Aus: Ausgabe vom 09.01.2017, Seite 4 / Inland

Nach der »Feuershow«

Hunderte fordern Aufklärung des Todes von Oury Jalloh, kritisieren Staatsanwaltschaft. AfD-Landeschef provoziert Demonstranten

Von Susan Bonath, Dessau
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»Das war Mord«: Zwischenkundgebung an der Gedenkstele für den im Juni 2000 von Neonazis ermordeten Alberto Adriano

Es war die wohl größte Demonstration in Dessau (Sachsen-Anhalt) seit langem: Unter dem Motto »Oury Jalloh – kein Einzelfall« erinnerten am Sonnabend nach jW-Schätzung rund 1.500 Menschen – die Polizei sprach von »über 1.100 Teilnehmern« – an den Flüchtling aus Sierra Leone. Der 36jährige Jalloh verbrannte vor zwölf Jahren an Händen und Füßen gefesselt im Dessauer Polizeirevier. Obwohl es zahlreiche Hinweise auf einen Mord gibt, suchen die Ermittler bis heute nicht nach Tatverdächtigen.

Die Polizei meldete einen »weitgehend friedlichen Verlauf«. Am Rande der Demo provozierte allerdings Sachsen-Anhalts AfD-Landeschef André Poggenburg. Mit Parteifreund Mario Lehmann wollte er ein Fernsehinterview geben. Demonstranten hielten lautstark dagegen. Zur direkten Auseinandersetzung kam es nicht. Die Organisatoren riefen dazu auf, Ruhe zu bewahren. Poggenburg hetzte anschließend im Netzwerk Twitter gegen »aggressive Linke«, »die Antifa« und »Ausländer«, während die AfD-Abgeordneten »die Polizei bei ihrer schweren Aufgabe begleitet« hätten. Lehmann war selbst Polizist. Bis 2009 leitete er das Polizeirevier Ballenstedt im Harz. Als er wegen Beleidigung versetzt werden sollte, kündigte er.

Auf mehreren Kundgebungen erinnerten die Demonstranten an weitere Opfer in Dessau, darunter den 2000 von Neonazis zu Tode geprügelten Alberto Adriano, den zwei Jahre später im Dessauer Gewahrsam an einem Schädelbruch verstorbenen Mario Bichtemann und die im Mai 2016 mutmaßlich von einem Polizistensohn und dessen Lebensgefährtin brutal ermordete Studentin Yangjie Li. Neben dem Slogan »Das war Mord!« riefen die Demonstranten zu internationaler Solidarität auf. Redner kritisierten den Kapitalismus als Ursache zunehmender rassistischer und sozialer Verwerfungen.

Thomas Ndindha von der Initiative »In Gedenken an Oury Jalloh« sprach von einer der größten und kraftvollsten antirassistischen Demonstration in Dessau. Es sei nicht akzeptabel, dass hundertfache Polizeigewalt gegen Unterprivilegierte vom Staat gedeckt werde. Im Fall Jalloh sei es nötig und möglich, die Todesumstände aufzuklären. »Man müsste endlich intensiv nach Tätern suchen«, forderte er. Schließlich sei längst bekannt, »dass das präsentierte Feuerzeug manipuliert und nie in der Todeszelle war«. Dass dies die Staatsanwaltschaft weiterhin ignoriert, habe sie mit ihrem medienwirksam vorgeführten Brandversuch im August erneut bewiesen. Vor drei Monaten sollten Ergebnisse hierfür veröffentlicht werden. Bis heute ist nichts passiert. Gegenüber jW mauert die Staatsanwaltschaft. Am 6. Januar beklagte auch die Freie Presse das amtliche Schweigen.

Das Justizgebäude hatte die Polizei mit Gittern abgesperrt. Drei Mitglieder der Initiative ließ sie kurz passieren. Sie durften den Staatsanwälten ein eigens beauftragtes neues Gutachten in den Briefkasten legen. Darin analysiert der Londoner Brandexperte Iain Peck den Versuch der Staatsanwaltschaft. Sein Urteil ist vernichtend: Er basiere »teils auf erfundenen Variablen«. Die Versuchsleiter, der Schweizer Brandforensiker Kurt Zollinger und der Bergisch Gladbacher Diplomingenieur Thorsten Prein, hätten bekannte Parameter »so verändert, dass es besser brennt«. Ergebnisse seien damit »völlig unbrauchbar«.

So habe der Brandraum aus Leichtbauplatten statt gefliestem Mauerwerk bestanden. Die Durchführung im sechsten Stock, ein offenes Fenster auf der gegenüberliegenden Seite sowie Alufolie und Schweinefett auf dem Dummy hätten deutlich brandbeschleunigend gewirkt. Die Matratze sei zu klein und erheblich beschädigt gewesen. Der Beginn der Löscharbeiten der Feuerwehr sei ignoriert worden. »Trotzdem konnte das Brandbild nicht reproduziert werden«, konstatiert Peck. Er rügt zudem die »Geheimniskrämerei« der Staatsanwaltschaft. Die ignoriert bisher alle Begehren der Nebenklage, Daten zum Versuch herauszugeben.

Die öffentliche »Feuershow« hatten auch andere Experten als »unwissenschaftlich« kritisiert. Versuchsleiter Zollinger äußert sich nicht dazu. Die Staatsanwaltschaft habe ihm Redeverbot erteilt, gab er jW bereits im September schriftlich zu verstehen. In einem Vorgutachten vom Dezember 2015 hatte Zollinger selbst den Londoner als »sehr renommierten Brandsachverständigen« gelobt. Peck hatte bereits 2015 ein Gutachten für die Initiative erstellt. Darin befand er die amtliche Hypothese vom Selbstmord für unhaltbar.

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