Aus: Ausgabe vom 03.01.2017, Seite 8 / Ansichten

Expressware des Tages: Ukrainische Hochzeit

Von Reinhard Lauterbach
Ganz schön praktisch: Blitzhochzeiten in der Ukraine gibt es an
Ganz schön praktisch: Blitzhochzeiten in der Ukraine gibt es an frontnahen Orten zum Schnäppchenpreis

Kenner des bürgerlichen Bildungsromans und der europäischen Geschichte von Karl dem Großen bis zu Wilhelm II. wissen es ebenso wie alle, die schon einmal verheiratet gewesen sind: eine Eheschließung ist zunächst und vor allem eine Investition. Eine Investition auf Kredit (Vertrauen) am Anfang und viel realem Geld am eventuellen Schluss. Und es steht in jedem Ökonomielehrbuch, dass hohe Markteintrittshürden das Investitionsklima belasten.

In diesem Sinne ist es nur zu begrüßen, dass in der Ukraine jetzt das Klima für die klassische Investition des Privatindividuums deutlich verbessert werden soll. Nach mehrmonatigen erfolgreichen Pilotversuchen in sechs ukrainischen Städten – darunter den in Frontnähe gelegenen Orten Mariupol und Sewerodonezk – soll jetzt in weiteren acht Städten eine Trauung vom Aufgebot bis zum Ringtausch innerhalb von 24 Stunden über die Bühne gehen können. Das ist gut, das lässt keine Zeit für unnötiges »Drum prüfe, wer sich ewig bindet …« und erlaubt en passant, die offenbar erhebliche Zahl von Sexualdelikten unter Beteiligung von Teilnehmern der »Antiterroroperation« wenigstens nachträglich zu »legalisieren«. Dazu passt übrigens die extreme Spreizung der Gebührenstaffel. Im frontnahen Sewerodonezk ist ein Trauschein selbst im Expressverfahren für schlappe 85 Kopeken (umgerechnet 2,5 Cent) zu haben, in Kiew dagegen zahlen Brautleute, wenn der Drang zur Formalisierung ihres Bundes sie am Wochenende überfällt, mit 8.800 Griwna (ca. 300 Euro) gut das Hundertfache.

Ob die Scheidung nach Mesalliancen ebenso erleichtert werden soll, blieb zunächst offen. Aber vielleicht geht es ja ohnehin nur darum, Soldatenbräuten unbürokratisch eine Hinterbliebenenrente zu sichern? So was gab es bei der Wehrmacht auch schon mal, sogar auf Distanz, beurkundet vom Kompaniechef. Bevor dann der Tod sie schied.

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