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Jordi Pujol: Legende am Ende

Jahrzehntelang war Jordi Pujol das politische Gesicht Kataloniens: Von 1980 bis 2003 war er Präsident der Generalitat de Catalunya, also Regierungs­chef. Der konservative Politiker setzte die wirtschaftliche Macht der autonomen Region ein, um der Zentralregierung in Madrid Zugeständnisse abzutrotzen. Über Jahre diente sich das von ihm geführte Parteienbündnis CiU in Madrid mal den spanischen Sozialdemokraten, mal der rechten Volkspartei als Koalitionspartner an. Zugleich präsentierte sich Pujol international wie der Repräsentant eines souveränen Staates – und sorgte in Madrid regelmäßig für Empörung, etwa als bei einer Visite in Prag die katalanische Fahne anstelle der spanischen gehißt wurde. Dabei blieb er jedoch stets Verfechter eines Verbleibs der Region im spanischen Staatsverband.

Erst in den vergangenen Monaten schwenkte Pujol auf die Linie der Befürworter einer Unabhängigkeit ein. Doch inzwischen interessiert diese Haltung kaum noch. Statt dessen muß sich Pujol mit einem handfesten Korruptionsskandal auseinandersetzen. Im Juli mußte er zugeben, daß er 34 Jahre lang dem Finanzamt Vermögenswerte in Millionenhöhe verschwiegen hatte, um keine Steuern zahlen zu müssen. Die spanische Regierung – die selbst immer wieder durch Skandale erschüttert wird – zeigte sich erwartungsgemäß empört und hoffte, durch den Skandal die Unabhängigkeitsbewegung schwächen zu können. Doch auch in Katalonien ist die Wut groß. Gemeinsam mit den linken Oppositionsparteien ICV-EUiA und CUP will auch die ERC, die derzeit das Kabinett von Pujols Parteifreund Artur Mas unterstützt, einen Ermittlungsausschuß zu den Vorgängen durchsetzen. Die Fraktionssprecherin der Republikanischen Linken im Parlament, Marta Rovira, bekräftigte, daß ihre Partei Pujol im Plenum vernehmen wolle.

»Pujol muß bezahlen, vor allem, weil er das Volk Kataloniens betrogen und hintergangen hat«, unterstützte die ERC-Abgeordnete Teresa Jordà dieses Ansinnen. »Sie alle müssen bezahlen, was sie gestohlen haben – ob sie nun Pujol, Botín oder Cristina de Borbón heißen«. Gegen Cristina von Spanien, die zweite Tochter des spanischen Ex-Königs, wird wegen Beteiligung an Unterschlagung, Korruption, Geldwäsche, Urkundenfälschung, Steuer- und Sozialversicherungsbetrug ermittelt. Emilio Botín, ein hoher Manager der spanischen Großbank Santander, war das Ziel von Ermittlungen wegen Unterschlagung und Bestechungszahlungen. Er wird nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können – er starb am gestrigen Mittwoch.

(scha)
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Erschienen in der Ausgabe vom 11.09.2014, Seite 3, Schwerpunkt

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