Aus: Ausgabe vom 17.01.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Auf Exporte fixiert

USA sind der größte Abnehmer deutscher Waren. Trotz mehrfacher Warnungen hält Berlin an Außenhandelsstrategie fest

Von Jörg Kronauer
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Unbelehrbar: In Wirtschaftsfragen hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht mal für den US-Präsidenten ein offenes Ohr (Berlin, 17. November 2016)

Betrachten die USA Deutschland als Schurkenstaat? Die Frage haben kurz vor dem Amtsantritt des künftigen US-Präsidenten Donald Trump am 20. Januar einige Wirtschaftsredakteure großer deutscher Tageszeitungen seit Jahresbeginn provokant in den Raum gestellt.

Schurkenstaat? Wie das? Nun, Trump habe bislang »vor allem China als den Schurken der Weltwirtschaft ausgemacht«, weil das Land gegenüber den Vereinigten Staaten regelmäßig ein riesiges Außenhandelsplus erziele, zuletzt 367 Milliarden US-Dollar im Jahr. Die FAZ schlussfolgerte daraus am 8. Januar, dass die Volksrepublik den USA Geld in rauhen Mengen aus der Tasche ziehe. Nun wisse man ja: Auch die Bundesrepublik exportiere deutlich mehr über den Atlantik, als sie von dort einführe. 2015 seien dadurch fast 54,5 Milliarden Euro aus den USA abgeflossen. Trumps Tiraden gegen China ließen sich »mit etwas Phantasie« also »sehr leicht auch auf Deutschland ummünzen«, warnte die FAZ. Und sie wollte erfahren haben, in Berlin stelle man sich im Finanz- und im Wirtschaftsministerium für die Zeit ab dem kommenden Freitag bereits »auf neue Konflikte ein«.

Was ist dran an den düsteren Vorahnungen in den Wirtschaftsredaktionen? Eine ganze Menge. Erst vor wenigen Tagen haben neue Daten aus dem Statistischen Bundesamt den zugrundeliegenden Sachverhalt, die krasse Exportfixierung der deutschen Wirtschaft und ihre anhaltend exzessiven Außenhandelsüberschüsse, einmal mehr bestätigt. Demnach hat die Bundesrepublik im November 2016 einen neuen Ausfuhrrekord aufgestellt: Sie hat Waren im Wert von rund 108,5 Milliarden Euro ins Ausland verkauft. Deutsche Exporteure kassierten somit im Durchschnitt mehr als 3,6 Milliarden Euro am Tag von Kunden außerhalb der Landesgrenzen – mehr denn je zuvor. Sie erzielten damit, weil ihre Einkäufe im Ausland deutlich geringer waren, einen Außenhandelsüberschuss von gut 22,6 Milliarden Euro. Im Gesamtjahr 2016 lag dieses Plus nach vorläufigen Berechnungen bei 8,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dies wären fast 270 Milliarden Euro – sogar noch mehr als die 248 Milliarden Euro des bisherigen Rekordjahres 2015.

Nicht alle freuen sich darüber. Denn den überbordenden Außenhandel, den Deutschland betreibt, müssen andere Länder bezahlen – und das schlägt sich bei ihnen letzten Endes in höheren Schulden nieder. Um ein dauerhaftes Ungleichgewicht in den Wirtschaftsbeziehungen zu vermeiden, hat die EU – ganz ähnlich der Defizitgrenze – ein Maximum beim Handelsüberschuss festgelegt. Es beträgt sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Höhere Werte gelten als deutlich stabilitätsgefährdend. Die Bundesrepublik überschreitet die Obergrenze bereits seit 2006, und das teilweise erheblich. Im Jahr 2014 etwa lag ihr Außenhandelsplus schon bei 7,5 Prozent. Das Gegrummel in der EU konnte man in Berlin bedenkenlos überhören. Denn ein Aufstand der Abgezockten gegen die Vormacht auf dem Kontinent drohte nicht ernsthaft, nachdem Berlin sich im Kampf um den Umgang mit der Euro-Krise durchgesetzt, Austeritätsdiktate zum EU-Maßstab gemacht und damit eindeutig seine dominante Stellung manifestiert hatte. Seit einiger Zeit haben sich jedoch auch andere beschwert – darunter der Internationale Währungsfonds (IWF) sowie die Vereinigten Staaten. Letztere büßten durch ihr Außenhandelsminus gegenüber Deutschland immer größere Summen ein. Zwischen 2010 und 2015 waren es rund 225 Milliarden Euro.

Entsprechend hatte sich der jetzt scheidende US-Präsident Barack ­Obama bereits im ersten Amtsjahr bei Bundeskanzlerin Angela Merkel über die exzessiven deutschen Überschüsse beschwert – und eine kühle Abfuhr erhalten. Das blieb die Regel. Anfang 2014 schlug – und das ist nur ein weiteres Beispiel – US-Finanzminister Jacob »Jack« Lew seinem deutschen Amtskollegen Wolfgang Schäuble vor, doch in Zukunft ein bisschen mehr für die Binnennachfrage zu tun, um die unaufhörlichen Exportoffensiven etwas zu dämpfen. Er biss jedoch auf soliden deutschen Granit: »Wir führen unsere Gespräche nicht, um uns gegenseitig Zensuren zu verteilen«, belehrte ihn Schäuble, »sondern um uns besser zu verstehen«. Nach der jüngsten US-Wahl macht sich in Berlin allerdings eine gewisse Unsicherheit breit, ob Donald Trump, der ja zumindest brachialem Gehabe höchst zugetan ist, nicht vielleicht über einen Granitbohrer verfügt, den selbst ein Schäuble nicht mehr ignorieren kann. Wird Trump vielleicht eine Obergrenze wie die interne Sechs-Prozent-Schranke der EU nun auch für den Handel mit den Vereinigten Staaten einführen, vielleicht sogar eine Obergrenze, die nicht nur auf dem Papier verbindlich ist? Oder wird er tatsächlich zu Importzöllen greifen, den Schrecken schlechthin der deutschen Exportindustrie? Gegen Ende der Woche weiß man eventuell ein biss­chen mehr, wenn am Freitag Trump im Amt vereidigt werden wird.

Klar scheint bei alledem: Mit ihren US-Exporten kann die deutsche Wirtschaft nicht spaßen. In den vergangenen Jahren trug vor allem die Ausfuhr in Länder außerhalb der Euro-Zone zum deutschen Wachstum bei. Während dieser Anteil am deutschen Export von 46,5 Prozent im Jahr 1995 auf nur noch 36,5 Prozent im Jahr 2015 sank – nicht zuletzt, weil die Bundesrepublik mit ihren Ausfuhrüberschüssen die südlichen Euro-Staaten in die Krise exportiert hatte – boomten lange Zeit die Ausfuhren nach China und nach Russland. Der China-Export ist zuletzt zum Stillstand gekommen, weil die chinesische Wirtschaft sich im Umbruch befindet. Die Lieferungen nach Russland brachen aufgrund der Sanktionen um annähernd die Hälfte ein – Weltmachtpolitik hat eben ihren Preis. Aufgefangen wurden die deutschen Produzenten zuletzt vor allem durch die Vereinigten Staaten, die 2015 zum größten Abnehmer von Waren aus der BRD wurden, und Großbritannien, Deutschlands Auslandskunde Nummer drei. Die Exporte ins Vereinigte Königreich sind nun allerdings in den ersten neun Monaten 2016 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um drei Prozent geschrumpft – eine Vorahnung auf den britischen EU-Austritt, zu dessen Hauptverlierern womöglich die hiesige Exportindustrie gehört. Bringt nun auch noch Trump die deutschen Ausfuhren in die USA ins Schlingern, dann wäre das ein ernster Dämpfer für das exportfixierte Berliner Wachstumsmodell.

Hintergrund: Autoindustrie mit Schlagseite

Nicht mehr in Mexiko, sondern in den USA Fabriken bauen? Nun mal langsam, meint Matthias Wissmann, einst Bundesverkehrsminister, heute Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Deutsche Kfz-Hersteller hätten, während der gesamte »Light-Vehicle-Ausstoß« in den Vereinigten Staaten sich von 2009 bis 2016 verdoppelt habe – von 5,6 Millionen auf 11,9 Millionen – ihre Produktion in dem Land von 214.000 (2009) auf 850.000 Autos (2016) sogar glatt vervierfacht. Sie beschäftigten an ihren Standorten in den USA immerhin 33.000 Mitarbeiter, und dann gäb's ja auch noch die deutschen Zulieferer. Weil der US-Markt für die deutschen Kfz-Produzenten so wichtig ist, haben die Vorleister die Zahl ihrer Standorte in den Vereinigten Staaten in den letzten 20 Jahren verdreifacht – auf mehr als 430. Dort beschäftigen sie 77.000 Mitarbeiter, und sie beliefern nicht zuletzt auch US-Konzerne.

BMW und Daimler sind tatsächlich in den Vereinigten Staaten mit Fabriken stark präsent. Laut Angaben des CAR-Instituts an der Universität Duisburg-Essen hat BMW im vergangenen Jahr gut 405.000 Autos in den USA gebaut und 316.000 dort verkauft. Fast 90.000 wurden demnach sogar aus den Vereinigten Staaten in andere Länder exportiert. Auch im Falle der Mercedes-Car-Group ist die Bilanz ziemlich ausgeglichen: 370.000 Autos wurden in den USA gebaut, 385.000 wurden dort verkauft – die Differenz ist nicht groß. Der VW-Konzern hat jedoch erheblich Schlagseite. Zwar gilt sein Werk in Chattanooga (Tennessee), das im Frühjahr 2011 die Produktion aufnahm, als durchaus ausbaufähig. Doch ist der Konzern eben in Mexiko, wo er zuletzt 458.000 Autos pro Jahr herstellte, drittgrößter Kfz-Produzent nach General Motors und Nissan und stark auf das Land konzentriert. Die VW-Tochterfirmen Audi und Porsche unterhalten sogar überhaupt keine Fabrik in den USA. Hinzu kommt, dass der Absatz von Volkswagen aufgrund des Abgasskandals ohnehin eingebrochen ist. Sein Marktanteil in den Vereinigten Staaten beläuft sich nur noch auf 1,5 Prozent. Setzt Donald Trump seine Drohungen um, dann wäre der Wolfsburger Konzern wohl am stärksten betroffen. (jk)

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