Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 20.01.2014, Seite 13 / Feuilleton

Was besser wäre

Das Geschmäcklerische als roter Faden: »Small Town Boy« am Berliner Maxim Gorki Theater. Von Andreas Hahn Aufbruch ist im Theater immer von einer Popmusik begleitet. Das bleibt einfach nicht aus. So auch in Falk Richters (Text und Regie) – wie sagt man? – Diskurs-Nummernrevue »Small Town Boy« am Berliner Maxim Gorki Theater. Im Grunde handelt es sich um eine Aneinanderreihung von Sketchen mit ein paar musikalischen Nummern dazwischen. In einem praktischen Bühnenbild (Katrin Hoffmann) zuhandener Poputensilien werden sie von Mehmet Atesci, Niels Bormann, Lea Draeger, Aleksandar Radenkovic und Thomas Wodianka durchgespielt.

Nummern über das triste Nachtleben der Stadt Berlin, das triste Einkaufsleben der Stadt Düsseldorf, das Sodom und Gomorra des Theaterlebens, die Tristesse der Pornographie, die Aporien im sogenannt multikulturellen Kreuzberg etc. Der Grundgestus ist parodistisch bis grotesk: So werden der Angela-Merkel-Mythos, der Schundroman »Shades of Grey« und eine dieser halbfaschistischen Vorabendserien des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu einer kranken, rassistischen SM-Szene zusammengebastelt. Der Eindruck des Offensichtlichen und Unfrischen bleibt dabei nicht immer aus.

Zum Höhepunkt aber tritt Thomas Wodianka an die Rampe und hält eine lange Tirade vor Fotoständern mit den Fratzen eines »Frühlings der Reaktionäre« – Merkel, Schröder, Putin. Außer denen bekommen Anna Netrebko, die Süddeutsche Zeitung, die katholische Kirche und die recht unsäglichen Politikerinnen Erika Steinbach und Ilse Aigner ihr Fett weg.

Politisches Kabarett in einem Kontext des Einvernehmens ist leider die ödeste Theaterform der Welt. Allerdings ist die Tirade schon ungewöhnlich laut und im Detail sehr wirr, fast schon erfrischend wirr. (Was hat beispielsweise Angela Merkel, die Verkörperung repressiver reformatorischer Toleranz schlechthin, mit der vergehenden katholischen Kirche am Hut? Hat sie nicht eher deren Old Boys im alten Zentrum ihrer schwer wiederzuerkennenden Partei Maulkorb und Kette angelegt?).

Man sollte das Geschimpfe als eine verzerrende parodistische Umkehrung einer im Normalfall an Minoritäten gerichteten »hate speech« interpretieren. Das latent Parodistische dieser Tirade ist jedenfalls nicht zu unterschätzen, ansonsten wäre sie auch einfach zu wirr. Sie kulminiert in einer politischen Setzung. »Mein Volk«, sagt Wodianka und meint die Homosexuellen. Eine einschlägige politische Rhetorik, die voraussetzt, daß ein partikulares Begehren in den Rang eines universellen Anspruchs erhoben ist. Politisch wirksam wäre das unterdrückte »Volk« der Schwulen dann ein Stellvertreter aller Ausgeschlossenen.


Dieses »Volk« ist natürlich weder voraussetzbar noch durch schlichte polemische Behauptung herbeizuzaubern. Es müßte sich in einem jedesmaligen Zustand des dann eben nicht mehr partikularen politischen Anspruchs immer wieder neu konstituieren. Wenn der schimpfende Wodianka zugibt, daß eben sein »Volk« in privaten, partikularen Interessen gefangen bleibe und das, so fährt er fort, im Gegensatz stehe etwa zu »Königin Sermin« (Langhoff), der neuen Chefin des Maxim Gorki Theaters persönlich, und deren vorgeblichem »Volk« (den Migranten), die, so Wodianka, wenigstens »zusammenhalten und sich bewundernswert aus der zweiten Menschenklasse herauskämpfen«. Und genau an dieser Stelle hat die kleinlaute Betonung der Differenz der Universalisierung des Partikularen schon beim ersten zaghaften Versuch den Garaus gemacht.

Leider leben wir noch immer in einer Hegelschen Welt von Staat, Ehe und Familie und nicht in einer angenehmeren, von, sagen wir Charles Fourier angeleiteten. In einer der lustigeren Nummern des Abends wird einem schon klargemacht, was das ist, ein Konflikt der Interessen: Eine eifersüchtige Schauspielerehefrau droht angesichts eines Kollegen, der scheinbar ihren bisexuellen Gatten verführt hat, zur Medea zu werden: »Wenn Grenzen überschritten werden, was gibt es dann? Richtig, Krieg!« Ja, wenn sich die Leute sich gegen einander so verhalten wie Nationen, ist Gefahr im Verzug.

»Small Town Boy« ist vielleicht nicht unbedingt besser als vieles andere, aber wenigstens ist es wesentlich aggressiver. Es wäre viel besser, wenn auch die verhandelten Texte, gespielten Witze (die geklauten wie die selbst verzapften) ein bißchen besser wären. Noch weit besser wäre es, wenn es sich nicht so traumwandlerisch auf die einschlägigen Pop-Symbole verlassen würde, um Emphase oder schlicht so etwas wie ein behagliches Einvernehmen herzustellen. Dafür ist zum Beispiel eine von Wodianka pathetisch geknödelte Kabarett-Version von Tim Buckleys immer gern genommene »Song to the Siren« da (»... h-... should I lie with you, death my bride...«). Sowas ist inzwischen als Geste Theaterstandard, und der reißt einen nicht gerade vom Hocker.

Und wenn mir kurz danach im Theaterfoyer plötzlich auffällt, daß der Schriftzug »Boy« auf dem kleinen Premierenankündigungsplakat verdächtige Ähnlichkeit mit dem Logo des Modelabels »Boy London« hat, dann ist die Grenze zum schmerzhaft Geschmäcklerischen möglicherweise überschritten. »Boy London« ist in den 80ern im Geiste von Punk-, Schwulen- und Neosituationistenuntergrund entstanden und mit einem Gestus großer Zeichenkonfusion – Naziparteiadler auf T-Shirts usw., aufgewärmte Punkscheiße halt – wiederbelebt worden. Nicht Neonazis, sondern Rihanna und Victoria Azarenka zeigen sich in dem Zeug.

Es ist dieses Geschmäcklerische, das der wahre rote Faden in diesem »Diskurstheater« ist. Es wirft einen wieder darauf zurück, daß man sich wirklich an keinem Ort anvisierter Veränderungen irgndeiner Form befindet, sondern lediglich an einem ganz und gar harmlosen, wie einer deutschen Theaterbühne, so überflüssig wie Kriegsschiffe in der Ostsee (wie es Prefab Sprout 1984 sangen).

Nächste Aufführungen: 28.1., 25.2.

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