Aus: Ausgabe vom 17.02.2017, Seite 15 / Feminismus

Der versehrte Mensch

Laut Tennessee Williams war sie die »bedeutendste Autorin Amerikas«. Zum 100. Geburtstag von Carson McCullers, der Meisterin der Lakonie

Von Nelli Tügel
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Mit nur 23 Jahren legte die Schriftstellerin (Foto: Oktober 1955) ihr Romandebüt »Das Herz ist ein einsamer Jäger« vor

»Mein Leben folgte einem Muster, an das ich mich immer gehalten habe. Arbeit und Liebe«, schrieb Carson McCullers 1967, kurz vor ihrem Tod, in ihrer unvollendeten Autobiographie »Illumination and Night Glare«. In beiden Bereichen neigte sie zum Exzessiven. Ihre Liebe wurde immer wieder auf die Probe gestellt, zum Beispiel in der selbstzerstörerischen Ehe mit Reeves McCullers, der sich 1953 das Leben nahm. Und auch die Arbeit verlangte ihr alles ab, denn McCullers litt seit ihrer Jugend an schweren Krankheiten.

Am 19. Februar 1917 wurde sie als Lula Carson Smith in Columbus im Bundesstaat Georgia im Südosten der USA geboren. Obwohl sie viel von der Welt sah, blieben die Südstaaten der Ort, an dem die meisten ihrer Geschichten spielen, ohne dabei je einen Hintergrund für Heimatschnulzen zu bilden. Im Gegenteil: Bei McCullers ist der Süden trostlos und rauh, bevölkert von allerlei eigenwilligen Menschen wie Vetter Lymon in »Die Ballade vom traurigen Café« oder John Singer aus »Das Herz ist ein einsamer Jäger«. Sie gehören zu den literarischen Figuren, die man auch Jahre nach der Lektüre nicht vergessen kann, zum Leben erweckt durch betörend poetische Lakonie. »Die Ballade vom traurigen Café« beginnt mit den Worten: »Die Stadt selbst ist trostlos; da ist nicht viel außer der Baumwollspinnerei, den zweiräumigen Hütten für die Arbeiter, ein paar Pfirsichbäumen, einer Kirche.« Das ist der McCullers-Sound. Schmuck und Zierde sucht man in ihrem Werk vergebens.

Schon als Jugendliche begann sie mit dem Schreiben, wollte aber zunächst Pianistin werden. Mit 17 kam sie nach New York, studierte an der Columbia-Universität, kehrte aber immer wieder nach Georgia zurück. So blieb es ihr Leben lang. McCullers übernahm als junge Frau mehrere, auch journalistische, Gelegenheitsjobs – und kämpfte mit schwerem Rheumatismus, an dem sie schon früh litt und der zu ihrem ersten Schlaganfall im Alter von nur 24 Jahren führte. Das körperliche Leiden als Motor ihres Schaffens macht sie zu einer Art Frida Kahlo der Literatur. Anders als die mexikanische Malerin aber, die zu Lebzeiten im Schatten ihres Gefährten Diego Rivera stand und deren Ruhm nach ihrem Tod wuchs, ist McCullers, die in den 1950er und 1960er Jahren zu den bekanntesten US-Literaten gehörte, eher in Vergessenheit geraten.

Schon mit 19 veröffentlichte sie ihre erste Erzählung »Wunderkind«. Der Titel sollte zum Programm ihres eigenen Lebens werden. 1940 avancierte die damals 23jährige mit ihrem Debütroman »Das Herz ist ein einsamer Jäger« zum Star der New Yorker Bohème. Viel zu jung sei sie gewesen, so McCullers später, »um zu verstehen was da mit mir geschah oder welche Verantwortung damit verbunden war. Ich muss unerträglich gewesen sein.«

McCullers lotet in ihren Texten aus, was Einsamkeit und unerfüllte Liebe in der Seele des Menschen anrichten. Immer wieder geht es um das Scheitern von Beziehungen – wohl selten so schmerzhaft geschildert wie in der »Ballade vom traurigen Café« – und die Versehrtheit des Menschen. Ihr Interesse gilt nie dem Heilen, nicht den Angesehenen und Erfolgreichen der Gesellschaft, sondern den an den Rand Gedrängten, den etwas schiefen Gestalten. Ihre Protagonisten sind Taubstumme und Bucklige, alleinstehende Frauen, Marxisten und Kinder.

McCullers selbst war eine Versehrte. Ein Opfer war sie nie. In »Illumination and Night Glare« schildert sie folgende Szene aus dem Jahr 1940: Erika Mann hatte ihr die Schweizer Journalistin Annemarie Schwarzenbach vorgestellt. Die beiden gingen aus und blieben die ganze Nacht fort. Als McCullers nach Hause kam, stellte ihr Ehemann sie zur Rede: Ob sie etwa in »Mademoiselle Schwarzenbach« verliebt sei. »Ich weiß nicht«, antwortete McCullers ehrlich. Daraufhin schlug er zu. Die Nüchternheit der Darstellung steht für die Weigerung der Schriftstellerin, sich aufgrund erlebter Gewalt als Opfer zu sehen. Aber auch der Widerspruch eines Lebens scheint hier auf, das sich zwischen großer Literatur, Emanzipation und einer traditionellen Ehe bewegte.

In diesem Widerspruch richtete sich McCullers ein, mit Verve setzte sie sich zwischen die Stühle. Wohl einfach, weil kein passender Stuhl bereitstand, auf dem sie – selbstbewusst, offenherzig und klug – hätte Platz nehmen wollen. Auch politisch nicht. Sie unterstützte die schwarze Bürgerrechtsbewegung und sympathisierte mit dem Marxismus. Mit der kommunistischen Partei hingegen hatte sie nicht viel am Hut. Sie sei »einfach keine geborene Beitreterin«, schrieb sie 1967. Am 29. September 1967 starb Carson McCullers mit nur 50 Jahren in New York.

Carson McCullers: Illumination and Night Glare. Die Autobiographie, herausgegeben von Carlos L. Dews, Diogenes Verlag, Zürich 2011, 384 S., 11,90 Euro

Barbara Landes: Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers, Roman, ebersbach & simon, Berlin 2016, 224 S., 19,95 Euro

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