Aus: Ausgabe vom 24.01.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Thailand unter Wasser

Flutkatastrophe im Süden könnte Wirtschaftsleistung deutlich einbrechen lassen. Vor allem Kautschukbäume und Ölpalmen sind vom Absterben bedroht

Von Thomas Berger
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Kautschukbäume können »nasse Füßen« nicht lange überleben: Aufnahme vom 18. Januar aus dem südlichen Thailand

Thailand steht ökonomisch ein schwieriges Jahr bevor. Die verheerenden Überflutungen in weiten Teilen des Südens bereiten nicht nur aktuell erhebliche Sorgen, sondern dürften auch längerfristig eine Herausforderung für das südostasiatische Land werden. Laut einer aktuellen Zwischenbewertung aus der vergangenen Woche durch die Handelskammer des Königreiches könnte das Land zwar an einer großen Katastrophe vorbeischrammen, falls sich die Wassermassen rechtzeitig zurückziehen. Wenn aber die Überflutung großer Flächen länger anhalte – worauf die im Wetterbericht für die nächsten Tage angekündigten Niederschläge hindeuten –, sei mit Schäden von bis zu 120 Milliarden Baht (drei Milliarden Euro) zu rechnen.

Vichai Assarasakorn, Vizechef der Handelskammer, verwies dabei auf die enormen Risiken vor allem für die Plantagenwirtschaft. Ölpalmen hielten mit »nassen Füßen« immerhin rund einen Monat durch. Bei den Kautschukbäumen werde es bereits nach knapp drei Wochen heikel, ungefähr nach 20 Tagen im stehenden Wasser begännen sie abzusterben, erklärte Assarasakorn. Und weil ein Rückgang des teils noch meterhoch stehenden Wassers selbst dort, wo kein Regen mehr falle, nur sehr langsam vonstatten gehe, sehe es für die betroffenen Branchen nach herben Verlusten aus.

Die starken Niederschläge während der zurückliegenden Wochen um den Jahreswechsel gelten als ungewöhnlich. Von den schwersten Regenfällen seit mehr als 30 Jahren hatte Premierminister Prayuth Chan-ocha, der Chef der regierenden Militärjunta, schon vor Tagen gesprochen. Rund anderthalb Millionen seiner Landsleute sind unmittelbar betroffen. Zeitweise standen zwölf Provinzen im Süden zu weiten Teilen unter Wasser. Die einzige Bahnverbindung, die von der Hauptstadt Bangkok aus die Landenge südwärts bis zur malaysischen Grenze (und von dort weiter bis zum Stadtstaat Singapur) führt, war zwischenzeitlich ebenso unterbrochen wie der parallel verlaufende Highway als wichtigste Straßenverbindung in die Südregion. An etlichen Orten haben die Aufräumarbeiten mit großem Einsatz begonnen. Staatliche Kräfte ebenso wie freiwillige Helfer sind im Einsatz. An anderen Stellen ist es dafür noch zu früh, steht das Wasser nach wie vor und könnten die Pegel mit neuen Niederschlägen abermals steigen.

Die Handelskammer geht nach den Worten ihres Vizechefs derzeit lediglich von finanziellen Schäden in Höhe von etwa 15 Milliarden Baht aus. Angesichts der konkreten Umstände halten das viele Beobachter eher für eine optimistische Annahme. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP; auch als Wirtschaftsleistung bezeichnet) im Süden könne demnach um 1,25 Prozent zurückgehen, was sich landesweit mit einer Verringerung um einen zehntel Prozentpunkt bemerkbar machen würde. Anders sehe es aus, sollten die Kautschukplantagen – 72 Prozent des Aufkommens in diesem Sektor stammt aus dem Süden, vorneweg so stark flutbetroffenen Provinzen wie Songhkla und Surat Thani – tatsächlich erheblich in Mitleidenschaft gezogen werden. In diesem Fall würden sich die Abstriche am BIP im nationalen Rahmen auf 0,7 Prozent belaufen.

Wirtschaftsexperten rechnen längst in diesen Größenordnungen. Allein auf die Kautschukbranche dürften wenigstens 15 Milliarden Baht an Verlusten entfallen, knapp 400 Millionen Euro, wird Anusorn Tamajai in aktuellen Medienberichten zitiert. Der Dekan der Wirtschaftsfakultät an der Rangsit-Universität wartet mit einer Schadensprognose von 84 bis 124 Milliarden Baht auf. Das bedeutete einen Einbruch der Wirtschaftsleistung von 0,58 bis 0,84 Prozent. »Eingepreist« hat der Wissenschaftler, dass der weltgrößte Naturgummiproduzent einen beträchtlichen Teil des Baumbestandes in den südlichen Überflutungsgebieten abschreiben kann. Und er steht mit dieser Annahme nicht allein. Die Tourismusbranche werde seinen Berechnungen zufolge zwar auch elf Millionen Baht (also 270 Millionen Euro) an Einbußen zu verkraften haben. Urlauber könnten aber, so sie ihre Reise nicht vorab stornieren oder früher abreisen, durchaus innerhalb des Landes von den Flutgebieten im Süden weg zu anderen Zielen umgeleitet werden, heißt es zur Erklärung.

Es ist nicht das erste Mal, dass heftige Niederschläge mit großflächigen Überflutungen Thailands Wirtschaft schwer erschüttern. Die letzte große Katastrophe liegt erst rund fünf Jahre zurück: 2011 standen weite Teile des mittleren Nordens unter Wasser. Seinerzeit gab es mehr als 700 Tote, rund neun Millionen Thais waren betroffen.

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