Aus: Ausgabe vom 17.02.2017, Seite 8 / Ansichten

GEW gibt auf

Eingruppierung angestellter Lehrer

Von Daniel Behruzi
Warnstreik_im_oeffen_52495665.jpg

Seit Donnerstag läuft die entscheidende Verhandlungsrunde im Tarifkonflikt der Bundesländer. Doch schon im Vorfeld gibt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) einst zentrale Positionen preis. Andreas Gehrke, der die GEW bei den gemeinsam mit ver.di, Gewerkschaft der Polizei und IG BAU sowie dem Beamtenbund geführten Verhandlungen vertritt, erklärte am Donnerstag in der Süddeutschen Zeitung: »Wir nehmen die Realität zur Kenntnis.« Die Realität – das ist in diesem Fall das Eingeständnis, keine tarifliche Entgeltordnung für rund 200.000 angestellten Lehrkräfte durchsetzen zu können, die diesen Namen verdient.

Seit über zehn Jahren fordert die GEW, dass die Eingruppierung angestellter Lehrer – wie bei anderen Tarifbeschäftigten auch – tariflich geregelt wird. Bislang entscheiden die Länder nämlich nach Gutsherrenart, wie viel die pädagogische Arbeit an Schulen wert ist. Die Folge: Die Bezahlung ist von Land zu Land unterschiedlich, ungerecht und bleibt deutlich hinter der Besoldung verbeamteter Lehrkräfte zurück.

Das zu ändern, hat sich die GEW schon vor Jahren auf die Fahnen geschrieben. Teilweise gelangen ihr beeindruckende Mobilisierungen. So stellten die Pädagogen in der Streikbewegung der Landesbediensteten 2015 den Großteil der Demonstranten. Doch am Ende fiel ihr Verhandlungspartner, der Beamtenbund (dbb), der DGB-Gewerkschaft in den Rücken. Noch während die Bundestarifkommission der GEW darüber diskutierte, akzeptierte der Beamtenbund ein »Scheinangebot« der Länder (siehe jW vom 30. März 2015) und schaffte damit Fakten. In der Folge wendeten die Landesregierungen die von der Beamtenorganisation abgesegnete Entgeltordnung einseitig auf alle neu eingestellten Lehrer an.

Damals lehnte die GEW ab. Und das gut begründet. So brachte die Vereinbarung den Lehrerinnen und Lehrern kaum Verbesserungen. Manche sind mit dieser sogar schlechter dran als vorher. Das »Minimalziel« der GEW war die sogenannte Paralleltabelle: Wo Beamte in der Besoldungsgruppe A 11 bzw. A 12 eingruppiert sind, sollten die Angestellten die Entgeltgruppe EG 11 bzw. EG 12 bekommen. Auch das wäre keine vollständige Angleichung an die Bezahlung der Beamten gewesen, aber zumindest eine deutliche Annäherung. Stattdessen akzeptierte der Beamtenbund eine pauschale Zulage von 30 Euro – laut GEW nicht mal ein Zehntel der durchschnittlichen Differenz zwischen aktueller Eingruppierung und »Paralleltabelle«.

Aus Gewerkschaftssicht fast noch schlimmer ist, dass die Eingruppierung der angestellten an die Besoldung der verbeamteten Lehrer gekoppelt ist. Das heißt: Wenn Landesregierungen Verschlechterungen für Beamte beschließen, gelten diese automatisch auch für die Tarifbeschäftigten. Diese partielle Beseitigung der Tarifautonomie kann eigentlich keine Gewerkschaft akzeptieren. Eigentlich. Denn nun scheint die GEW-Spitze die »Realität« des Gutsherrentums akzeptieren zu wollen, um an anderer Stelle Zugeständnisse zu erhalten.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Wissen ist Macht Bildungsprivilegien und -benachteiligungen

Ähnliche:

Mehr aus: Ansichten