04.03.2016 / Feuilleton / Seite 11

Pubertät im Hinterhaus

Hans Steinbichler scheitert mit einer Neuverfilmung des Tagebuchs der Anne Frank

Kai Köhler

Als zwei Besucherinnen ein Theater verließen, in dem gerade eine Dramatisierung des Tagebuchs der Anne Frank aufgeführt worden war, soll die eine zur anderen gesagt haben: »Aber dieses Mädchen hätte man doch nicht vergasen sollen.« Auch wenn die Anekdote möglicherweise erfunden ist, ist sie doch gut erfunden. Sie bezeichnet die Stärken wie die Schwächen des Stoffs. Die aus Deutschland geflohene Jüdin versteckte sich mit sieben anderen Verfolgten gut zwei Jahre lang in einem Amsterdamer Hinterhaus, wurde im August 1944 verraten und gerade einmal 15jährig Anfang 1945 im KZ Bergen-Belsen ermordet. Ihre Aufzeichnungen machen nachvollziehbar, was der faschistische Völkermord für die einzelnen Opfer bedeutete. Andererseits fehlt in ihnen perspektivbedingt jede politische Einordnung. Die Gefahr besteht, dass als einzige, vorpolitische Reaktion Mitleid bleibt, mehr nicht.

Das Tagebuch ist ein subjektives Genre. Eine Übersetzung ins Drama oder in den Film, wo meist...

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