11.04.2008 / Thema / Seite 10

Die Schußhand gehalten

Am 11. April 1968 wurde Rudi Dutschke bei einem Attentat schwer verwundet. Eine Hetzkampagne des Springer-Konzerns gegen den APO-Aktivisten war ihm vorausgegangen

Jutta Ditfurth
Nur zwei Jahre lang, von 1967 bis 1969, verliefen die Wege von Ulrike Meinhof und Rudi Dutschke parallel. In dieser Zeit verband die beiden eine Freundschaft, die nicht nur sie selbst, sondern die Bundesrepublik als Ganzes verändert hat. Jutta Ditfurth zeichnet in ihrem neuesten Buch »Rudi und Ulrike« ein lebendiges Porträt der beiden prominentesten Köpfe der »außerparlamentarischen Opposition«, der APO. Es handelt auch von einer Zeit, in der die bürgerliche Presse der Linken den Krieg erklärt und mitunter sogar offen zur Jagd auf sie aufgerufen hat. Die so Angegriffenen beschlossen, sich zu wehren – notfalls auch mit Waffengewalt. Wir veröffentlichen vorab Auszüge aus dem Buch, das ab morgen im Handel erhältlich ist. (jW)



Josef Erwin Bachmann, dreiundzwanzig Jahre alt, blaß, akkurat gescheitelt, stieg nach mehr als elf Stunden Fahrt am Morgen des 11. April 1968 am Berliner Bahnhof Zoo aus; er war mit dem Interzonenzug aus München gekommen. Kein westdeutscher Grenzbeamter und kein DDR-Volkspolizist hatte die Pistole entdeckt, die seine Wildlederjacke an der linken Schulter leicht ausbeulte, und auch die zweite Pistole nicht oder die hundert Schuß Patronen, die er in seiner Reisetasche zwischen der Wäsche versteckt hatte.

Josef Bachmann wurde am 12. Oktober 1944 in Sachsen als nichteheliches Kind einer Rotkreuz-Hilfsschwester und eines Soldaten geboren. Als er zwölf war, nahm ihn seine Mutter aus der DDR mit in den Westen, nach Nordrhein-Westfalen. Es ging ihm nie wirklich gut. Josef Bachmann scheiterte als Hilfsschüler, als Lehrling und als Hilfsarbeiter. Er liebte Mopeds, Motorräder und Waffen – Dinge, die für ihn unerreichbar waren; um seine Träume trotzdem verwirklichen zu können, stahl er das Geld, das er dafür brauchte. Er hatte bereits einige Monate Gefängnis hinter sich, als er mit einem Freund nach Frankreich abhaute. Dort schoß er auf einen Polizisten, wofür er zehn Monate im Gefängnis saß.

Sechs Wochen nach Benno Ohnesorgs Tod am 2. Juni 1967 kam Bachmann auf der Suche nach Arbeit für kurze Zeit ins brodelnde Westberlin. Er las die Deutsche Nationalzeitung, denn er haßte den Kommunismus. Es könnte ihm mißfallen haben, daß, als Folge der Ereignisse um den Schah-Besuch, im September zuerst Innensenator Wolfgang Büsch zurücktreten mußte, dann Polizeipräsident Erich Duensing und kurz darauf der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz. Waren nicht diese Roten und Langhaarigen an allem schuld?

Bachmann wechselte seine Jobs häufig und verlor den letzten, weil er während der Arbeit Alkohol getrunken hatte. Im Oktober 1967 beschloß er, Westberlin zu verlassen, nach Frankreich zu gehen und Fremdenlegionär zu werden. Nach acht Tagen Ausbildung setzte man ihn dort jedoch an die Luft, er galt als zu unreif. Vor Wut betrank er sich und kam mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Danach zog er als Hilfs­arbeiter über Peine und Innsbruck nach München, wo er Jobs kündigte, andere verlor. Seinen letzten als Eisenschutzwerker und Anstreicher in München kündigte er am 8. April 1968 und gab an, nach Westberlin reisen zu wollen. Ihr werdet noch von mir hören, prahlte er vor Arbeitskollegen, kurz bevor er am Abend des 10. April in München den Zug nach Westberlin bestieg.

Während der Fahrt las Josef Bachmann den Spiegel und die Bild-Zeitung, vor allem aber die Nationalzeitung, die fünf Fotos von Rudi Dutschke wie Fahndungsfotos präsentierte und dazu die Schlagzeile gesetzt hatte: »Stoppt Dutschke jetzt!« In Berlin angekommen, versetzte er in der Kantstraße sein Kofferradio für 32 D-Mark, dann ging er zurück zum Bahnhof Zoo, kaufte sich Brötchen und eine Wurst und setzte sich auf eine Bank, um sie zu verspeisen. Es war der 11. April 1968, Gründonnerstag.

Politische Freundschaft

Zur gleichen Zeit saß Ulrike Meinhof am Schreibtisch ihrer großen Altbauwohnung in der kopfsteingepflasterten Goßlerstraße im feinen Berlin-Dahlem und schrieb. Wie immer stand eine große Kanne Kaffee vor ihr...

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