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22.10.2019 / Feuilleton / Seite 10

Antianthropozentrismus

Helmut Höge

Dreimal wurde mir eine neue Sichtweise auf die Welt eröffnet. Das war erstens der Marxismus – die Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Proletariat und Bourgeoisie etc. Zweitens der Feminismus – der Gegensatz zwischen den Sichtweisen und Phantasien von Männern und von Frauen als Geschlechterkampf. Und drittens – über meine Beschäftigung mit Tieren und Pflanzen seit 2000 – ein Antianthropozentrismus, der Menschen kritisiert, die wie selbstverständlich Lebensäußerungen von Tieren und Pflanzen übersehen und übergehen.

Bei den Indigenen Amerikas ist die Idee weit verbreitet, dass jede Lebensform sich selbst als menschlich (an)sieht. Mit einer solchen totalen Anthropologie entkommen sie witzigerweise dem Anthropozentrismus, wie der Ethnologe Eduardo Viveiros de Castro und die Philosophin Deborah Danowski in »In welcher Welt leben?« schreiben. Denn das, was alle von sich selbst sehen, mache »ihre ›Seele‹« aus. Demzufolge sehe »ein Jaguar, wenn er ein...

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