25.07.2006 / Ansichten / Seite 2

»Hauptproblem für Versorgung ist der Transport«

20 Prozent der libanesischen Bevölkerung auf der Flucht. Humanitäre Hilfe wegen zerstörtem Straßennetz fast unmöglich. Ein Gespräch mit Martin Glasenapp

Wolfgang Pomrehn

Martin Glasenapp ist Mitarbeiter der Hilfsorganisation medico international


Medico international arbeitet im Libanon mit verschiedenen Gesundheitsprojekten zusammen. Was berichten Ihre dortigen Partner über die Lage?

In Beirut arbeiten wir mit einer Kulturinitiative zusammen, die in Harat Hreik, einem der am stärksten bombardierten schiitischen Stadtteile, arbeitet. Deren Mitarbeiter berichten, daß das ganze Viertel mittlerweile komplett zerstört ist. Palästinensische Gesundheitsdienste erzählen uns, daß die großen Straßen und Brücken völlig zerschossen sind. Den Berichten zufolge ist es zur Zeit in Beirut etwas ruhiger, weil die Evakuierung der Ausländer noch läuft. Danach muß wohl mit neuen Bombardements in Beirut gerechnet werden. Die Stadt soll jetzt voller Flüchtlinge aus dem Süden, wo die Bodenoffensive der israelischen Truppen bereits begonnen hat, sein. In Sidon, südlich von Beirut, ist die Situation ähnlich, nur daß dort das gesamte Straßennetz zerstört sein soll. Das Hauptproblem sind jetzt der Transport und natürlich die unkalkulierbaren Luftangriffe. In Sidon und Tyre wurden für die Flüchtlinge Aufnahmezentren in Schulen eingerichtet. Etwa 20 Prozent der libanesischen Bevölkerung, die UN schätzen 500000, sind auf der Flucht vor dem Krieg. Diese Menschen zu versorgen wäre schon nicht einfach, wenn das Straßennetz noch intakt wäre. Bei den Zerstörungen ist es unmöglich.

Rein äußerlich hatte der Libanon sich gut von den 20 Jahren Bürgerkrieg und israelischer Besatzung des Südens erholt. Ist da ein neuer Krieg nicht besonders tragisch?

Es ist eine Tragödie in jeder Hinsicht. Der israelische Generalstab drohte bereits, den Libanon auf Bürgerkriegsniveau zurückzubomben, wenn die zwei Soldaten nicht ausgeliefert werden und der Raketenbeschuß nicht eingestellt wird. In Beirut weckt dies traumatische Erinnerungen an den Bürgerkrieg, als diverse marodierende Milizen ihre konfessionell getrennten Stadtteile beherrschten. Die Angst vor einer Rückkehr der Warlords geht um. In den letzten Jahren erholte sich die Gesellschaft; sie wurde freier, auch durch den Abzug der Syrer. All das steht jetzt auf dem Spiel – es droht die Rückkehr in die alten, konfessionell tradierten Konflikte.

Gemeinsam mit ATTAC haben Sie zu Spenden für die libanesische Zivilbevölkerung aufgerufen. Was passiert mit dem Geld?

Wir leiten die Spenden an unsere langjährigen Partner im Libanon weiter. Etwa an AMEL, eine säkulare Gesundheitsorganisation, die schon in Zeiten des Bürgerkrieges überkonfessionell in Beirut gearbeitet hat. Oder an PARD, eine palästinensische Hilfsorganisation, die im Schatila-Camp und in den Flüchtlingslagern im Süden medizinische Hilfe leistet. Aber nicht nur Spenden sind wichtig. Wir müssen auch auf unsere Regierung einwirken, damit diese sich für einen sofortigen Waffenstillstand einsetzt. Dieser Krieg wird weder Israels Grenzen sicherer machen, noch kann die Hisbollah aus dem Libanon herausgebombt werden. Sicherheit verlangt internationale Verhandlungen.

Sie haben auch in Israel Partnerorganisationen. Was berichten diese über den neuen Krieg?

Wir arbeiten unter anderem mit den Physicians for Human Rights (Ärzte für Menschenrechte) in Tel Aviv zusammen, die gemeinsam mit palästinensischen Partnern medizinische Programme in der Westbank unterhalten. Sie versorgen auch palästinensische Häftlinge in Israel. Vor kurzem konnten sie erstmals gerichtlich einen Hilfskonvoi nach Gaza durchsetzen. Sie sagen, daß es nur wenige Demonstrationen gibt und die Mehrheit der Menschen hinter diesem Krieg steht. Das staatliche israelische Fernsehen zeigt aber auch keinerlei Bilder von verletzten Zivilisten und zerstörten Wohnhäusern im Libanon. Wir haben auch Partner in Nazareth und Akho – eine arabische Initiative, die Frauenhäuser in Israel unterhält – die dort unter Raketenbeschuß stehen und natürlich Angst haben. Es gehört ja zur Perfidie dieses Krieges, daß die israelischen Städte in Galiläa, die von der Hisbollah beschossen werden, oft einen großen arabischen Bevölkerungsanteil haben.



Interview: Wolfgang Pomrehn



  • Medico international, Spendenkonto: 1800, Frankfurter Sparkasse, BLZ 500 502 01, Stichwort: Libanon

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