Aus: Ausgabe vom 09.02.2017, Seite 7 / Ausland

Gute Geschäfte für Schleuser

Der propagierte Mauerbau zwischen den USA und Mexiko lässt Kriminelle von neuen Profiten durch Menschenhandel träumen

Von Volker Hermsdorf
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Eingemauerter Norden: Seit Jahren errichten die USA eine Sperranlage an der Grenze zu Mexiko (Sunland Park, 26.1.2017)

Mit dem Vorwurf, gewerblichen Menschenhandel zu fördern, fährt die mexikanische Tageszeitung La Jornada schwerstes Geschütz gegen US-Präsident Donald Trump auf. Das linksliberale Blatt, eine der auflagenstärksten und einflussreichsten Zeitungen des Landes, berichtete am Dienstag (Ortszeit) auf der Titelseite darüber, dass kriminelle Schleuserbanden mit einer kräftigen Zunahme ihrer Gewinne rechnen, falls Trump an der gesamten Grenze zwischen Mexiko und den USA eine Mauer errichten lässt. Der Artikel beschreibt das rapide fortschreitende Zerwürfnis zwischen Washington und seinem einst treu ergebenen Vasallen im Süden.

»Wir reiben uns bereits die Hände«, zitiert La Jornada Alejandro Moreno, der nach Angaben der Zeitung seit 19 Jahren in dem »Gewerbe« tätig ist. So lange schmuggelt der professionelle Menschenhändler mit seiner Organisation bereits regelmäßig lateinamerikanische Emigranten für mehrere tausend US-Dollar pro Person in die USA. »Die Mauer wird für uns kein Hindernis sein«, erklärte Moreno seinen Enthusias­mus gegenüber La Jornada und fügte hinzu: »Im Gegenteil, sie wird uns höhere Gewinne einbringen, weil wir dann mehr Geld für die Touren nehmen können.« Nach eigener Aussage gehört er zu einer Organisation von »Polleros« (Geflügelhändler), wie solche Banden in Mexiko genannt werden.

Mit Unterstützung der Drogenhändler habe seine Bande in den letzten Jahren 300.000 Menschen vom mexikanischen Bundesstaat Sonora nach Arizona gebracht, sagte Moreno. Übergangsort sei dabei meistens die Grenzstadt Nogales gewesen, deren Südteil in Mexiko und deren Nordteil in den USA liegt. Obwohl mitten durch die Stadt eine zehn Meter hohe Mauer verläuft und die Grenze Tag und Nacht scharf bewacht wird, sei das für seine Organisation kein Problem. Trumps Plan, an der gesamten 3.185 Kilometer langen Grenze eine Mauer zu errichten, sieht Moreno deshalb eher positiv. Seine Gang verfüge über ein gut funktionierendes Netzwerk und arbeite in beiden Ländern eng mit Behördenmitarbeitern zusammen.

Während kriminelle Menschenhändler in Feierstimmung sind, sorgen Trumps Ankündigung, Millionen »papierlose« Mexikaner aus den USA zu deportieren, und die Drohung, im »Kampf gegen die Drogen« auch US-Truppen in Mexiko einzusetzen, für Spannungen zwischen beiden Ländern. Ende Januar hat die Krise sich zugespitzt. Vor einer Woche veröffentlichte der Pressedienst Poonal Details eines als »privat« bezeichneten Telefonats zwischen Trump und Mexikos konservativem Präsidenten Enrique Peña Nieto. Darin habe ersterer seinen Amtskollegen »extrem aggressiv« angegangen und soll ihn zudem »gedemütigt« haben. Unter anderem habe Trump erklärt, er werde Nieto zur Übernahme der Kosten für den Bau der Mauer zwingen und gedroht, sonst bei Produkten, deren Besteuerung Mexiko »am meisten schmerzt«, künftig bis zu 35 Prozent Einfuhrzölle zu erheben.

Zwar hat Nieto den kolportierten Inhalt des Gesprächs bestritten, doch verlieren er und andere US-freundliche Politiker rapide an Ansehen. Nietos sozialdemokratische Regierungspartei PRI verliert laut Umfragen an Zuspruch, ebenso die rechtskonservative PAN. Davon profitiert Andrés Manuel López Obrador, der sich selbst als links bezeichnende Chef der Partei »Morena«. López Obrador liegt mit 33 Prozent vor den Kandidaten der PAN (27 Prozent) und der PRI (20 Prozent).

Bei den Rechten läuten deswegen die Alarmglocken. Auch die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) ist beunruhigt. »Viele der aktuellen Entwicklungen spielen ihm in die Hände«, lautete die Prognose des KAS-Büroleiters in Mexiko, Stefan Jost, zu den Wahlchancen von López Obrador. Josts Schlussfolgerung lässt fürchten, dass die europäische Rechte sich verstärkt in Mexiko einmischen wird: »Ein rund 120-Millionen-Volk in den Händen einer linkspopulistischen Regierung könnte das aus Venezuela bitter erfahrene Chaos bei weitem in den Schatten stellen«, heißt es im KAS-Länderbericht vom Januar. Die Hoffnungen der deutschen Christdemokraten ruhen auf Trumps Vasallen. Ein treffendes Motto für deren Wahlkampf könnte dann im Sinne des La-Jornada-Titels lauten: »Trumps Mauer oder Sozialismus!«

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