Aus: Ausgabe vom 20.01.2017, Seite 11 / Feuilleton

Würstchen im Lakaienzimmer

Was bedeutet Donald Trump? Er macht die Schweinereien selbst. Zwei kleine Bücher begrüßen den neuen US-Präsidenten

Von Detlef Kannapin
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»I do solemnly swear …« Grobe Karikatur eines Kapitalisten bei Madame Tussauds

Marx bemerkt im »Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte«, dass sich die Geschichte sozusagen zweimal ereignet, einmal als Tragödie und einmal als Farce. Mittlerweile gibt es noch einen dritten Auftritt: als Schauerroman. In dieser Form der Geschichte spielt ein Untoter die Hauptrolle: Donald Trump, nun als 45. Präsident der Hauptmacht des weltumspannenden Kapitals.

Nahezu alles kann der Figur Trump zugeschrieben werden. Er ist nichts Halbes und nichts Ganzes, Symptom und Verfall des staatsmonopolistischen Kapitalismus in seiner spätimperialistischen Phase, alles und nichts zugleich und für dieses »Alles« auch noch die hervorragende Projektionsfläche. Sämtliche erträumten Sehnsüchte der Zukurzgekommenen wie der Selbstherrlichen gehen in ihn ein – und heraus kommt die einzige Enttäuschung, von der man freilich auch vorher schon hätte wissen können, nämlich dass im Kapitalismus Ausbeutung herrscht und die Kapitalbesitzer einen radikalisierten Klassenkampf von oben führen, der von unten mit Befriedungsgesten beantwortet wird.

Nun ist es in der gut zweihundertjährigen Geschichte des modernen Kapitalismus nichts Neues, wenn das politische Personal mit seinen Handlangern jeder Beschreibung spottet. Marx hatte für den sogenannten Volkskaiser Napoleon III. zwischen 1852 und 1870 nur die Bezeichnung »Würstchen« übrig, während Lenin im Sommer 1919 über die bürgerlichen Politiker und Publizisten mit sozialdemokratischer Fassade bemerkte, sie säßen mit Zylinder und weißen Handschuhen im Lakaienzimmer der Bourgeoisie und posaunten von dort aus ihre Vertröstungen Richtung Arbeiterklasse. Von politischer »Klasse« reden zu wollen wäre heute angesichts des regierenden Stumpfsinns in Europa und der westlichen Welt wohl eine endgültige Entweihung des Begriffs der Einzigartigkeit. Donald Trump, Spitze des Eisbergs und titanische Untiefe, dürfte daher so etwas wie der Ahnherr des Lakaientums sein, der von sich selber behauptet, ihm stünden Lakaien haufenweise zu, und sein Zimmer sei immerhin ein Turm.

Es ist sicher richtig, Trump als veritables Arschloch zu betrachten, wie es Aaron James in seiner amüsanten »Assholes«-Theorie getan hat. Danach ist Donald Trump der Prototyp eines Arschloches, da er sich erstens in den zwischenmenschlichen Beziehungen systematische Freiheiten herausnimmt, die unter normalen Umständen reguläre Sanktionen hervorrufen, weil er zweitens von einem tief verwurzelten und falsch verstandenen Vorrechtsempfinden motiviert wird, wonach ihm angeblich diese Freiheiten zustehen, und er drittens unempfänglich für die Einwände anderer Menschen ist. Für eine Regierungsführung bedeutet dies erstens, dass der von Trump schon verkündete Isolationismus die einzig mögliche Politikvariante darstellt, dass zweitens die America-first-Ideologie deren einzig mögliche Grundlage ist und dass drittens alle anderen Staaten der Erde die Beratungsresistenz der zukünftigen US-Politik in ihre Berechnungen mit einpreisen müssen.

Richtig dürfte auch die Beobachtung von Georg Seeßlen sein, dass Trump ein wandelnder Widerspruch ist. Analog zur Schizophrenie als Basis des bürgerlichen Denkens, das eine vielleicht zu wollen, aber das andere zu tun, wächst Trump in eine Elite hinein, die er durchaus hasst und die ihn hasst, deren Regeln er aber genau kennt, zugleich befolgt und persifliert, um schließlich bei alledem vulgär genug zu bleiben, um »dem Volk« zu dienen: »Er macht die Schweinereien selbst.«

Daher kann es auch sein, dass der US-Präsident Donald Trump ohne aktives politisches Handeln die Unterminierung der repräsentativen Demokratie innerhalb der formaldemokratischen Apparate institutionalisiert. Auf diese Weise könnte er dazu beitragen, Rechtsstaatlichkeit und Humanismus unter kapitalistischer Ägide im Auge des Taifuns als Scheinwirklichkeiten des demokratischen Selbstverständnisses zu entlarven. Freilich würde dieser Effekt seine Dynamik kaum auf emanzipatorische Weise entfalten, denn nichts ist heikler und regressiver als die unorganisierte Aufstandsbewegung aus reiner Empörung gegen den »Verrat« des selbsternannten Volkstribuns. Die Gestalt Trump wirkt wie die grobe Karikatur eines Kapitalisten, vor dem nur eindringlich gewarnt werden kann, also als Anschauungsunterricht und Lektürebild aus der »Geschichte der KPdSU (B) – kurzer Lehrgang«, dem »Lehrbuch für Politische Ökonomie« oder den Lehrmaterialien für Staatsbürgerkunde Klasse 9 an polytechnischen Oberschulen der DDR. Es empfiehlt sich, das einmal Gelernte und Erkannte nicht zu vergessen, denn dort, wo dem alten Schlagwort »Wissen ist Macht« inzwischen die Kraft des Nichtwissens entgegensteht bzw. der Scheiterhaufen der Wissensvernichtung leuchtet, ist die aktive Erinnerung daran erforderlich, was wann aus welchem Grund schon einmal bekannt war.

Gegenwärtig wird wieder offenbar, wie recht die Linie Hegel–Marx–Lenin–Ulbricht damit hatte, als sie gegenüber dem peinlichen Geraune einer ratlosen Öffentlichkeit auf Weltgeist, Vernunftstaat und revolutionäre Kaderpolitik setzte. Da die US-amerikanische Tradition nur das selten angewandte Amtsenthebungsverfahren oder das Attentat als Verhinderungsmodus vorsieht, sollte man sich auf eine Trump-Ära einstellen. Letztlich ist Donald Trump die Quintessenz des zeitgemäßen bürgerlichen Bewusstseins, ohne Ziel und Plan die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus in die Praxis umzusetzen. Er bedeutet geistige Leere und volle Gefahr.

Aaron James: Assholes. Zum Beispiel Donald Trump. Goldmann, München 2016, 128 Seiten, acht Euro.

Georg Seeßlen: Trump! Populismus als Politik. Bertz und Fischer, Berlin 2017, 144 Seiten, 7,90 Euro

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