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Leserbrief zum Artikel Geschichte der Sowjetunion: Mythos Kronstadt vom 09.03.2021:

Einseitige Mythenbildung

Wie gerade Eurem Aktionsbüro bekannt sein dürfte, bin ich begeisterter Leser der jungen Welt. Was ich an ihr vor allem schätze, ist, dass sie als marxistische Tageszeitung nie aus den Augen verliert, dass es weitere linke Strömungen gibt und auch diesen gegenüber eine solidarische Haltung einnimmt. Gerade als 2016/17 der 80. Jahrestag des Beginns des Spanischen Bürgerkrieges und der sogenannten Maiereignisse in Barcelona anstand, wurde recht objektiv auf die innerlinken Konflikte damals eingegangen. Erinnert sei hier vor allem an den Artikel »Die tragische Woche« von Werner Abel am 4. Mai 2017. Damals habt Ihr mich dazu bewegt, die Abschlussarbeit meines Geschichtsstudiums dem Thema »Die Aufstände von Kronstadt (1921) und Barcelona (1937) in der Rezeption von Marxist*innen und Anarchist*innen« (siehe https://tintenwolf.mrkeks.net/wp-content/uploads/2017/08/Meas_Wolfstatze_-_Marxismus-Anarchismus.pdf; dort finden sich auf den Seiten 16–34 auch weiterführende Ausführungen zur anarchistischen und marxistischen Mythenbildung um Kronstadt sowie genaue Quellenangaben) zu widmen. Ich habe mich in diesem Rahmen mit der Mythenbildung auf beiden Seiten beschäftigt. Das Thema ist spannend und kontrovers. Für die Anregung, die mir damals durch die junge Welt zuteil wurde, bin ich bis heute dankbar, weil sie stumpfe Schwarz-Weiß-Schemata, die ich in meinem Kopf hatte, auflöste und mich dazu anregte, mehr die Gemeinsamkeiten denn die Differenzen der verschiedenen progressiven Bewegungen zu betrachten. Damals begann ich ganz im Sinne Fidel Castros die Einheit der Linken in den Blickpunkt zu nehmen. Entsprechend erschrocken war ich, als ich auf den Themenseiten der jungen Welt zum 9. März den Artikel zum »Mythos Kronstadt« von Elisa Nowak las. Es ist quasi unmöglich, dem Thema gerecht zu werden, wenn derart einseitig Quellen herangezogen werden und Trotzki und Lenin in diesem Konflikt auf solch unhinterfragte Weise wiedergegeben werden. Die Bezugnahme auf eine Mythenbildung auf anarchistischer Seite ohne auch die Mythenbildung auf bolschewistisch-marxistischer Seite zu hinterfragen, muss notgedrungen in einer Rechtfertigungsfarce enden, die es nicht schaffen kann, die Gründe und Abwägungen, die hinter dem Sturm auf Kronstadt und der dem vorhergehenden Auflösung der Sowjets standen, aufrecht darzulegen. Die Analysen von Lenin sind hierbei durchaus wichtig. Es muss aber in die Betrachtung einbezogen werden, dass er damals auf einer Seite in diesem innerlinken Konflikt stand und somit nicht frei von eigenen Motiven war, die seine Analyse färben. Ähnlich verhält es sich mit Trotzki, auch wenn mich dessen antibäuerliche Ressentiments, die bis heute die ablehnende Haltung von Trotzkistinnen und Trotzkisten gegenüber der ruralen Kubanischen Revolution begründen, soweit abschrecken, dass ich mit ihm nie recht warm wurde. Behauptungen des Weißarmisten Koslowski werden in dem Artikel unhinterfragt hingenommen. Mit keinem Wort wird erwähnt, dass Koslowski mit der Oktoberrevolution der Baltischen Flotte der Roten Armee beitrat und dort für seine Loyalität ausgezeichnet wurde. Auch dass er keine führende Position beim Kronstädter Aufstand innehatte, wird unterschlagen und einfach Gegenteiliges behauptet. Bei einer ehrlichen Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse muss festgehalten werden, dass die marxistische Propaganda gegen ihn ebenso haltlos ist wie die anarchistische gegen Tuchatschewski. Schreibt Nowak an solchen Stellen wissentlich spalterisch, oder fehlt ihr schlicht das historische Wissen? Die Behauptung, dem aufständischen Verhalten der Kronstädter Matrosen liege – nach einem Austausch durch die hohen Verluste im Bürgerkrieg – ein mangelnder Klassencharakter zugrunde, kann historisch wohl zumindest als strittig betrachtet werden. Was der Artikel gut auffasst, ist zumindest die schwierige ökonomische Lage, in der sich die verschiedenen revolutionären Kräfte in Russland damals befanden. Was Nowak jedoch nicht gelingt, ist, zu betrachten, dass es unter anderem mit den Matrosen, Arbeiterinnen und Arbeitern von Kronstadt auch abseits der Bolschewiki proletarisch-revolutionäre Kräfte in Russland gab. Der Artikel liest sich unter diesem Blickpunkt bestenfalls dogmatisch und versucht, eben die Bolschewiki als einzige revolutionäre Kraft darzustellen. Er untersucht nur in einem Mindestmaß die ökonomischen Gründe für das Zerwürfnis zwischen den Arbeiterinnen und Arbeitern von Kronstadt und der bolschewistischen Führung und betrachtet nicht die Privilegien, die Mitglieder der Partei in eben der schweren Lage genossen. Statt dessen ergibt er sich in weiten Teilen einer simplen Freund-Feind-Logik. Nur weil kapitalistische Staaten ein Interesse an einem Konflikt zwischen den Revolutionärinnen und Revolutionären von Kronstadt und jenen in der KPR (B) hatten, heißt dies noch nicht, dass erstere deren Einflüsterungen gefolgt wären. Wer dies behauptet, statt die objektiven Bedingungen für deren Aufstand zu untersuchen, fällt auf das alte »Teile und herrsche« herein, statt Geschichte zu analysieren.

Um Kronstadt als Wunde in der Geschichte zwischen verschiedenen linken Traditionen gerecht zu werden, hätte Nowak der Mythenbildung auf beiden Seiten nachgehen müssen, statt einseitig Partei zu ergreifen. In der gewählten Form stimmt sie lediglich in das Zetergeschrei um Kronstadt ein, auch wenn sie hierbei auf der anderen Seite steht als jene, die von Trotzki adressiert wurden. Die Gleichsetzung anarchistischer und weißgardistischer Armeen ist ebenso ahistorisch wie ähnliche Behauptungen von anarchistischer Seite gegen die Bolschewiki.

Ich weiß, Ihr könnt das besser, und so hoffe ich darauf, dass der Aufstand von Kronstadt 100 Jahre später in der jungen Welt noch etwas objektiver aufgegriffen wird.
Meas Tintenwolf
Veröffentlicht in der jungen Welt am 17.03.2021.
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