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Aus: Ausgabe vom 31.12.2011, Seite 16 / Aktion

Wege zum Kommunismus

Von Dietmar Koschmieder
Liebe Leserinnen und Leser der jungen Welt,

vor einem Jahr haben wir die Vorsitzende der Linkspartei Gesine Lötzsch zur Podiumsdiskussion der Rosa-Luxemburg-Konferenz eingeladen und sie gebeten, zur Vorbereitung der Debatte einen Beitrag über »Wege zum Kommunismus« zu formulieren. Uns wie Gesine Lötzsch war dabei klar, daß es sich bei dieser Fragestellung nicht um eine tagesaktuelle Aufgabe handelt, sondern vielmehr um die Frage, ob in der Linkspartei langfristig über dringend notwendige grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen nachgedacht wird. Gesine Lötzsch bewies Mut und stellte sich dieser Aufgabe. Was dann kam, kennen Sie: Monatelang wurde ihr innerhalb und außerhalb der Partei vorgeworfen, sie würde über Wege zum Kommunismus sinnieren – was für viele schon ein nichtzulässiges Nachdenken ist – statt sich um ihre Partei zu kümmern. Daß die Fragestellung nicht von ihr, sondern der einladenden junge Welt stammte, wurde geflissentlich ignoriert. Auch der Inhalt des Beitrags, der von jedem einigermaßen fortschrittlichen Menschen nicht zu beanstanden war (wenn ihn auch manche für nicht radikal genug hielten), interessierte die Kritiker herzlich wenig. Allein der Umstand, daß man beim Auftauchen des Begriffes Kommunismus als Vorsitzende der SED-Nachfolgepartei nicht sofort von Verbrechen spricht und sich umfassend für solche entschuldigt, machte Frau Lötzsch verdächtig. Und natürlich, daß sie ihren Aufsatz in der jungen Welt veröffentlichte. Mit linksradikalen Schmuddelkindern, die die DDR das bessere Deutschland, Befreiungsbewegungen nicht terroristische Banden und völkerrechtswidrige Angriffskriege tatsächlich völkerrechtswidrige Angriffskriege nennen, spricht man nicht.

Auch die linke Aktivistin Inge Viett hatten wir zu dieser RLK-Diskussion eingeladen und auch sie gebeten, für die junge Welt einen Beitrag zum Thema zu veröffentlichen. Der war nun der Berliner Staatsanwaltschaft zu radikal, weshalb sie die Autorin ins Gefängnis stecken und die junge Welt mit einem Strafbefehl abgeurteilt sehen will. Beide Verfahren sind noch nicht abgeschlossen.


Wir erinnern an dieser Stelle daran, weil dieser Vorgang symptomatisch ist für den immer aggressiver werdenden Versuch, die junge Welt und ihre Autoren zu ächten und zu kriminalisieren. Meinungsfreiheit gibt es in diesem Land, solange man die herrschende Meinung kolportiert. Oder eine davon grundsätzlich abweichende pflegt, sie aber ohne Erfolg vertritt und deshalb nicht beachtet wird – wobei die Herrschenden entscheidend daran mitwirken. Bei der jungen Welt gelingt es ihnen aber trotz aller Bemühungen nicht, die Zeitung inhaltlich anzupassen oder totschweigen zu lassen. Deshalb soll diese Zeitung kriminalisiert und isoliert und der Tenor der medialen Berichterstattung beeinflußt werden. Man liest in den Medien von FAZ bis taz immer dann von der jungen Welt, wenn juristisch gegen sie vorgegangen oder das Etikett der Nähe zum Terrorismus konstruiert wird. Oder wenn die junge Welt sich zu weit vom Mainstream wegbewegt und man ihr das um die Ohren hauen kann. Zuletzt haben sich viele Medien über die junge Welt ereifert, als sie nicht in das allgemeine tagelange Wehklagen zum 50. Jahrestag des Mauerbaus eingefallen ist. Wir haben statt dessen mit einer provokanten Titelseite am 13. August ganz andere Aspekte des Mauerbaus skizziert. Diese Unverschämtheit, so meinten manche, wird diese Zeitung nicht überleben. In den Medien laß man von Boykottaufrufen bis zu Verbotsforderungen.

Es kam anders. Entgegen den Trends konnte die junge Welt auch 2011 den Bestand an verkauften Zeitungen nicht nur stabilisieren, sondern bescheiden weiterentwickeln. Für unseren Geschmack viel zu bescheiden, aber im Vergleich zu den seit Jahren anhaltenden Auflagenverlusten fast aller anderen überregionalen Tageszeitungen sind solche Ergebnisse für viele überraschend. Für uns nicht. Nicht nur, weil wir hart daran gearbeitet haben. Sondern auch, weil wir wissen, daß wir mit unserer Meinung und Sichtweise auf gesellschaftliche Entwicklungen im Land und weltweit nicht allein da­stehen. Allerdings erreichen wir mit unserer Zeitung bisher nur ein Bruchteil der Menschen, die uns abonnieren würden, wenn sie von Inhalt und Gebrauchswert dieser Zeitung wüßten. Denn nur, wenn wir ausreichend Zeitungen verkaufen, wozu Print- und Onlineabonnements sowie Kioskverkäufe zählen, können wir unsere Unabhängigkeit behaupten und die Zeitung inhaltlich weiter qualifizieren. Deshalb bleibt unsere Hauptaufgabe auch im kommenden Jahr, möglichst viele zusätzliche Abonnements zu gewinnen und den Verkauf am Kiosk zu erhöhen. Und dabei sind wir auf die Hilfe unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Zum einen sollten alle, die diese Zeitung regelmäßig lesen, diese auch abonnieren – was leider nicht selbstverständlich ist. Zum anderen bitten wir darum, uns bei der Werbung neue Leserinnen und Leser zu helfen. Das dreiwöchige kostenlose Probeabo ist eine wunderbare Gelegenheit, die Zeitung kennenzulernen. Gerade bereiten wir eine Probeaboaktion vor, die nur funktionieren wird, wenn möglichst viele Leserinnen und Leser sich an ihr beteiligen. Sie startet mit der nächsten Rosa-Luxemburg-Konferenz am 14. Januar. Bescheidener Titel der Konferenz ist übrigens »Wir verändern die Welt« und sie soll mit Vorträgen aus verschiedenen Regionen der Welt nachweisen, daß wir mit dem Verändern schon jetzt beginnen wollen. Zwar ist der Kommunismus noch weit entfernt, erreichen werden wir ihn aber nur, wenn wir die Wege dorthin schon heute einschlagen. Die junge Welt will dabei eine wichtige Begleiterin sein.

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