02.09.2006 / Abgeschrieben / Seite 8

Evelyn Hecht-Galinski zum Verhalten des Zentralrates der Juden

Die Tochter des ehemaligen Zentralratspräsidenten Heinz Galinski übte im Deutschlandfunk scharfe Kritik am Zentralrat der Juden in Deutschland

Der Zentralrat der Juden hat die Kritik von Ministerin Wieczorek-Zeul an dem Einsatz von Streubomben scharf zurückgewiesen, weil sie einseitig sei. Sie wiederum kritisieren deswegen den Zentralrat. Warum?

Weil es für mich besonders unerträglich ist und auch für viele meiner jüdischen Mitstreiter, daß sich der Zentralrat zum wiederholten Male als Sprachrohr der israelischen Regierung in Deutschland versteht, anstatt sich um die sozialen Belange der Gemeindemitglieder in den jüdischen Gemeinden in Deutschland zu kümmern. Das ist die eigentliche Aufgabe. Ich möchte nicht von einem Zentralrat vertreten werden, der nur die israelische Politik vertritt. Jetzt kommen heute wieder in den Zeitungen die Antisemitismusvorwürfe von Frau Knobloch und Herrn Korn. Nicht diejenigen, die Israels Politik kritisieren, fördern den Antisemitismus, sondern diejenigen, die schweigen (...).

Nun wirft der Zentralrat der Ministerin Wieczorek-Zeul nicht vor, sagt er jedenfalls, antisemitisch zu sein. Verstehen Sie den Zentralrat, auch daß er besonders empfindlich ist, wenn Israel kritisiert wird?

Empfindlich schon, aber nicht Abbügeln oder Abbürsten jeglicher Kritik. Zum Beispiel wurde Dr. Verleger, der Mitglied im Direktorium des Zentralrats war, nach seiner Kritik – der hat ja auch nur gesagt die Vergehen im Libanon, in Gaza, gezielte Tötung, unverhältnismäßige Bombardierung und dergleichen – gleich von seiner Gemeinde als Delegierter im Zentralrat abgesetzt. Dann die Buchvorstellung von Rupert Neudeck, den man ja auch sehr oft im Deutschlandfunk hört. Die wurde verhindert von der Frankfurter jüdischen Gemeinde. Die evangelische Kirche hatte einen Raum zur Verfügung gestellt. Die mußten das absagen, weil die Frankfurter Gemeinde unter Arno Lustiger und Herrn Graumann das verhindert hat, daß er dort sein neues Buch vorstellen konnte, das sich ja mit diesem Thema beschäftigt. Und so geht es ja immer schon. Jegliche Kritik wird als Antisemitismus verurteilt, und dadurch ist ja schon fast jeder mundtot gemacht worden. Frau Wieczorek-Zeul wird ja von Frau Merkel auch schon als alleinige SPD-Stimme quasi hingestellt.

Die Bundeskanzlerin hat gesagt, das sei ihre Privatmeinung gewesen.

Wo sind wir denn? Was heißt denn Privatmeinung? Frau Bundesministerin Wieczorek-Zeul, die uns jetzt im Moment in Stockholm auf dieser so- genannten Geberkonferenz vertritt, was auch schon ein Hohn ist. Israel zerstört 80 Prozent der Infrastruktur im Libanon, und wir dürfen wieder aufbauen, großzügigerweise, oder vielleicht jetzt Soldaten hinschicken. Wir sollten Soldaten hinschicken für den Wiederaufbau, aber nicht, um die Arbeit für Israel dort zu verrichten und die Grenzen zu schützen, damit die nicht wieder einen Krieg anfangen. Das sind alles Sachen, die für mich den Antisemitismus wirklich fördern. Ich kriege so viele Zuschriften von sehr, sehr engagierten Deutschen, die absolut nicht in der rechten Ecke sind, die sich aber schon gar nicht trauen, den Mund aufzumachen. (...)

Der Zentralrat der Juden, Frau Hecht-Galinski, verteidigt sich damit, daß er sagt, schaut euch die Stimmung an, die es im Moment in Deutschland gibt, die ist heftig antiisraelisch, da müssen wir gegensteuern. Ist das so falsch?

Die Stimmung ist antiisraelisch, weil Israel eine Politik betreibt, die durch nichts mehr zu rechtfertigen ist. (...)


Siehe auch Gespräch mit Rolf Verleger in der heutigen Wochenendbeilage
Siehe auch Gespräch mit Rolf Verleger in der heutigen Wochenendbeilage


Die Stimmung ist antiisraelisch, weil Israel eine Politik betreibt, die durch nichts mehr zu rechtfertigen ist. (...)

Artikel-Länge: 3703 Zeichen

Willkommen bei der Tageszeitung junge Welt

Zum Aufrufen dieser Seite ist ein Onlineabo erforderlich.

Bitte einloggen

Hilfe und Informationen

Abo abschließen

Welche Vorteile bietet ein Onlineabo?

  • Zugriff auf das Archiv seit 1997, alle Artikel und Recherchewerkzeuge.
  • E-Mail-Abo im Text-, HTML- oder E-Pub-Format.
  • Zugriff auf Seiten im PDF-Format.
  • Verwalten eigener Lesezeichen.

Zur aktuellen Ausgabe