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»Mit zweierlei Maß gemessen«
Die junge Welt hat zwar viele Fans, aber in der Linkspartei ist nicht jeder glücklich über sie. Ein Gespräch mit Stefan Liebich
Stefan Liebich war bis 2005 Landesvorsitzender der PDS in Berlin. Bei der Bundestagswahl 2009 errang er in Berlin-Pankow ein Direktmandat für die Linkspartei.
Als gelernter DDR-Bürger haben Sie bis zur »Wende« vermutlich die junge Welt gelesen. Sind Sie auch heute noch Leser?Ich hatte Ihre Zeitung bis Mitte der 90er Jahre sogar abonniert. Anfangs habe ich sie sehr gern gelesen, dann aber mit sinkender Begeisterung. Ich habe sie schließlich abbestellt.
Und warum sank die Begeisterung?
Die junge Welt hat aus meiner Sicht immer weniger Zutrauen in ihre Leserinnen und Leser gehabt. Sie hat die Nachricht immer stärker mit einer Kommentierung versehen. Das Schwarz-Weiß-Denken, die Trennung der Welt in Gut und Böse nahm überhand. Diese Entwicklung fand ich überhaupt nicht gut.
Das wird in Ihrer Partei offenbar unterschiedlich gesehen. Es gibt dort viele Fans der jungen Welt, angefangen beim Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine. Was ist der wahre Grund dafür, daß uns ausgerechnet der Berliner Landesverband nicht liebt? Unsere kritische Sicht auf die Senatspolitik?
Ich habe in bezug auf die Berlin-Berichterstattung kein spezifisches Problem mit der jungen Welt – außer, daß die eben geäußerte Kritik auch auf diesen Bereich zutrifft. Man kann doch auch mal einen Erfolg als Erfolg darstellen! Ich glaube, es wäre besser, einfach zu berichten und es den Lesern und Leserinnen zu überlassen, welche Meinung sie sich aufgrund der Fakten bilden.
Kritiklosigkeit an linken Regierungen kann man der jungen Welt zumindest für Deutschland nicht vorwerfen. Erst kürzlich noch hatten wir über die Koalitionsvereinbarungen mit der SPD in Brandenburg berichtet und die Frage gestellt, ob Ihre Genossen dort ihre Wahlversprechen gebrochen haben. Sind wir vielleicht deswegen so unbeliebt, weil wir das schlechte Gewissen der Linkspartei sind?
Nein. Meine Haltung zu Ihrer Zeitung wäre sicher anders, wenn sie dieselbe Meßlatte an linke Regierungen in Europa oder in deutschen Bundesländern legen würde wie an linke Regierungen in Lateinamerika. Da wird mit zweierlei Maß gemessen: Was weit weg ist und sich links nennt, ist gut. Wenn aber Linke in Deutschland Regierungspolitik machen, ist das von vornherein schlecht. Ich wünsche mir, daß die junge Welt weniger als Agitationsorgan agiert, sondern sich mehr mit den Fakten befaßt.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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