25.10.2006 / Inland / Seite 8

»Jede Playstation ist besser gesichert«

Der Chaos Computer Club hat die in der BRD eingesetzten Wahlmaschinen problemlos manipuliert und fordert ihr Verbot. Ein Gespräch mit Andreas Bogk

Ralf Wurzbacher
* Andreas Bogk vom Chaos Computer Club (CCC) ist IT-Sicherheitsexperte und war Mitglied eines Teams, das jüngst erfolgreich einen Wahlcomputer manipuliert hat

Am Sonntag kamen bei der Wahl zum Oberbürgermeister in Cottbus 74 Wahlcomputer zum Einsatz. Wie funktionieren diese Geräte?

Statt wie bisher mit Stift und Zettel wird durch Knopfdruck gewählt und die abgegebene Stimme wird elektronisch gespeichert. Am Ende des Tages wird die Wahl abgeschlossen, und das Gerät druckt einen Zettel mit der Anzahl abgegebener Stimmen pro Kandidat aus.

Der Chaos Computer Club hat ein vollständiges Verbot solcher Wahlmaschinen bei Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen gefordert. Warum?

Das fundamentale Problem ist, daß das Registrieren und Zählen einer Stimme in einem Computer ein physikalischer Vorgang ist, der vom Menschen nicht mehr direkt nachvollzogen werden kann. Eine Überwachung durch Wahlvorstand und Beobachter ist nicht länger möglich, einer Manipulation durch Insider Tür und Tor geöffnet. Dieses Szenario konnte auch eine Prüfung der in Deutschland verwendeten Wahlmaschinen durch die zuständige Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) nicht ausschließen.

Da mußten Sie aber erst nachhelfen, oder?

Ja, noch im Sommer wurde seitens der PTB argumentiert, eine Manipulation sei nicht möglich, weil dem Angreifer der Source-Code der Software – quasi die Baupläne – nicht vorliegt. Unsere Gruppe beim Chaos Computer Club konnte in Zusammenarbeit mit einer holländischen Bürgerinitiative dann den Nachweis erbringen, daß die Software auch auf den hierzulande eingesetzten Nedap-Wahlgeräten ohne Zugang zum Source-Code geändert werden kann. Unsere Änderung bewirkt, daß das Gerät die Stimmen nicht korrekt zählt und eine bestimmte Partei bevorteilt wird. Daß Computer manipuliert werden können, ist an sich keine Überraschung. Daß es überhaupt notwendig war, dafür den Beweis anzutreten, zeigt jedoch, wie fahrlässig PTB und Bundesinnenministerium bei der Erteilung der Bauartzulassung gehandelt haben. Es hat sich sogar herausgestellt, daß keinerlei Schutzmaßnahmen vorhanden waren. Jede Playstation und jeder Geldautomat sind besser gesichert.

Wie kann man sich einen möglichen Mißbrauch in der Realität vorstellen?

Das größte Bedrohungspotential geht von einem Insider aus, also jemandem, der im Vorfeld der Wahl Zugang zu dem Computer hat. Der Austausch der Software ist eine Sache von fünf Minuten, es müssen nur zwei Chips getauscht werden. Die in Deutschland verwendeten Siegel stellen dabei kein großes Hindernis dar.

Derlei Manipulationen traut man vielleicht US-Präsident Bush zu, der sich mit ähnlichen Mitteln mindestens einen Wahlsieg ergaunert hat. Bieten deutsche ...



Das größte Bedrohungspotential geht von einem Insider aus, also jemandem, der im Vorfeld der Wahl Zugang zu dem Computer hat. Der Austausch der Software ist eine Sache von fünf Minuten, es müssen nur zwei Chips getauscht werden. Die in Deutschland verwendeten Siegel stellen dabei kein großes Hindernis dar.

Ja, noch im Sommer wurde seitens der PTB argumentiert, eine Manipulation sei nicht möglich, weil dem Angreifer der Source-Code der Software – quasi die Baupläne – nicht vorliegt. Unsere Gruppe beim Chaos Computer Club konnte in Zusammenarbeit mit einer holländischen Bürgerinitiative dann den Nachweis erbringen, daß die Software auch auf den hierzulande eingesetzten Nedap-Wahlgeräten ohne Zugang zum Source-Code geändert werden kann. Unsere Änderung bewirkt, daß das Gerät die Stimmen nicht korrekt zählt und eine bestimmte Partei bevorteilt wird. Daß Computer manipuliert werden können, ist an sich keine Überraschung. Daß es überhaupt notwendig war, dafür den Beweis anzutreten, zeigt jedoch, wie fahrlässig PTB und Bundesinnenministerium bei der Erteilung der Bauartzulassung gehandelt haben. Es hat sich sogar herausgestellt, daß keinerlei Schutzmaßnahmen vorhanden waren. Jede Playstation und jeder Geldautomat sind besser gesichert.

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