Aus: Ausgabe vom 03.01.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Angriff auf Millionen

Bewaffnete Aufständische in Syrien nehmen die Wasserquellen des Landes ins Visier

Von Karin Leukefeld
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Ein Soldat der syrischen Armee bei der Verteilung von Wasser an die Zivilbevölkerung in Damaskus am 29. Dezember

Hunderte Menschen haben ihre Dörfer im Barada-Tal verlassen, das nordwestlich von Damaskus in Richtung der Grenze zum Libanon verläuft. Die Menschen seien vor »terroristischen Gruppen« geflohen und zu Stellungen der syrischen Armee und ihrer Verbündeten, darunter auch die libanesische Hisbollah gekommen, berichtete die syrische Nachrichtenagentur SANA am Sonntag. Der Syrische Arabische Rote Halbmond (SARC) versuche die Menschen dort zu versorgen und in sichere Unterkünfte zu bringen. Bei winterlichen Temperaturen ist die Lage für die Schutzsuchenden aber sehr schwierig.

Im Gebiet des Barada-Tals liegt die Quelle Al-Fidschah, die die syrische Hauptstadt Damaskus seit Jahrtausenden mit Wasser versorgt. Seit Beginn des Krieges im Jahr 2011 ist das Tal Teil einer Schmugglerroute für Waffen und Kämpfer aus den Orten Zabadani und Madaja, die wenige Kilometer westlich der Quelle liegen. Wiederholt haben Kampfverbände, die heute zur »Front zur Eroberung von Syrien« (Dschabhat Fatah Al-Sham, vor ihrer Umbenennung: Nusra-Front) gehören, die Wasserversorgung gestoppt, um die Regierungsseite unter Druck zu setzen.

Die Fatah Al-Sham-Front ist als »Terrororganisation« von der jüngsten Waffenstillstandsvereinbarung ausgeschlossen. Nach Angaben der in Istanbul ansässigen »Nationalen Koalition der oppositionellen und revolutionären Kräfte in Syrien« (Etilaf), die das Abkommen unterzeichnet hat, sei die Gruppe aber Teil der Vereinbarung. Nun appellierten »zivile Einrichtungen und Nichtregierungsorganisationen« im Barada-Tal an die internationale Gemeinschaft und die Vereinten Nationen, dringend etwas zum Schutz der mehr als 100.000 Zivilisten zu unternehmen, die in dem Gebiet eingeschlossen seien, hieß es in einer Erklärung der Etilaf-Pressestelle in Istanbul am Montag.

Das »Regime« und die mit diesem verbündeten »Milizen, die vom Iran unterstützt werden«, könnten Massaker an der Zivilbevölkerung verüben. Ständig sei die Bevölkerung aus der Luft und von der Artillerie bombardiert worden. »Fassbomben« seien abgeworfen worden, die Stromversorgung sei unterbrochen, das »Regime« blockiere seit mehr als einer Woche den Transport von Nahrungsmitteln und Medikamenten. Nachdem »Kampfjets des Regimes die Al-Fidscha Pumpstation bombardiert und außer Betrieb gesetzt« hätten, sei die Wasserversorgung für Millionen Menschen in Damaskus gefährdet. Man sei »bereit, Reparaturteams zuzulassen, sobald das Regime die Bombardierungen einstellt«, so Etilaf.

Die syrische Armee weist den Vorwurf, die Quelle bombardiert zu haben, zurück. Bewohner aus Damaskus berichteten gegenüber jW bereits am 28. Dezember, dass bewaffnete Gruppen offenbar Diesel in die Wasserleitungen an der Quelle geleitet hätten, was die erneuten Kämpfe ausgelöst habe. Das Leitungssystem sei teilweise zerstört worden, so dass das Wasser der Quelle in den Barada-Fluss laufe, was zu großen Überschwemmungen in dem Tal geführt habe. Die Wasserversorgung für Damaskus sei nur in einem Umfang von zehn Prozent gewährleistet. Die Stadtviertel erhielten derzeit nur alle vier Tage für zwei Stunden Wasser, und die ärmeren Quartiere am Berg Kasiun seien vom Wassernetzwerk sogar gänzlich abgeschnitten.

Kampfgruppen haben das Abschneiden des Zugangs zu Wasser immer wieder als Waffe benutzt, um die syrische Regierung unter Druck zu setzen. Etwa zeitgleich mit dem Geschehen im Barada-Tal erklärte die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS), die Wasserversorgung am Euphrat bei Al Khafsa unterbrochen zu haben. Von dort wird die Stadt Aleppo mit Wasser versorgt. Al Khafsa ist eine Wasseraufbereitungsanlage, die nach Angaben von UNICEF täglich 400 Millionen Liter Trinkwasser für die Stadt Aleppo produziert. Bereits im November 2015 und im Januar 2016 war die Anlage außer Betrieb gesetzt worden.

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