20.12.2011 / Feuilleton / Seite 12Inhalt

Quartiersmißmanagement

Wirtschaft als das Leben selbst

Von Helmut Höge
Am 14.12. fand in der Neuköllner Eckkneipe »Lange Nacht« eine »Stadtteilversammlung«, organisiert von der »Schillerkiez-Initiative«, statt. Diese entstand als Reaktion auf die 2008 vom dortigen Quartiersmanagement (QM) gegründete AG »Task Force Okerstraße«, mit der das QM »Problemhäuser«, »Problemfamilien« und die »Trinkerproblematik« im Kiez angehen wollte. Gemeint ist damit, daß die AG, indem sie hilft, all die Hartz-IV-ler und Schlechtverdiener aus dem Kiez zu entfernen, diesen Teil Neuköllns langsam »aufwertet«, d.h. für Investoren und zahlungskräftige Mieter »attraktiv« macht.

Neben der Schillerkiez-Initiative, die genau das verhindern will, gibt es den Infoladen »Lunte« – mit veganer Volxküche, Politfilmprogramm und Diskussionen über Arbeitslosen- und/oder Mieterprobleme. Daneben veranstaltet das »Lunte«-Kollektiv einmal im Jahr ein Straßenfest in der Weisestraße. Dieses ständig größer werdende Fest soll die Schillerkiezbewohner zusammenbringen, damit sie sich über ihre Miet- und Wohnprobleme austauschen und nach Lösungen suchen können. Also dem Problem der Gentrifizierung ihres Kiezes, das immer drängender wird, nicht völlig hilflos ausgeliefert sind. Einmal meinte einer der Veranstalter allerdings: »Leider kommen immer mehr Leute zu unserem Fest, die genau Teil dieser Gentrifizierung sind«, weil sie oder ihre Eltern bereit sind, 10 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete zu zahlen. Auch das Quartiersmanagement veranstaltete heuer ein Straßenfest – es kamen jedoch nur 150 Leute, so wurde jedenfalls gesagt, während zu dem »Lunte«-Fest inzwischen jedesmal rund 1500 kommen.

Sowohl die Initiative »Schillerkiez« als auch der »Infoladen Lunte« begreifen das »Task Force«-Programm des Quartiersmanagements als eine »Kriegserklärung«. Plakate mit der Aufschrift »Greifen wir jetzt zu den Waffen oder wollen wir noch mal drüber reden«, kündigten eine Veranstaltung in der »Langen Nacht« an. Dort war dann zu erfahren, daß seit 2009 etwa 500 Mieter aus ihren Wohnungen verdrängt wurden, vor allem alte Leute. Ein auf Miet- und Arbeitsrecht spezialisierter Kiez-Anwalt machte vor allem die »Jobcenter« und deren »völlig inkompetente Mitarbeiter« für die Säuberung des Kiezes verantwortlich. Eine Architektin hob dagegen auf die »Wärmedämmung« ab, die sich private Vermieter mangels Kapital nicht leisten können, weswegen sie ihre Häuser an westdeutsche Spekulanten verkaufen müssen, die sich hier ganze Blöcke und Straßen unter den Nagel reißen. Eine Zugezogene beklagte sich hingegen über die Arroganz der »Lunte«-Betreiber. Eine ältere Kiezbewohnerin bescheinigte ihnen jedoch, trotzdem gute Arbeit zu leisten. Und gleich mehrere Leute meinten, daß »die neu zugezogenen jungen Leute, aus Frankreich oder Spanien zum Beispiel, dem Kiez aber auch gut tun«. Die »Stimmung« habe sich dadurch verbessert, »außerdem können die das ja alles gar nicht wissen« – über was für Leichen sie in den Genuß ihrer Wohnungen kommen. »Die Studenten zahlen jeden Preis, auch für nichtrenovierte Wohnungen«, hatte mir zuvor bereits ein Makler erzählt, der außerdem wußte, daß die Piratenpartei 21 Prozent der Stimmen im Schillerkiez bekommen habe.

Die Versammlung der 70 überwiegend jungen Leute in der »Langen Nacht« war sich einig, daß man die neu Zugezogenen über all das aufklären müsse. »Was ist denn aber nun die Konsequenz aus einem solchen Verantwortungsbewußtsein?« fragt eine Zugezogene. Dazu wurden am Ende mehrere »Arbeitsgruppen« gebildet – und ein »Aktionsprogramm 2012« verabschiedet. Zwar mag es sein, daß, wenn man jeden zehnten Hausbesitzer im Schillerkiez erschießen würde, sich das Gentrifizierungsproblem nicht mehr stellen würde, aber das wurde in der »Langen Nacht« dann doch nicht in Erwägung gezogen. Anders als im Wrangelkiez dachte man auch nicht daran, die QM-Manager aus dem Kiez zu vertreiben. So bleibt alles wie gehabt: Die einen klären weiter auf und mobilisieren – die anderen profitieren davon und gentrifizieren weiter. Ein wahres Schweinesystem!
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