die Aktivitäten faschistischer Studenten in der CSR beschränkten sich jedoch nicht auf bloße Propaganda. Im Mai 1932 wurden etliche Hochschüler sowie andere Mitglieder der sudetendeutschen Jugendvereinigung »Jungsturm« und des bereits 1919 von der in der CSR tätigen Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei gegründeten, paramilitärischen, SA-ähnlichen »Volkssport« wegen der Abhaltung manöverähnlicher Geländespiele verhaftet. Insgesamt 267 Angehörige dieser Organisationen waren schließlich wegen »Hochverrates« angeklagt worden.

In einer Aufzeichnung des Auswärtigen Amtes vom 1. Oktober 1932 wird durchaus zutreffend das folgende Motiv für die harten Strafverfolgungsmaßnahmen der tschechoslowakischen Justiz genannt: »Nicht die Geländeübungen der Angeklagten und das mehr oder weniger kindliche Soldatenspiel der jungen Akademiker seien es, die die Behörden und die tschechische Presse so feindselig gestimmt haben, sondern vor allem die Tatsache, dass sich Sudetendeutsche in ihrer Gesinnung mit dem Ziel einer reichsdeutschen Bewegung identifiziert haben, ein Ziel, das der Staatsanwalt mit dem Begriffe ›Großdeutschland‹ umschrieb.«

In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden, dass die sudetendeutschen Studenten und andere junge »Volkssport«-Mitglieder reichlich Unterstützung aus Deutschland erhielten. So wurden nicht nur Nazipamphlete in großer Menge illegal eingeschmuggelt. Gelegentlich beteiligten sich auch »Reichsdeutsche« an den »Volkssport«-Aktivitäten der sudetendeutschen Nazis. So berichtete das Konsulat in Reichenberg am 7. Juli 1931 dem Auswärtigen Amt, dass drei namentlich genannte junge Männer, alle deutsche Staatsbürger und Mitglieder der ­NSDAP, in Friedland wegen der Teilnahme an »Umzügen von Hitler-Leuten und manöverähnlichen Übungen« verhaftet worden seien.

Sehr bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass offenkundig recht enge Beziehungen zwischen der »Abwehr«-Abteilung im Reichswehrministerium und den im September 1932 in erster Instanz verurteilten »Volkssport«-Angehörigen bestanden. Der deutsche Gesandte in Prag, Walter Koch, vermerkte in einem Schreiben an den Legationsrat im Auswärtigen Amt, Viktor von Heeren, am 29. Januar 1933, dass man dort – in der »Abwehr«-Abteilung des Reichswehrministeriums – wegen des fehlenden Engagements der deutschen Diplomaten in Prag zugunsten der Angeklagten »neuerdings recht schlecht auf die hiesige Gesandtschaft zu sprechen« sei. Süffisant fügte er hinzu, dass »in der Urteilsbegründung sich Ausführungen über die Beziehungen zwischen Reichswehr und SA-Leuten« befänden, »die angeblich geeignet waren, auch die hiesigen angeklagten Nationalsozialisten zu Hilfsorganen der deutschen Reichswehr zu machen«.

Tatsächlich hatte die »Abwehr« allen Grund, den »Volkssport«-Angehörigen, die im erwähnten Prozess unter Anklage gestellt worden waren, jede erdenkliche Unterstützung zuteil werden zu lassen. Denn aus der Aufzeichnung einer Besprechung, die am 31. März 1933 im Auswärtigen Amt unter dem Vorsitz des Ministerialdirektors Gerhard Köpke stattfand – der Reichskanzler hieß mittlerweile Adolf Hitler – geht zweifelsfrei hervor, dass die betreffenden Sudetendeutschen im Dienste der »Abwehr« standen. Der sicherlich nicht zufällig anwesende »Kapitänleutnant Schubert von der Abwehr-Abt. des Reichswehrministeriums« sicherte seinen Gesprächspartnern zu, dass seine Behörde 20.000 Reichsmark aufbringen werde, um die Verteidigung der Angeklagten finanziell sicherzustellen. Schließlich übergab der deutsche Gesandte Walter Koch am 29. April 1933 dem Prager Rechtsanwalt Stark in den Räumen der deutschen diplomatischen Vertretung gegen entsprechende Quittung 86.950 Kronen. Koch vermerkte ausdrücklich, dass dieses Geld »vom Reichswehrministerium (Abwehrabteilung)« übersandt worden sei.

Beschleunigte Faschisierung

Die Machtübernahme der Nazis in Berlin stimulierte das Handeln der irredentistischen Kräfte. Dies betraf vor allem die Schwesterpartei der ­­NSDAP, die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP). Für die Beziehungen zu den Gesinnungsgenossen in Deutschland galt: Es verstärkten sich an der Basis die grenzüberschreitenden Kontakte beider faschistischer Parteien, tschechoslowakische Staatsbürger schrieben sich vereinzelt bei ­NSDAP und SA ein.

Der deutsche Konsul in Brno (Brünn), Graf von Bethusy-Hoc, berichtete am 24. Mai 1933 dem Auswärtigen Amt, dass mittlerweile im Hultschiner Ländchen fünf feste und acht lose Ortsgruppen der ­NSDAP bestünden. Die Kreisleitung der ­NSDAP im bayerischen Selb teilte dem Reichsministerium des Innern mit, dass an einer Kundgebung in ihrer Stadt, die am 2. März 1933 anlässlich der bevorstehenden Reichstagswahlen organisiert worden war, zahlreiche tschechoslowakische Staatsbürger aus Asch, darunter auch eingeschriebene Mitglieder der ­NSDAP, teilgenommen hätten.

s 12 1-web_bundesarchiv.jpg
Die Sudetendeutsche Partei bittet das Auswärtige Amt in Berlin um regelmäßige ­Zuwendungen (Faksimile aus dem Bundesarchiv)

Nachdem bereits das Tragen von Hakenkreuzabzeichen, der Vertrieb von Nazischriften und die Mitgliedschaft in der ­NSDAP, der SA und SS untersagt und unter Strafe gestellt war, stand das Verbot der DNSAP gegen Ende des Jahres 1933 unmittelbar bevor. Bereits am 23. Februar 1933 war die Immunität einiger ihrer Abgeordneter aufgehoben worden. Um der drohenden Illegalisierung zuvorzukommen, löste sich am 3. Oktober 1933 die faschistische Partei in der Tschechoslowakei selbst auf. Ungeachtet dessen erfolgte am 4. Oktober 1933 das formelle Verbot der DNSAP.

Beleg für die verstärkten Aktivitäten der Nazis innerhalb der CSR war die Tatsache, dass – wie die Prager Gesandtschaft am 19. Juni 1933 dem Auswärtigen Amt meldete – inzwischen »1.500 politische Prozesse gegen nationale Sudetendeutsche anhängig sind und dass sich 700 Personen aus politischen Gründen in Untersuchungshaft befinden«. Trotz aller Verbotsmaßnahmen und Strafverfolgungen war eine sich immer schneller entwickelnde Faschisierung unter den Sudetendeutschen unverkennbar. Das wurde auch öffentlich demonstriert. In den Berichten deutscher Diplomaten finden wir plastische Schilderungen davon, wie sich derartige Stimmungen artikulierten. So schreibt Konsul von Bethusy-Hoc am 24. Mai 1933: »Namentlich unter der Jugend hat die Erhebung in Deutschland einen starken Widerhall gefunden. Die Begeisterung für die Ideen des Nationalsozialismus und für den Führer Hitler selbst ist gewaltig. Überall ertönt der Ruf ›Heil Hitler‹, das Horst-Wessel-Lied wird gesungen, man begrüßt sich mit dem Faschistengruß. Aus den Zeitungen war mehrfach zu ersehen, dass bald auf einer Kirche, bald auf der Spitze eines hohen Baumes eine Fahne mit Hakenkreuz wehte; auch die kleinen Dorfjungen ziehen mit ihren Taschentüchern herum, auf denen ein Hakenkreuz in primitiver Form angebracht ist. Im Zusammenhang damit hat sich die Meinung verstärkt, dass für das Hultschiner Ländchen bald die Wiedervereinigung mit dem Reiche kommen werde.«

Nachdem sich die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei selbst aufgelöst hatte, trat die Sudetendeutsche Partei (SdP) als ihre Nachfolgeorganisation am 1. Oktober 1933 unter der Leitung von Konrad Henlein, dem Mentor der »völkischen Turnerbewegung« der Sudetendeutschen ihre Nachfolge an.

Die Schlagkräftigkeit der SdP, ihre schier unbegrenzten Wahlkampfmittel sowie eine eigenständige Presse wäre ohne umfangreiche finanzielle Zuwendungen aus Nazideutschland nicht möglich gewesen. In den Geheimakten des Auswärtigen Amtes findet sich eine Fülle von Belegen, die genauen Aufschluss über die Höhe der Zahlungen zugunsten der Henlein-Faschisten sowie die jeweiligen Überbringer und Empfänger geben.

Das waren mal 4.300 Kronen am 3. Oktober 1936 für die Tätigkeit deutscher Studenten in Prag und mal 566.000 Kronen am 31. Mai 1937, die an den Stellvertreter Henleins, Karl Hermann Frank, für die Finanzierung der Aktivitäten der SdP ausgezahlt wurden. Insgesamt sind über die deutsche Gesandtschaft allein von März 1936 bis Anfang 1938 etwa 9,1 Millionen Kronen in die Kassen der Sudetendeutschen Partei geflossen. Das entsprach – den damaligen Umtauschkurs zugrunde gelegt – einer Summe von ungefähr einer Million Reichsmark. Zu diesen seit dem Frühjahr 1936 genau registrierten Überweisungen sind natürlich noch die Gelder zu addieren, die die Organisation bereits zuvor erhalten hatte.

Geheime Unterstützung

Dies betraf vor allem die Finanzierung der Auftritte der SdP vor den Parlamentswahlen im Mai 1935, an deren erfolgreichem Abschneiden die maßgeblichen Stellen im »Dritten Reich« ein großes Interesse besaßen. Deshalb war es nicht erstaunlich, dass Henlein für diesen Zweck 331.711,30 Reichsmark zur Verfügung gestellt wurden, eine für damalige Verhältnisse gewaltige Summe, die reichlich Rendite für den spendablen Geber abwerfen sollte. »Es ist wohl sicher«, schreibt Walter Brand, einer der engsten Vertrauten Henleins, »dass ohne Geld aus dem Reich es unmöglich gewesen wäre, diesen Wahlkampf durchzustehen.«

Zu diesem Zahlungsvorgang erschließt sich in den Akten des Auswärtigen Amtes übrigens ein interessantes Detail. Mehr als die Hälfte der genannten Summe, nämlich 185.000 Reichsmark, waren von deutschen Firmen in der Tschechoslowakei bereits an die SdP »verauslagt« worden. Für diesen Betrag hatte zunächst der »Verband für das Deutschtum im Ausland« (VDA) eine »unwiderrufliche Bürgschaft« übernommen. »Wir haben uns«, so teilte diese umtriebige Organisation dem Auswärtigen Amt in einem Schreiben vom 29. Mai 1935 mit, »unter Mitbürgschaft der Deutschen Bank und Discontogesellschaft verpflichtet, diesen Betrag bis zum 10. August d. Js. in der Tschechoslowakei in Kronen zu erstatten.«

Ein bestimmter der Teil der finanziellen Zuwendungen aus Deutschland entfiel auf die Unterstützung von »in Not geratenen Sudetendeutschen«, womit indes einzig die Faschisten gemeint waren, die z. B. wegen gesetzwidriger Handlungen unter Anklage standen. Adolf Hitler persönlich hatte seinen Staatssekretär Hans Heinrich Lammers im Dezember 1933 damit betraut, Reichs­außenminister Konstantin von Neurath mitzuteilen, dass »innerhalb Ihres Geschäftsbereiches alles geschieht, um unter Wahrung der aus außenpolitischen Gründen gebotenen Vorsicht der Notlage der Sudetendeutschen Nationalsozialistischen Partei im allgemeinen (die zum Zeitpunkt dieses Schreibens bereits verboten worden war, R. Z.) und der unter Anklage oder Verfolgung stehenden Mitglieder im besonderen abzuhelfen. Der Herr Reichskanzler bringt dem Schicksal der sudetendeutschen Volksgenossen seine wärmste Anteilnahme entgegen.«

Der Umfang und die Logistik dieser »Hilfsmaßnahmen« stellten ein Problem dar, zumal die deutsche Gesandtschaft in Prag involviert werden sollte. Falls die tschechoslowakischen Behörden illegale Zahlungsströme von Deutschland in die CSR zur Finanzierung sudetendeutscher Aktivitäten hätten nachvollziehen können, wäre die diplomatische Immunität der Gesandtschaft gefährdet gewesen und die deutsche Außenpolitik in schwerwiegender Weise kompromittiert worden. Eine in den Quellen namentlich nicht genannte Persönlichkeit sollte deshalb die Kontakte zur verbotenen DNSAP herstellen, deren Strukturen (jetzt legalisiert innerhalb der SdP) offensichtlich noch intakt waren und den dort zu unterstützenden Personen Geld auszahlen: »Zunächst erhielt der betr. Herr 8.036 Kronen als persönliche Spende des Herrn Reichskanzlers für die Gattin des verstorbenen Abgeordneten Knirsch sowie 30.000 Kronen als Januarrate für die Unterstützung notleidender Mitglieder und Familien der Partei. Des weiteren wurde ihm mitgeteilt, dass (…) die für die nächsten Monate laufende Unterstützung von je 30.000 Kronen sowie die Verteidigungskosten für die politischen Prozesse in der vorgeschlagenen Höhe von 180.000 Kronen bewilligt würden.«

Das Auswärtige Amt seinerseits hatte bereits am 19. Dezember 1933 in einer Ressortbesprechung mit Vertretern des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda und des Reichsministeriums des Innern zugesagt, aus eigenen Mitteln bis zu 30.000 Reichsmark für die »Finanzierung der Verteidigung der gegen die sudetendeutschen oder reichsdeutschen Nationalsozialisten in der Tschechoslowakei angestrengten politischen Prozesse« zur Verfügung zu stellen und darüber hinaus einmalig 10.000 Reichsmark an die Gesandtschaft in Prag zu überweisen, »zur sofortigen Linderung dringendster Notfälle«. In den folgenden sechs Monaten würden jeweils 5.000 Reichsmark zur Verfügung stehen, die über absolut zuverlässige Vertrauensleute an die Empfänger geraten sollten. Diese Gelder sollten »ausnahmsweise und unter Zurückstellung aller Bedenken durch den diplomatischen Kurier der Gesandtschaft« weitergeleitet werden. Sie müssten, wie es hieß, »von den Vertrauensleuten in eigener Verantwortung ohne schriftliche Anweisungen oder Belege verwaltet werden«.

Bestens ausgestattet

Abschließend darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch deutsche Unternehmen zu den Finanziers der SdP zählten. Am Vorabend der Aggression Hitlerdeutschlands gegen die CSR war es z. B. die I.G. Farbenindustrie AG, die über die »Nationalsozialistische Volkswohlfahrt« dem »Sudetendeutschen Hilfswerk« und ausdrücklich auch dem terroristischen »Sudetendeutschen Freikorps« am 22. September 1938 100.000 Reichsmark zukommen ließ.

Übrigens hatte Konrad Henlein ein besonders schönes Geschenk von der Firma »Horch« erhalten, der Vorgängerin des heute zum VW-Konzern gehörenden Automobilproduzenten »Audi«. Der stets gut informierten Tageszeitung Prager ­Presse zufolge habe das genannte Unternehmen Henlein eine Luxuslimousine mit einem Achtzylindermotor und fünfeinhalb Liter Hubraum »überlassen«. Die Zeitung ahnte wohl nicht, wie nah sie der Realität war, als sie schrieb: »Nächstens lässt er sich vom Papierkartell in Deutschland das Papier für die Presse und die Flugblätter zahlen, von dem Textilkartell die Uniformen seiner Angestellten, vom Möbelkartell die Einrichtung seiner Kanzlei und von der Reichsbank die Gage für seine Sekretäre.«

Nicht immer wurde Bargeld übermittelt. In einigen Fällen übergab der deutsche Gesandte auch Wertpapiere an den Empfänger von der Sudetendeutschen Partei, die aus den Beständen der Reichsbank stammten. So wurden im Mai und Juni 1937 festverzinsliche Wertpapiere von Unternehmen, die in der Tschechoslowakei ansässig waren, an den Henlein-Stellvertreter Frank ausgehändigt. Der addierte Nennwert dieser Obligationen betrug ca. 64.000 Kronen, der Zinssatz drei bzw. vier Prozent.

Finanzielle Zuwendungen vom Auswärtigen Amt erhielt auch das von Friedrich Bürger in Berlin geleitete Büro Henleins. An ihn flossen seit 1937 nicht weniger als 3.000 Reichsmark monatlich. Möglicherweise gelangte ein Teil dieses Geldes sowie Mittel aus anderen Quellen an die SdP in der Tschechoslowakei, denn Bürger übergab dem eingangs erwähnten Legationsrat Altenburg gelegentlich versiegelte Briefe bzw. Päckchen mit dem Adressaten »Dietrich«, die über die deutsche Gesandtschaft in Prag an Karl Hermann Frank weitergeleitet wurden. Sehr wahrscheinlich enthielten diese Umschläge Bargeld.

Als am 1. Oktober 1938 die Wehrmacht die Tschechoslowakei überfiel, rentierten sich die Investitionen der vergangenen Jahre. Wochenlang hatten sudetendeutsche Banditen, die im von Bayern und Sachsen aus gesteuerten Freikorps blutigen Terror gegen Polizei, Zoll und Militär sowie gegen politisch unliebsame Personen ausgeübt hatten, den Boden bereitet. Hinzu kam ein beispielloser Propagandafeldzug angesichts angeblicher Repressionen gegen die deutsche Bevölkerung der CSR, die zu einem »Strom von Flüchtlingen« nach Deutschland geführt hätten.

Rainer Zilkenat schrieb an dieser Stelle zuletzt am 8.10.2016 über die geheimen Aufrüstungs- und Kriegspläne der Reichswehr Mitte der 1920er Jahre

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche: