26.10.2012 / Feuilleton / Seite 13

An die Windsbraut und das Meer

Gisela Sonnenburg
Mein Vater war erst schwerhörig, dann dement. Sein Horizont reichte gerade noch bis zum Löffel Eingemachtes, das er gierig verschlang. Seine Sprache war kloßig und karg. Nur Essen war noch wichtig. Nach dem Mittag rief er: »Abendbrot!« Dabei lag er auf der »Kanalseite« der Klinik, mit sonnigem Blick auf den Nordostseekanal.

»Wirst du denn gut versorgt, Papa?« – »Jaja«, fast fröhlich krächzt er das. Als hätte er einen Schnaps intus. Er nimmt Neuroleptika. Und was gegen Schmerzen: »Der Bauch schmerzt nicht mehr so.« Das bleibt der einzige vollständige Satz, den er von sich gibt. Die nächsten fünf Sekunden sorgen ihn – weiter denkt er nicht. Abstraktion und Konjunktiv überfordern ihn. Die vormundschaftliche Bedeutung der Vokabel »Betreuung« erfaßt er nicht mehr. »Betreuung« ist für ihn jetzt ein Glas Wasser, eine Decke, ein weiteres Kissen. Er ist ein Schatten seiner selbst.

Dieser Rest sagt gern »jaja«, lustig wie im Fasching. Ob er nach Berli...



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