Aus: Ausgabe vom 25.01.2017, Seite 11 / Feuilleton

Auf dem Silbertablett

Kunstmarktkunst trifft Totalitarismustheorie: Potsdam und sein Museum Barberini

Von Susan Geißler
Museum_Barberini_vor_51649605.jpg
Im preußischen Ambiente mit Betrachtungshilfe: Mattheuers »Jahrhundertschritt« im Innenhof des Barberini

Seit Montag besitzt Potsdam ein Kunstmuseum von Weltrang, erbaut und zum Großteil ausgestattet mit der Sammlung von Hasso Plattner. Der Mitgründer des Software-Unternehmens SAP hat die Potsdamer von ihrem ewigen Vorstadttrauma erlöst, zwar über Weltkulturerbe in Form dreier riesiger Parks und diverser malerischer Schlösser zu verfügen, aber in weniger friderizianischen Kulturangelegenheiten hilflos hinter Berlin herzudackeln.

Insofern ist das eher modern orientierte Museum Barberini ein Gewinn, wenn auch nicht gleich »ein großes Geschenk« für Potsdam, wie Oberbürgermeister Jann Jakobs in Richtung Plattner liebedienerte. Die Großzügigkeit des Stifters hat ihren Preis. Als 2015 ein neues Gesetz die Ausfuhr »national wertvollen Kulturguts« erschweren sollte, musste er einen Wertverlust seiner Sammlung befürchten, drohte deren Abzug Richtung USA an und sagte einer Potsdamer Tageszeitung: »Deutschland würde damit einen wahnsinnigen Kulturverlust erleiden und müsste auf die größte Impressionistensammlung verzichten, die es in diesem Land je gegeben hat.« Kann ein nationales Erbe noch so genannt werden, wenn es sich in Privatbesitz befindet? wäre eine Frage, die sich daraus ergibt. Eine andere: Wer gestaltet diese Stadt?

Vor dem Museum Barberini hatte Plattner bereits das nach ihm benannte Institut an der Uni Potsdam gestiftet, dessen Ziel die Verknüpfung von Wissenschaft und Wirtschaft ist. Demnächst wird es zur eigenständigen Fakultät umgewidmet, humboldtsche Freiheit der Wissenschaft ahoi. Nach dem Verdienstorden des Landes Brandenburg und der Ehrendoktorwürde der Uni Potsdam erhielt Plattner pünktlich zur Museumseinweihung die Ehrenbürgerschaft der Stadt. Wohl auch als Dank für die 20 Millionen Euro, die er für die Fassade des wiedererrichteten Stadtschlosses spendete, das nun als Landtagssitz in Potsdams Mitte zwischen den Resten der neueren Architekturgeschichte steht und darauf wartet, dass die Stadt, konsequent durchhistorisiert, im alten preußisch-militaristischen Glanze erstrahlt.

Kopie einer Kopie

Wie Stadtgestaltung in Potsdam funktioniert, lässt sich am Palais Barberini gut studieren. Ursprünglich sollte das ehemalige Interhotel (heute Hotel »Mercure«) für Plattners Kunsthalle abgerissen werden. Nach zäher Diskussion, in der ein großer Teil der Bürger den Standpunkt vertrat, hässlich sei nicht gleich überflüssig, wollte Plattner am Jungfernsee am Stadtrand bauen. Es folgte ein großes Bitten und Locken der Politik, die es sich mit dem großen Geld ungern versaut. 2013 bekam der Milliardär schließlich das Palais auf dem Silbertablett präsentiert – bei einem gemeinsamen Abendessen mit Günther Jauch und dem damaligen SPD-Ministerpräsidenten Matthias Platzeck.

Als Kunsthaus ist der Bau in unmittelbarer Nachbarschaft des Stadtschlosses ohne Zweifel geeignet, auch wenn er als Kopie eines 1772 schon als Kopie errichteten Gebäudes nicht eben von städtebaulicher Phantasie zeugt. Die hohen, großzügigen Säle mit 2.200 Quadratmetern Ausstellungsfläche auf drei Etagen verfügen über ein klares, modernes Lichtkonzept und optische Geschlossenheit. Raumfluchten werden klug genutzt, um die Magnetwirkung einzelner Bilder spürbar zu machen. Das Museum eröffnete mit der Ausstellung »Impressionismus. Die Kunst der Landschaft«, in der neben Gemälden aus Plattners Sammlung auch Leihgaben weltbekannter Häuser (Ermitage St. Petersburg, Denver Art Museum) sowie privater Sammler zu sehen sind. Auch ohne Kunststudium erhält man einen guten Überblick über die Entwicklung der Stilrichtung. Die 92 Gemälde werden in acht Themenräumen vor dunklen Hintergründen präsentiert. Man kann die Auflösung der Linie zugunsten der Farbe nachvollziehen, das Malen mit Licht. Es macht Spaß, ähnliche Motive in anderen Lichtverhältnissen zu vergleichen, etwa bei den Hafenbildern von Eugène Boudin oder den Küstenbildern von Claude Monet. Impressionistische Arbeit am Sujet ist nicht banal – das bringt die Ausstellung gut auf den Punkt. Die Impressionisten belehren oder erzählen nicht. Im strengen Sinne ist auf ihren Werken zuerst nichts zu sehen. Die neue Freiheit des Betrachters besteht darin, das Bild zusammenzusetzen, die Intensität von Licht, Temperatur und Bewegung aufzunehmen und aus dieser Erfahrung eine Bedeutung zu entwickeln.

Genau dieses konzentrierte Wahrnehmen wird allerdings empfindlich gestört durch die Erklärungen, die neben den Gemälden hängen. Sie gehen zum Teil weit über kunsthistorische Einordnungen hinaus. Besonders eklatant ist der Erklärimpetus in der 20 Bilder umfassenden Vorschau auf die kommende Ausstellung mit DDR-Kunst. Hier wird nahezu jedes Werk als Widerstand gegen Repressalien im Arbeiter- und Bauernstaat gedeutet. Nur für den Fall, dass man sich ein paar eigene Gedanken machen wollte.

Plötzlich eine Ahnung

Neben den namhaften Impressionisten zeigt das Barberini in einer parallel laufenden Moderne-Schau u. a. die Superstars Munch und Liebermann sowie den teuersten lebenden Maler Gerhard Richter. Soviel Kunstmarktkunst hat das benachbarte, städtische Potsdam-Museum nicht zu bieten. Und von der offiziell angekündigten Kooperation mit dem Barberini hat die Saalaufsicht hier noch nichts gehört. »Die wilden 80er Jahre in der deutsch-deutschen Malerei« heißt die aktuelle Ausstellung im Potsdam-Museum. Sie ist dialogisch angelegt, verzichtet auf Betrachtungshilfen. Nicht mal die Herkunft der Künstler wird preisgegeben. Man vertraut auf das Publikum und die Werke, das funktioniert sehr gut. Zu sehen ist etwa das Bild »Seerosenteich« des Westberliner Künstlers Salomé, eine spannende Replik auf Monets Seerosenbilder im Barberini. Bei Salomé ist plötzlich eine Ahnung vom Menschen zurück in der Natur, schwimmend, schemenhaft, wie ein Teil von Wasser und Licht. Im selben Saal hängt Mattheuers Bild »Alptraum« (1982), eine Vorarbeit für seine berühmte Plastik »Jahrhundertschritt« (1984), die auf der 11. Kunstausstellung des Bezirkes Leipzig im Jahr 1985 gezeigt wurde und nun im Innenhof des Barberini zu sehen ist. Verweise der Ausstellungen aufeinander gibt es nicht.

Skeptisch bleiben!

Dafür findet sich im Barberini eine sehr dezidierte Erläuterung zu Mattheuers fünf Meter hoher Plastik. Sie zeigt einen nahezu kopflosen, zerrissenen Mann in Vorwärtsgang und Rückwärtsfall, mit vorgestrecktem rechten Arm, zur Faust geballter linker Hand. Ein Bein steckt im Soldatenstiefel, das andere strebt nackt nach vorn. Die Erläuterung zu dieser Plastik setzt Faschismus und Sozialismus gleich, ohne sich da ganz festzulegen: »Während die einen die Skulptur als Gleichsetzung zweier totalitärer Ideologien des 20. Jahrhunderts kritisieren, sehen die anderen darin eine Mahnung vor der Verführbarkeit und dem Mitläufertum in jeder Art von Diktatur.« Freie Kunstbetrachtung sieht anders aus und darf auch gern mal die Frage stellen, was Mattheuers »Jahrhundertschritt« mit Blick auf die aktuellen demokratischen Verhältnisse hierzulande bedeuten könnte. Vor der für Herbst geplanten Ausstellung »Hinter der Maske. Künstler in der DDR« mit Werken aus Plattners Sammlung darf einem angst und bange werden.

Generell ist man gut beraten, sich beim Betreten des Museums Barberini an den kürzlich verstorbenen Kunstkritiker John Berger zu erinnern. »Vergessen Sie nicht, dass ich die Kontrolle über die Mittel ausübe, die zur Verbreitung dieses Programms nötig sind«, beschloss der Brite seine legendäre BBC-Serie »Die Kunst des Sehens«. »Bleiben Sie skeptisch!«

Beide Ausstellungen im Museum Barberini bis 28. Mai, täglich außer Di., 11–19 Uhr

»Die wilden 80er ...« im Potsdam-Museum bis 12. März, Di., Mi., Fr. 10–17 Uhr, Do. 10–19 Uhr, Sa. u. So. 10–18 Uhr

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton