Aus: Ausgabe vom 25.01.2017, Seite 15 / Antifa

Ignorierter Völkermord

»Weiße Flecken auf der Landkarte der Holocaustforschung«: Jugendprojekt erinnert an Deportationen rumänischer Roma

Von Frank Brendle
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Roma-Kinder Anfang 1944 in der besetzten Sowjetunion

Mehr als 25.000 rumänische Roma sind während des Zweiten Weltkrieges in die damals von Deutschen besetzte Sowjetukraine deportiert wurden. Rund die Hälfte von ihnen kam dort zu Tode. Diese Verbrechen an den Roma sind heute weitgehend unbekannt. Der moldauische Historiker Ion Duminica, selbst Rom, spricht von einem »ignorierten Holocaust«. Ein Projekt des Bildungswerks für Friedensarbeit in Berlin und von Partnerorganisationen in Rumänien, Moldau und der Ukraine will dem Vergessen entgegenwirken. Es präsentiert kommende Woche eine Ausstellung in Berlin. Sie ist das Ergebnis einer Reise junger Roma und Nichtroma, die zwischen Bukarest und Odessa Zeitzeugen, Überlebende, Historiker und Aktivisten interviewt haben.

Zu den Kriegszielen des rumänischen Diktators Marschall Ion Antonescu an der Seite Nazideutschlands gehörte auch die »ethnische Homogenisierung« Rumäniens. Anders als im deutschen Machtbereich wurden die unerwünschten Minderheiten nicht massenweise erschossen. Sie wurden vielmehr in das sogenannte Transnistrien deportiert, die rumänische Besatzungszone zwischen den Flüssen Dnister und Bug. Ab Sommer 1941 wurden Hunderttausende Juden dorthin abgeschoben. Von Juni bis September 1942 folgten dann die Deportationen von mindestens 25.000 als »sozial schädlich« diffamierten Roma. Das willkürliche Kriterium traf sämtliche nomadisch lebenden Roma, aber auch zahlreiche sesshafte.

Die meisten Deportierten wurden buchstäblich im Nirgendwo ausgesetzt, wo ihnen die rumänischen Aufpasser die verbliebenen Wertsachen, häufig auch die Kleidung, wegnahmen. Konstantin Braila, der als Elfjähriger deportiert worden war und heute in Bukarest lebt, berichtete den Projektteilnehmern: »Wir waren fast nackt, dazu die beißende Kälte, es gab keine Möglichkeit, sich zu wärmen, und von dem Essen, das wir hatten, wurden wir krank.« Einige seien gestorben. Im Winter 1942/43 brach eine Typhusepidemie aus, die Tausende Todesopfer forderte.

Noch bis Anfang dieses Jahrtausends war die rumänische Erinnerungspolitik von Ignoranz und Leugnung geprägt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Heroisierung Marschall Antonescus als antibolschewistischen Nationalhelden.

Der Historiker Petre Matei berichtet, laut Umfragen seien immer noch 69 Prozent der Bevölkerung der Ansicht, allein Deutschland sei für den Holocaust verantwortlich, nur 19 Prozent wiesen auch der Antonescu-Regierung Schuld zu. »Rund die Hälfte der Bevölkerung sieht in Antonescu einen großen Patrioten, ein Drittel fordert seine Rehabilitierung. Die Verfolgung von Roma bringen gerade einmal 0,4 Prozent mit Antonescu in Verbindung.« Noch schwieriger ist die Lage in Moldau: »Gehen Sie auf die Straße und fragen Sie die Leute nach dem Holocaust. Es wird kaum einer etwas wissen«, so Irina Schichowa, Leiterin des jüdischen Museums in Moldaus Hauptstadt Chisinau. Das ehemalige Bessarabien sei wie ein »weißer Fleck auf der Landkarte der Holocaustforschung«. Als eine der wenigen jüdischen Bildungseinrichtungen thematisiert das Museum auch die Verfolgung von Roma, Schichowa spricht ausdrücklich von »unserer gemeinsamen Holocaustgeschichte«. Mit Grund: Fast alle befragten Roma-Überlebenden gaben an, auf ihrem Deportationsweg auf die Massengräber der zuvor von Deutschen und Rumänen ermordeten Juden gestoßen zu sein.

Die Aufarbeitung der Verbrechen wird durch den in Moldau latenten Konflikt zwischen großrumänisch und russisch orientierten Teilen der Gesellschaft massiv erschwert. »Manchmal wollen mich Lehrer rumänischsprachiger Schulen belehren, dass Antonescu die Juden vor dem Holocaust gerettet habe«, berichtet Schichowa. Duminica ergänzt: »Viele Forscher sehen in Antonescu einen großen Patrioten und ein Opfer des Sowjetregimes und nicht einen brutalen Diktator. Diese Heroisierung führt dazu, dass über die Geschichte der Deportationen geschwiegen wird.«

In der Ukraine sieht es kaum besser aus. Es gibt zwar Parlamentsresolutionen zum Gedenken an den Roma-Genozid, aber in der Praxis »bleibt es der Zivilgesellschaft überlassen, Kenntnisse über den Völkermord an Roma zu verbreiten«, berichtet Michail Tjaglij vom Holocaustforschungszentrum in Kiew. Private Vereine organisieren Gedenkfeiern, bei denen sich Politiker fotografieren lassen. Der Trend ukrainischer Eliten, die Geschichte des Landes nach ethnisch-nationalistischen Vorzeichen umzuschreiben, trägt zum Ausblenden des Schicksals von Minderheiten bei.

Die Ausstellung des Bildungswerks rekonstruiert nicht nur die historischen Hintergründe der Deportationen, sondern bietet auch zahlreiche Interviews sowohl mit rumänischen Überlebenden als auch mit ukrainischen Dorfbewohnern, die sich an die Lebensbedingungen ihrer zeitweiligen »Nachbarn« erinnern. Thematisiert wird nicht zuletzt die deutsche Verantwortung für die Verbrechen in Transnistrien.

Infoveranstaltung: Dienstag, 31. Januar, 18 Uhr Mehringhof Berlin, Gneisenaustraße 2a, Versammlungsraum (2. Etage). Vernissage ab 20 Uhr im Rathaus Berlin-Kreuzberg, Ausstellung werktags bis 3. März. Info: genocideagainstroma.org

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