13.05.2017 / Schwerpunkt / Seite 3

System der Einschüchterung

Der dritte Jahrestag des Massakers in Odessa: Neonazipropagandisten geduldet, Trauernde abgeführt. Und die Justiz versagt

Wladimir Sergijenko

Ich bin Mitte vierzig und habe schon vieles gesehen und gehört, aber das raubte mir dann doch die Stimme. Ich konnte nicht mehr übersetzen. Eine Zeugin berichtete, dass Menschen aus dem brennenden Haus sprangen und mit gebrochenen Gliedern weiterkrochen, um sich in Sicherheit zu bringen, doch der rechte Mob trat auch auf die Wehrlosen ein und ließ die Knüppel kreisen. Das war nackte Barbarei. Einer, der auf der Feuerleiter vor den Flammen flüchtete, wurde mit Steinen und Baseballschlägern zurückgetrieben. Polizisten, die Sicherheitskorridore eingerichtet hatten, warfen schützend ihre Jacken über Gerettete, damit diese auf dem Weg zum Krankenwagen nicht attackiert wurden. Am Ende jenes 2. Mai 2014 wussten alle in Odessa, dass hier etwas geschehen war, was dem Selbstbild von der weltoffenen und toleranten Hafenstadt, in der Menschen aus mehr als 100 Nationen leben, Hohn spricht. Die Offiziellen machten sich ans Vertuschen.

In Kiew hatte es zwei Monate zuvor ...

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