Aus: Ausgabe vom 07.01.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Im Handstreich zum Chaos

86 Prozent des gesamten Bargeldes ungültig: Indiens »Währungsreform« sorgt weiter für ökonomische und soziale Verwerfungen

Von Thomas Berger
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Schlangen vor dem Umtausch: Händler in Bengaluru präsentieren am 30. Dezember ihre jetzt wertlosen Banknoten

Was passiert, wenn ein Staat mit 1,3 Milliarden Einwohnern über Nacht 86 Prozent des im Umlauf befindlichen Bargelds für ungültig erklärt? Am Beispiel Indiens kann dies derzeit besichtigt werden. Zwar sind die Verwerfungen erheblich, doch immerhin: Für den Fiskus scheint sich die »Währungsreform« zumindest teilweise gelohnt haben.

Nachdem die Regierung von Premier Narendra Modi am 8. November handstreichartig die größten Banknoten im Nennwert von 500 und 1.000 Rupien für ungültig erklärt hatte, haben die Steuerfahnder zugeschlagen. Wie die Finanzbehörden zum Jahreswechsel mitteilten, sind bei umfangreichen Ermittlungen 43,13 Milliarden Rupien (umgerechnet 600 Millionen Euro) in alten Scheinen sichergestellt worden. Angeblich sei das Schwarzgeld. Ebenso wurde Schmuck im Wertumfang von 5,5 Milliarden Rupien konfisziert. 487 Fälle wurden an das CBI, In­diens zentrale Kriminalbehörde, und andere Strafverfolgungsbehörden weitergegeben, wie die Tageszeitung The Hindu aus einer Mitteilung aus der Steuerbehörde zitiert. Die Fahnder hätten bislang 5.058 Schreiben verschickt, um von den Besitzern womöglich noch nachvollziehbare Informationen zur Herkunft fragwürdiger Geldbeträge zu erhalten, um gegebenenfalls Steuernachforderungen erheben zu können.

Der Kampf gegen Falschgeld, Steuerflucht und Korruption war von Modi und seinen Kabinettsmitgliedern immer wieder als Hauptgrund für den Coup ins Feld geführt worden, der Indiens Bürger und das Wirtschaftsleben ins Chaos gestürzt hat. Erst langsam scheint eine gewisse Normalisierung einzusetzen. In den großen Städten geht es etwas schneller, ländlichen Gebieten fehlt es wegen Verzögerungen bei Druck und Auslieferung der neuen Scheine im Nennwert von 500 und 2.000 Rupien oft noch an Bargeld. Schließlich müssen landesweit über 120.000 Bankautomaten umgerüstet und bestückt werden.

Da Bürger nur bis Jahresende alte Scheine über ihre Konten offiziell umtauschen konnten, sei durch die monetäre Schocktherapie ein Großteil zuvor »anonymen« Geldes ins Bankensystem gebracht worden, wertete Finanzminister Arun Jaitley die Maßnahme als Erfolg. Laut seiner Aussage stiegen bis 19. Dezember die direkten Steuereinnahmen gegenüber dem Vorjahr um 14,4 Prozent. Bei den indirekten Steuern betrage der Zuwachs für die Staatskasse sogar 26,2 Prozent, so der Modi-Vertraute. Gemessen am gesamten Schwarzgeldproblem sind die sichergestellten Beträge eher Peanuts. So sind nach Recherchen der auf dieses Thema spezialisierten Organisation Global Financial Integrity allein zwischen 2004 und 2013 pro Jahr im Durchschnitt umgerechnet 91 Milliarden US-Dollar aus Indien illegal ins Ausland verbracht worden. Generell wird Schwarzgeld, sei es aus Korruption oder anderen kriminellen Quellen stammend, weniger in Barbeständen gehortet, sondern entweder in Sachwerten wie Immobilien und Schmuck angelegt oder eben über ausländische Konten »in Sicherheit« gebracht. Mit ihren gängigen Maßnahmen konnten die Finanzbehörden da wenig ausrichten.

Doch die monetäre Schocktherapie gefährdet kurz- und mittelfristig auch Arbeitsplätze. Der taiwanesische Auftragsfertiger Foxconn hat bereits 25 Prozent der Belegschaft seiner indischen Tochter entlassen, nachdem die Smartphoneverkäufe in der Folge der Währungsreform um 50 Prozent eingebrochen waren und die Produktion um die Hälfte gedrosselt werden muss­te. Unter Berufung auf Wirtschaftsexperten schrieb die Tageszeitung Hindustan Times am 8. Dezember von mehr als 400.000 Jobs, die in den kommenden Monaten verloren gehen könnten. Allein beim Internethandel – eine neue Boombranche, die inzwischen eine Million Menschen beschäftigt – könnten Umsatzeinbrüche der zurückliegenden Wochen zu Entlassung von bis zu einem Fünftel der Mitarbeiter führen, glauben die Fachleute. Auch der Bau- und Infrastruktursektor sei stark betroffen. Zum einen wird erwartet, dass vorübergehend die Nachfrage nach Eigentumswohnungen ebenso wie bei Pkw und anderen Luxusgütern sinkt. Die Bauarbeiter gehörten ohnehin schon zu jenen, die besonders unter dem Finanzchaos zu leiden hatten. Schließlich handelt es sich zum größeren Teil um Tagelöhner, die ihr Geld täglich auf die Hand ausgezahlt bekommen. Viele Bosse waren nach der Novemberreform plötzlich ohne Bargeld. Zudem gehören Tagelöhner zu jener Hälfte der Bevölkerung, die nicht einmal über ein Bankkonto verfügt und damit größte Schwierigkeiten hatte, etwaige Notgroschen, die man in alten Scheinen zurückgelegt hatte, noch umzutauschen.

Noch immer tun sich Experten schwer, die Folgen der Nacht-und-Nebel-Aktion auf das Bruttoinlandsprodukt zu prognostizieren. Erste Schätzungen, die mittlerweile kursieren, gehen davon aus, dass in der zweiten Hälfte des Finanzjahres (das in Indien immer bis Ende März läuft) das Wirtschaftswachstum von 5,8 auf nur noch ein halbes Prozent einbrechen könnte.

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