Aus: Ausgabe vom 14.12.2016, Seite 8 / Ansichten

Staatssekretär des Tages: Andrej Holm

Von Michael Merz
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Da hatten sie ihn endlich, den »Stasi-Skandal« in Berlins neuer Regierung. Andrej Holm kann noch so sehr zu Kreuze kriechen, aber dass er als 18jähriger im Spätsommer 1989 für ein paar Wochen die Grundausbildung im Wachregiment »Feliks Dzierzynski« absolvierte, wird wohl auch noch auf seinem Grabstein stehen müssen.

Es sind die üblichen Verdächtigen, die vor der Ernennung des Stadtsoziologen der Humboldt-Universität zum Staatssekretär unter Bausenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) Gift und Galle spucken. Florian Graf, nach der Rückgabe seines Doktortitels aufgrund eines Plagiatverdachts 2012 endlich mit einer Karriere als CDU-Fraktionschef gesegnet, sieht einen »Affront«. Sein FDP-Kollege Sebastian Czaja, Mitgründer der »Liberalen Immobilienrunde« und vielfältig mit dem Bau-Business verbandelt, erklärte laut B. Z.: »Mit der Personalie Holm kommt die Stasi zurück in die Berliner Wohnungen«. Georg Pazderski (AfD), der die Lösung der Wohnungsmisere darin sieht, dass jeder seine vier Wände kauft, schäumte: »Schande für Berlin«. Und natürlich beeilte sich auch der Hüter des Horrorkabinetts in Hohenschönhausen ein, nein, -zig Statements zu plazieren. Für Hubertus Knabe ist Holm ein »Tabubruch«. Der Westler kann den DDR-Bürgern wieder einmal ausschweifend erklären, wie es wirklich damals war. Flankiert werden die Tiraden von den Boulevardzeitungen der Stadt, die Krönung lieferte der Berliner Kurier mit der Überschrift »Milkes Leibstandarte« (sic!).

Das hat Andrej Holm nun von der Offenheit, mit der er sein Leben in der DDR stets thematisierte. Am Dienstag ist der profunde Kritiker realkapitalistischer Gewinnmaximierung in der hauptstädtischen Immobilienwirtschaft zum Staatssekretär berufen worden. Berliner Mieter können hoffen. An dieser Stelle sagen wir einfach mal: Viel Erfolg, Andrej Holm!

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

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