Gegründet 1947 Donnerstag, 29. Oktober 2020, Nr. 253
Die junge Welt wird von 2422 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 04.07.2015, Seite 16 / Aktion

Karibische Hölle

Von Georg Hoppe
Bild

Inspektor Azémar gleicht mehr einem Obdachlosen denn einem Polizisten. Zerlumpte Kleidung hängt an seinem Leib, der ausgezehrt ist durch die Hitze von Port-au-Prince, durch den Schnaps, durch das Elend Haitis. Seine Kollegen trauen sich nicht, in seiner Gegenwart zu rauchen. Sie fürchten, sein vom Zuckerrohrschnaps getränktes Blut könnte sich entzünden. Was Azémar vor ihnen auszeichnet: Er ist der einzige haitianische Polizist, der sich nicht kaufen lässt. Und der an eine Zukunft glauben will.

In »Soro« verliert er nun scheinbar auch das. Er hat seinen Vorgesetzten, seinen einzigen Verbündeten, mit dessen Frau betrogen. Die ist tot – erschlagen von den Trümmern des Stundenhotels, das durch ein Erdbeben zerstört wurde. Ihr Körper rettete Azémar, der unter ihr lag, das Leben. Er kann sich an nichts erinnern. Dieser verdammte Soro, dieser verdammte Zuckerrohrschnaps! Wie konnte es nur dazu kommen? Hatte sie ihn nicht vor etwas warnen wollen, das ihren Mann betraf? Und was hat es mit der Story einer Freundin auf sich, die nachts von ihrem Liebhaber besucht wurde, obwohl der eigentlich tot sein müsste?

Inspektor Azémar geht durch die Hölle des zerstörten Port-au-Prince. Seine Blicke streifen die aufgestapelten Leichen, die Armut, die Verzweiflung. Er schwankt unter dem Gestank der Verwesung, der stündlich zunimmt. Er will sterben angesichts der Schande, die er bereitet hat. Doch so wie die Einwohner seiner Stadt macht er weiter. Am Leben hält ihn der Zuckerrohrschnaps. Und das Festhalten an einem letzten Fünkchen Moral.

Durch den Inspektor erfährt man auf eine sehr körperliche Art den Druck, der auf Haiti lastet: Korruption, Armut und politische Einflussnahme. Nichtregierungsorganisationen und Hilfstruppen versuchen, selbst Katastrophen wie das Erdbeben für ihren Profit auszunutzen.

»Armut und Leid waren das Gold Haitis, das die Reichen des Landes auf den öffentlichen Plätzen der großen Hauptstädte der westlichen Welt trefflich zu vermarkten verstanden.« So denkt Azémar, als er sich auf den Weg zu seinem Haus macht. Und schwört, sollte seine Tochter bei dem Erdbeben umgekommen sein, er kaufe sich eine Bazooka und mache »ihre Luxusautos, ihre Villen und ihre Paläste platt«.

Die Verrohung der Bevölkerung – Azémar inklusive – des einzigen Landes, das aus einem geglückten Sklavenaufstand hervorging, ist erschreckend. Weitverbreiteter Aberglaube, ausgenutzt für politische Repression, ebenso.

Der Autor Gary Victor ist in seiner Heimat ein berühmter Mann. Seine Rundfunk- und Fernsehbeiträge lösen Kontroversen aus. Seine Romane und Erzählungen sind auf Haiti Bestseller. Einem deutschsprachigen Publikum wurde er 2013 durch »Schweinezeiten« bekannt. Auch in diesem »Voodoo-Krimi« ermittelte Inspektor Azémar.

Gary Victor: Soro. Ein Voodoo-Krimi. Litradukt Verlag, Trier 2015, 144 Seiten, 11,90 Euro

Jetzt das jW-Krimisommerabo bestellen: www.jungewelt.de/krimi

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist unverzichtbar, wenn ich meinen Kindern die Welt erklären will – Stefan Köpke, Dresden

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Ähnliche:

  • In einer Schubkarre muß ein an Cholera erkrankter Pati...
    11.10.2013

    Haitianer verklagen UNO

    Cholera von Blauhelmsoldaten eingeschleppt: Opfer wollen Entschädigung
  • 10.04.2013

    99 Prozent

    Studie: Großteil der US-Haiti-Hilfe ging an US-Konzerne
  • Der Golfclub von Petionville, einem reichen Vorort der haitianis...
    27.03.2010

    Zwei Gesichter einer Stadt

    In Haitis Metropole Port-au-Prince stoßen Elend und Reichtum aufeinander. Eine Fotoreportage von David Longstreath (AP)

Regio:

Mehr aus: Aktion