Aus: Ausgabe vom 31.01.2017, Seite 5 / Inland

Lufthansa zieht Daumenschrauben an

Konzern droht Piloten mit Ausgliederung. Leasinggeschäft mit Air-Berlin genehmigt

Von Jennifer Weichsler

Am heutigen Dienstag endet die Schlichtung im Tarifkonflikt zwischen den 5.400 Piloten der Gewerkschaft Cockpit (VC) und der Lufthansa. Die Konzernchefs haben im Vorfeld abermals den Druck erhöht. Am Montag gab das Bundeskartellamt dem Dax-Konzern grünes Licht dafür, 38 Jets aus der Flotte des angeschlagenen Konkurrenten Air Berlin zu mieten. Am Wochenende hatte Lufthansa-Vorstandsmitglied Harry Hohmeister erklärt, dass der Konzern bei einem aus seiner Sicht zu hohen Tarifabschluss Investitionen umleiten könne. Statt von der Lufthansa-Kerngesellschaft könnten neue Flugzeuge von den Schwestergesellschaften oder einem weiteren »Lufthansa-nahen« Unternehmen betrieben werden. Lufthansa mietet die Air-Berlin-Jets samt Besatzungen über einen Zeitraum von sechs Jahren an und will sie bei ihren Töchtern Austrian und Eurowings einsetzen.

Die Vereinigung Cockpit sieht durch die Äußerungen Hohmeisters die Schlichtung beeinflusst. »Der Vorstand will offenbar den Schlichter einschüchtern, weil er der Kraft der eigenen Argumente nicht traut«, sagte VC-Sprecher Jörg Handwerg am Sonntag abend. Das sei sicherlich nicht hilfreich. Neu ankommende, eigentlich für Lufthansa Classic vorgesehene Jets könnten in andere Konzerngesellschaften integriert werden, in denen der Cockpit-Tarifvertrag nicht gilt, so die Erklärung Hohmeisters. Kurzfristig könne das über die Lufthansa-Schwestern Swiss und Austrian geschehen. Die Lufthansa hat bereits in der Vergangenheit unter dem Projektnamen »Jump« Langstreckenflugzeuge mit Piloten der Regiotochter Lufthansa Cityline besetzt, die weniger verdienen als ihre Kollegen im Konzerntarifvertrag der Classic. Diese im Vertrag vorgesehene Ausnahme könne man wieder forcieren und fünf bis sechs weitere Langstreckenmaschinen so betreiben, sagte Hohmeister. »Das reicht aber vielleicht nicht aus. Wir müssen auch über eine echte Alternative im Lufthansa-Kerngeschäft nachdenken.« Als mögliche Größe der neuen Gesellschaft nannte er 30 bis 40 Maschinen. »Das ist keine Tarifflucht, sondern das ist eine Flucht vor einem bislang nicht kompromissfähigen Tarifpartner«, sagte Hohmeister. Lufthansa bietet den Piloten über einen mehrjährigen Tarifzeitraum eine Einmalzahlung und 4,4 Prozent mehr Geld. Cockpit verlangt über 20 Prozent mehr Gehalt. »Wenn man sich jetzt irgendwo dazwischen trifft, löst das zusätzliche Millionenkosten auf einem ohnehin bereits zu hohen Sattel aus«, sagte Hohmeister.

Kartellamtspräsident Andreas Mundt erklärte am Montag: »Die Übernahme von Flugzeugen eines Wettbewerbers ist wettbewerblich anders zu bewerten als etwa die Übernahme des gesamten Unternehmens.« So übernehme die Lufthansa von Air Berlin keine Start- und Landerechte. Dabei spielt es keine Rolle, dass Lufthansa bis zu 15 Jets den bisherigen Leasinggebern abkauft und bei bis zu zehn weiteren Jets als Leasingnehmer anstelle der Air Berlin in die Verträge einsteigt. Die Flugzeuge werden dann an die Berliner vermietet und mit deren Besatzungen für Lufthansa-Gesellschaften eingesetzt. Drei Jets sind bereits auf die Eurowings-Farben umlackiert. Dass die Lufthansa mit den zusätzlichen Maschinen expandieren könne, reiche nicht aus, um das Vorhaben zu untersagen, erklärte die Behörde mit Blick auf den europäischen Markt für Kurz- und Langstreckenflüge. Hier habe Lufthansa keine marktbeherrschende Größe. Unter anderem hatte Europas größter Billigflieger Ryanair das Leasinggeschäft kritisiert, mit dem rund ein Drittel der Air-Berlin-Flotte in den Lufthansa-Konzern wechselt.

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