Aus: Ausgabe vom 19.01.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Im befreiten Aleppo

Syrien: Wo sind jetzt die westlichen Medienkonzerne und Hilfsorganisationen?

Von Jan Oberg
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Die Ruinen im Ostteil Aleppos zeugen von den schweren Kämpfen um jedes Haus

Ich war dort, als der Osten Aleppos befreit wurde – oder fiel, je nach persönlicher Perspektive und der Berichterstattung in den Medien. Ich war unter den ersten Ausländern, die danach in den Ostteil kamen. Die Zerstörungen, die ich dort sah, waren riesig, unbeschreiblich. Sie waren systematisch. Es war aus jeder menschlichen Sicht herzzerreißend.

Sprechen wir über diejenigen, die aus anderen Ländern gekommen waren und den Osten Aleppos besetzt hatten ‒ ob wir sie nun Rebellen, Dschihadisten, bewaffnete Opposition, Kämpfer, Terroristen oder anders nennen. Sie bekämpften nicht nur die syrische Armee, sondern sich auch gegenseitig. Das Industrieviertel wurde geplündert und zerstört. Alles von Wert wurde aus Tausenden Fabriken, Läden, Schulen, Krankenhäusern und Büros ausgeräumt, auf Lastwagen in die Türkei transportiert und dort verkauft, um den Gruppen die Mittel für Waffenkäufe zu verschaffen. Die Bilder, die sich mir bei meinem Besuch boten, zeigen deutlich, dass die Besatzer nicht die Absicht hatten, eine bessere Gesellschaft und ein besseres Leben für die Menschen zu schaffen, die hier lebten. Es scheint vor allem um die Suche nach Geld, um Kampf untereinander, um Zerstörung und um den Tod um seiner selbst willen gegangen zu sein.

Natürlich ist die Wahrheit komplex, und natürlich sind weder das syrische Militär noch die Russen, die im Gegensatz zu anderen ausländischen Kräften legal, weil auf Einladung der Regierung in Syrien sind, unschuldig an diesen Zerstörungen. Und es muss vollkommen klar sein: Niemand verdient es, dass seine Stadt, Häuser und Arbeitsplätze, Kultur und Geschichte auf diese Weise zerstört werden. Kein politisches Ziel könnte eine solche Barbarei legitimieren. Es ist jedoch an der Zeit, dass die westlichen Medien den Mut finden zu berichten, dass die NATO-Länder und ihre Verbündeten durch ihre politische, finanzielle und militärische Unterstützung für diejenigen, die vier Jahre lang den Osten Aleppos besetzt gehalten haben, für die Zerstörungen in hohem Maße mitverantwortlich sind.

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Endlich in Sicherheit

Ich habe die Ruinen in Sarajevo, Vukovar, in der Krajina, in Ost- und Westslawonien, in Abchasien und Südossetien gesehen. Das Bild in Aleppo war schlimmer. Die Trümmer erinnerten mich an Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg, teilweise an Hiroshima. Deshalb erlaube ich mir, von einer Befreiung Aleppos zu sprechen.

Interessant ist, welcher Art die Zerstörungen sind. Wenn Aleppo, wie die Medien sagen, vorwiegend durch russische und syrische Flugzeuge aus der Luft zerstört wurde, müsste das Stadtbild eingeebnet sein. Man sieht jedoch, dass Straße für Straße, Haus für Haus und sogar Stockwerk für Stockwerk gekämpft wurde. Die Schäden wurden durch kleinere, aus nächster Nähe vom Boden aus abgefeuerte Waffen verursacht. Bomben aus der Luft wurden auf militärische Kommandozentralen, unterirdische militärische Einrichtungen und Munitionsdepots geworfen. Sie machen maximal sieben bis zehn Prozent der Zerstörungen im Osten Aleppos aus.

Ich ging auf die Straße und konnte mit jedem sprechen und jeden fotografieren. Niemand führte mich zu bestimmten Personen. Meine Fotos vermitteln, was ich an den Orten sah, die ich besuchte: Das menschliche Glück nach vier Jahren in der »Hölle unter den Terroristen«, wie es viele nannten. Ich sah Lächeln, Stolz und Siegeszeichen. Ich hörte Leute, die dem syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad und seiner Regierung wie auch Wladimir Putin und den Russen ihre Dankbarkeit ausdrückten. Sie berichteten mir, dass das Leben in Aleppo gut war, bevor die Besatzer einfielen und die Plünderungen und die Zerstörungen begannen.

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Freude über die Vertreibung der Dschihadisten aus Aleppo

Ich setzte mich zu Leuten in den Gaststätten im Westen der Stadt, die feierten und auf die Freiheit anstießen. Mit Erleichterung sprachen sie darüber, wie fantastisch es sei, endlich nicht mehr jeden Tag in Angst leben zu müssen. Sie waren auf dieser Seite der Stadt ebenfalls von Geschossen der Rebellen getroffen worden. Und ich sah Opfer der Besatzung im Osten, als sie Brot, Gemüse, Bananen und Wasser bekamen. Auf dem Bürgersteig saßen sie auf Stühlen, um Tee und eine Zigarette zu genießen – und um ohne Angst zu reden. Ich sprach mit jungen Soldaten und älteren Offizieren, die stolz darauf waren, ihre Mitmenschen und ihre Stadt befreit zu haben. Schließlich hörte ich auch, wie Menschen ihren Widerspruch zu Assads Amnestiepolitik äußerten. Syrer, die gegen das eigene Volk gekämpft und an der Besetzung Ostaleppos teilgenommen haben, hätten es verdient, bestraft zu werden.

Die von den Medien verbreiteten Berichte über Massaker an »Rebellen« und ihren Familien können stimmen oder auch nicht. Ich kann dies weder einschätzen noch ausschließen, da ich nicht alle Teile der Stadt besucht habe . Doch ich sah nichts dergleichen und traf auch niemanden, der über solche Ereignisse sprach. Was ich im Osten Aleppos ebenfalls nicht sah, war Angst vor der Regierung. Aber ich sah in den Augen Dankbarkeit für die Gesundheitsversorgung, den Transport in Bussen und die Sicherheit, die nun wieder herrscht. Ich hörte, wie Menschen von der ständigen Furcht sprachen, in der sie gelebt hatten – und von Familienmitgliedern oder Freunden, die getötet oder verwundet wurden. Mir wurde berichtet, wie einige versucht hätten, in den Westen zu gelangen, aber daran von den Dschihadisten brutal gehindert und getötet wurden.

Ich habe keine »Weißhelme« getroffen, Angehörige dieser angeblich humanitären Organisation. Ich traf auch niemanden, der sie in Aleppo gesehen hat oder dem von ihnen geholfen wurde. Doch wo waren sie wenn nicht hier in Ostaleppo, um Zehntausenden nach der Befreiung aus vier Jahren Hölle Hilfe zu leisten? Man fragt sich, warum eine gutherzige humanitäre Organisation, die mehr als 100 Millionen Dollar Unterstützung aus den USA und anderen NATO-Mitgliedsstaaten plus Japan erhielt und angeblich Zehntausende Syrer aus Ruinen rettete, genau zu der Zeit die Flucht ergreift, als auch die abhauen, die die Leute hier Terroristen nennen.

Ich sah während meiner Tage in Aleppo auch keine der führenden internationalen humanitären Organisationen. Auf der Straße zwischen Damaskus und Aleppo waren die einzigen humanitären Transporte, die ich sah, russische und syrische. Ich sah keinen der großen internationalen Konvois, auf deren Durchlass die westliche Regierungen immer bestanden hatten. Auch die großen westlichen Medien sind weggeblieben. Sie konnten über die Befreiung Aleppos nicht so berichten, wie sie es einheitlich fünf Jahre lang gemacht haben, als sie monoton vereinfachende Geschichten, wenn nicht gar Propaganda, der großen westlichen und US-Medienkonzerne wiederholten.

Der renommierte schwedische Konfliktforscher Jan Oberg, Direktor und Mitbegründer der »Transnationalen Stiftung für Friedens- und Zukunftsforschung« (TFF) in Lund, besuchte vom 10. bis 14. Dezember Aleppo. Er wollte sich im Rahmen einer zehntägigen Reise nach Syrien selbst ein Bild von der Situation und der Stimmung in der Bevölkerung machen.

Übersetzung: Joachim Guilliard

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