25.02.2016 / Feuilleton / Seite 11

Paradies Deutschland

Michael Moore wirft in seinem Dokumentarfilm »Where to Invade Next« einen eigentümlichen Blick auf Europa

Kai Köhler

Um das Jahr 100 setzte sich der Römer Tacitus hin und kritisierte seine Landsleute. Weil er aber klug genug war zu wissen, dass Moralpredigten selten zu einer Verhaltensänderung führen, lobte er die Germanen für angebliche Tugenden wie Tapferkeit und Keuschheit, die er in seiner Heimat vermisste. Die dekadenten Römer – so hoffte er – würden dann das Notwendige von selbst erkennen.

Nun ging bekanntlich Rom dennoch unter, wenn auch erst ein paar Jahrhunderte später; und auf germanischen Stolz musste Tacitus keine Rücksicht nehmen, denn im zurückgebliebenen Norden lebten wohl kaum ein paar Dutzend Leute, die lesen konnten. Dass anderthalb Jahrtausende danach deutsche Nationalisten dumm oder verlogen genug sein würden, das taktische Geschreibsel wörtlich zu nehmen, konnte Tacitus nicht vorhersehen.

Stellen wir uns nun vor, eine Kopie von Michael Moores Dokumentation »Where to Invade Next« fiele um das Jahr 3.900 einem Historiker in die Hände, der sich für das L...

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