09.11.2009 / Thema / Seite 10

Ringen um die DDR

Rede. »Die Öffnung der Staatsgrenze der DDR am 9. November 1989 – ein Ereignis von historischer Tragweite und widersprüchlichem politischen Charakter« (Teil II)

Egon Krenz
Wir dokumentieren die Rede, die Egon Krenz am 24.10.2009 auf dem 24. Grenzertreffen in Petershagen bei Berlin gehalten hat. Krenz wurde im Oktober 1989 Nachfolger Erich Honeckers als Generalsekretär des ZK der SED und Staatsratsvorsitzender. Kürzlich erschien bei editionost, Berlin, eine Neuauflage seines Buches »Herbst ’89«.

In den Jahren von 1974 bis 1982, als Breschnew quasi fast ein Jahrzehnt als kranker Mann das Land regierte, oder besser gesagt: Nicht regierte, war die UdSSR im Wettbewerb mit den USA ins Hintertreffen geraten. Das hatte auch Auswirkungen auf den RGW und damit auch auf die DDR.

Gorbatschow übernahm die Verantwortung für das Land, nachdem innerhalb von nur drei Jahren drei Generalsekretäre verstorben waren: Breschnew, Andropow und Tschernenko. Angesichts der Tatsache, daß in unseren Ländern die Politik leider viel zu stark nur auf den ersten Mann an der Spitze zugeschnitten war, hatte der Tod von drei Generalsekretären in Folge verheerende politische Konsequenzen.

Generalsekretär wurde nun mit Gorbatschow ein Mann, der auf seine Funktion weder politisch noch moralisch vorbereitet war. Ich gebe zu: Als er Generalsekretär des ZK der KPdSU wurde, habe ich ihm vertraut. Vielleicht sogar zu lange, aber das weiß man leider immer erst hinterher.

Mir liegt fern, Gorbatschow noch zu verteidigen. Aber, ich sage auch offen: Ihm allein den Untergang des europäischen Sozialismus anzulasten, wäre zu oberflächlich. Ich meine: Eine intakte Sowjetunion hätte niemand in die Knie zwingen können, auch Gorbatschow nicht. Wenn wir wollen, daß unsere Enkel es einmal besser ausfechten als wir, dann müssen sie von uns erfahren, was wir gut gemacht haben, aber auch, was uns nicht gelungen ist und warum.

Gorbatschows Konzeptionslosigkeit drückte sich auch in seiner Theorie, dem sogenannten »Neuen Denken« aus. Die NATO dachte weiterhin alt und überhaupt nicht daran, ihre Ziele aufzugeben. Gorbatschow hingegen glaubte naiv an ihre Besserung und zerstörte dabei das militärstrategische Gleichgewicht zwischen den beiden Weltsystemen, eine Voraussetzung für die Stabilität in der Welt. Im Laufe von drei bis vier Jahren hat er aus Schwäche eine Position nach der anderen aufgegeben, bis er schließlich im Dezember 1989 beim Treffen mit Bush sen. kapitulierte, indem er einseitig den Kalten Krieg für beendet erklärte, ohne sich die Frage zu stellen, welche weltpolitischen Konsequenzen das haben würde.

Verrat hat bekanntlich viele Gesichter: Es gibt Verrat aus Berechnung, und es gibt Verrat aus Schwäche. Subjektiv ist das ein großer Unterschied. Das Resultat jedoch bleibt das gleiche. In unserem Falle der Zerfall der UdSSR und der Untergang der DDR. Wenn ich von Verrat spreche, halte ich mich an eine Aussage von Friedrich Engels. In seiner Schrift »Revolution und Konterrevolution in Deutschland« (1851/52) schreibt er: »Wenn man nach den Ursachen der Erfolge der Konterrevolution forscht, so erhält man von allen Seiten die bequeme Antwort, Herr X oder Bürger Y habe das Volk ›verraten‹. Diese Antwort mag zutreffen oder auch nicht, (…) aber unter keinen Umständen erklärt sie auch nur das Geringste, (…) wie es kam, daß das ›Volk‹ sich derart verraten ließ. «1

An dieser Stelle möchte ich nicht versäumen, auf einen Irrtum aufmerksam zu machen, der bis heute in der Propaganda gegen die DDR genutzt wird. Gorbatschow und Honecker, heißt es, wären wegen der Perestroika- und Glasnost-Politik zerstritten gewesen. Das stimmt so nicht. Zwar ist es richtig, daß Erich Honecker diese Politik kritischer sah als beispielsweise ich. Die Quelle für tiefgreifende Differenzen liegen auf einem ganz anderen Gebiet. Die sowjetische Führung unter Gorbatschow traute der DDR zu, daß wir die »deutsche Karte« ausspielen könnten und hinter ihrem Rücken mit Bonn kungeln würden. Deshalb seine Kritik an der Politik der DDR gegenüber Bonn. Deshalb seine Kritik an der »Koalition der Vernunft« und deshalb auch seine Einsprüche gegen die Reisepläne Honeckers in die Bundesrepublik.

Es ist also keineswegs so, daß in Berlin immer der notorische Dogmatiker und in Moskau immer der stürmische Reformer saß. Manchmal war es auch umgekehrt. Die Situation war jedenfalls wesentlich komplizierter, als das heute unterstellt wird.

Die internationale Situation

Noch bevor der frühere CIA-Chef George Bush sen. Anfang 1989 zum 41. Präsidenten der USA vereidigt wurde, erhielt Honecker aus den USA eine geheime Nachricht mit der Mitteilung: »Der neue US-Präsident denke nicht daran, eine strategische Partnerschaft zwischen den USA und der UdSSR, wie sie Gorbatschow anstrebe, einzugehen. Nicht die USA müßten Gorbatschow entgegenkommen, sondern Gorbatschow muß den USA entgegenkommen.«

Bush, so wurde Honecker zugleich informiert, wolle zudem seinen persönlichen Freund aus gemeinsamen CIA-Zeiten, Vernon A. Walters, zum neuen US-Botschafter in Bonn beförd...

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