15.04.2006 / Wochenendbeilage / Seite 1 (Beilage)

»Israel zieht noch vor 2008 ab«

Gespräch mit dem israelischen Kriegsdienstverweigerer David Zonshein

Andrea Bistrich in Tel Aviv
David Zonsheim verfaßte im Januar 2002 nach einem Einsatz im Gazastreifen als damals 28jähriger Hauptmann der israelischen Armee den »Brief der Frontkämpfer«. Er rief damit die Bewegung »Seruv« (Mut zur Verweigerung – im Internet: www.seruv.org.il) ins Leben. Als »Refusenik« engagiert er sich gegen die anhaltende israelische Besatzungspolitik.


F: Mit Ihrem vor vier Jahren in Haaretz veröffentlichten »Brief der Frontkämpfer« haben sie weit über Israel hinaus Bekanntheit erlangt. Bis heute erhalten die »Refuseniks« Unterstützung. Wie kam es zu dem Schreiben der Verweiger, und worum geht es darin?

Zunächst einmal möchte ich erwähnen, daß ich ein überzeugter Soldat und Offizier einer Eliteeinheit der israelischen Streitkräfte [Israel Defense Forces – IDF] war. Als solcher war ich bereit, jederzeit meinem Land zu dienen und es zu verteidigen. Nach einigen Jahren im Dienst erkannte ich allmählich, daß ich genau dies in den Einsätzen nicht tat. Ich habe nahezu zehn Jahre gebraucht, um zu einer gewissen Reife zu gelangen und mir einzugestehen, daß ich mit den Einsätzen in den besetzten Gebieten keinesfalls mein Land und meine Leute schützte – im Gegenteil. Ich fügte ihnen damit großen Schaden zu.

Meine Verweigerung und die meiner Kameraden soll daher dazu beitragen, Verbrechen und kollektive Bestrafungsaktionen an Zivilisten, die nichts mit den Kämpfen zu tun haben, zu verhindern. Der Brief legt unsere grundsätzliche Bereitschaft zum Dienst dar – aber nicht gegen unser Gewissen. Es heißt darin: »Wir … Soldaten der israelischen Streitkräfte, die wir nach den Grundsätzen des Zionismus, der Aufopferung und Selbstaufgabe für die Menschen Israels und den Staat Israel erzogen wurden ..., werden nicht länger außerhalb der Grenzen von 1967 kämpfen, um ein ganzes Volk zu beherrschen, zu vertreiben, auszuhungern und zu erniedrigen.«

F: »Seruv« – der hebräische Name Ihrer Bewegung – bedeutet Verweigerung. Was hat Sie dazu bewogen?

Nachdem ich bei meinem Einsatz als Reservist im Dezember 2001 gesehen hatte, wie sehr die Besatzung und die Einsätze gegen die palästinensische Bevölkerung die Sicherheit gefährden, war ich fest entschlossen, dazu beizutragen, die israelischen Streitkräfte aus den besetzten Gebieten herauszubringen. Die Siedler auf der anderen Seite tun alles ihnen Mögliche, um ihre Kontrolle über das besetzte Land, für das der Staat Israel aber niemals Souveränität beanspruchte, weiter zu festigen. Mit ihren Versuchen, eine Apartheidsituation zu schaffen, in der eine jüdische Minderheit über eine arabische Mehrheit regiert und sie der elementarsten Bürgerrechte beraubt, untergraben sie die zionistische Vision des jüdischen Staates.

Letztendlich gab es zwei wesentliche Gründe, die mich zur Verweigerung bewogen haben. Der erste ist mehr allgemeiner Art: Als guter und überzeugter Offizier möchte man fortwährend hundert Prozent für sein Land geben. Etwa zehn Jahre lang habe ich mich diesem Raster gefügt und gemacht, was man mir befohlen hat. So war ich aufgewachsen und erzogen worden. Aber mit 28 begann ich, die Bedeutung dessen, was ich in meinen Diensteinsätzen tat, zu hinterfragen. Wenn man beispielsweise eine Straßensperre in Nablus aufstellt, fragt man sich, welchen Sinn es macht, ganz gewöhnliche palästinensische Bürger dort anzuhalten. Warum sollten diese Leute und Kinder, die vielleicht auf dem Weg zur Schule, ins Krankenhaus, zu ihrer Arbeitsstelle oder zum Einkaufen sind, daran gehindert werden, ihrem Alltagsleben nachzugehen? Ich fragte mich immer wieder: Trage ich wirklich dazu bei, Israel zu schützen? Meine Vorgesetzten haben mir gesagt, daß mein Dienst in den besetzten Gebieten der Sicherheit Israels diene. Der Glaube, daß das Recht auf unserer Seite wäre, und das völlige Vertrauen in meine Vorgesetzten haben mich lange Zeit blind gemacht. Allmählich aber schlichen sich Zweifel ein. Als gut ausgebildeter Soldat weiß man: Ein Land zu verteidigen heißt, seine Grenzen zu kennen. Aber wo sind Israels Grenzen, fragte ich mich immerzu.

Ein mehr spezifischer Grund für meine Verweigerung sind die vielen Vorfälle in den besetzten Gebieten, an denen ich – wie viele andere Frontsoldaten in Israel – jahrelang beteiligt war.

F: Was waren das für Vorfälle?

Palästinenser wurden beispielsweise an den Checkpoints und Straßensperren stundenlang festgehalten. Das war das einfachste. Wir haben das den ganzen Tag lang getan. Ein anderes Beispiel ist, Menschen mitten in der Nacht zu verhaften; sie aus ihren Häusern zu holen, die Männer von ihren Frauen und Kindern zu trennen und sie für ein paar Tage zur Befragung und Ermittlung mitzunehmen. Natürlich kommt in 99 Prozent der Fälle nichts dabei heraus.

Ein weiteres Beispiel sind Patrouillen in der Kasbah, dem Herzstück arabischer Orte mit sehr engen Gassen. Wenn plötzlich ein Kind einen Stein wirft und deinen Kameraden trifft, so daß seine Nase blutet, ist einem alles egal, die Palästinenser, alles. Ich habe das viele Male miterlebt – und auch gestoppt. Aber jedes Mal, wenn so etwas passiert, spielt die Kompanie verrückt und greift alles an – Frauen, Kinder, einfach alles, was ihren Weg kreuzt. Das Schlimme ist, daß man das nicht ändern kann. Denn wenn man mittendrin ist, sieht man es nicht. Das ist das Erstaunliche: Als Soldat vor Ort erfaßt man nicht das Gesamtbild, und niemand will es in dieser Situation. Alle diese Methoden der Demütigung und Bestrafung sind Teil der Besatzung.

Was mich sehr veränderte, waren die Ereignisse nach dem Gipfel in Camp David im Jahr 2000, an dem US-Präsident Bill Clinton, der israelische Premierminister Ehud Barak und der Vorsitzende der Palästinensischen Autonomiebehörde, Yassir Arafat, teilnahmen, und der am 25. Juli ohne Einigung endete. Als Ehud Barak von dem Gipfel zurückkehrte, gab es viele Demonstrationen in Israel. Israelis und Palästinenser machten sich gegenseitig für das Scheitern der Gespräche verantwortlich. Bei einer Demonstration wurden 13 Israelis arabischer Abstammung von der Polizei getötet. Alle waren Bürger Israels und hatten friedlich demonstriert. Bei einer gewalttätigen Demonstration fanatischer Juden griff die Polizei nicht einmal ein.

Das war ein absoluter Schock für mich. In den zwei Jahren danach durchlief ich einen Prozeß intellektueller Suche und Verstehens. Ich las sehr viel über Besatzerregimes – über die Amerikaner in Vietnam, die Weißen in Südafrika und andere. Ich sprach mit den unterschiedlichsten Leuten, um herauszufinden, was in Israel wirklich vor sich ging. Am Ende führte dieser Prozeß, zusammen mit meinen Erfahrungen bei meinen letzten Reserveeinsätzen in Gaza dazu, daß ich mich für die Verweigerung entschied. Als ich im November 2001 die Aufforderung zum Einsatz im Gazastreifen erhielt, war mir völlig klar, daß ich nicht länger an der Besatzung teilnehmen würde. Ich gelobte mir, mich an keinem Einsatz zu beteiligen, der jenseits der Grünen Linie lag.

F: Sie sagten einmal, Gaza erscheine Ihnen wie »ein anderer Planet«. Für die meisten von uns, die niemals im Gazastreifen waren, ist es schwierig, sich die Lebensbedingungen dort vorzustellen. Wie haben Sie Ihren letzten Einsatz empfunden?

Ich war etwa 40 Tage lang in Gaza. Es war eine absolute Katastrophe. Was wir dort gemacht haben, war ein kompletter Alptraum für jemanden wie mich, der schon vorher nicht verstehen konnte, wozu das alles gut sei. Wir haben nichts ausgelassen; wir zerstörten Häuser, Wohnungen. Einer meiner Soldaten wurde in Kfar Darom von einer palästinensischen Mörsergranate getötet, als er gerade dabei war, einige Siedlerkinder vom Spielplatz wegzubringen. Er war sofort tot.

Am schlimmsten war, daß wir bereits wußten: Der einzige Weg, unsere Soldaten sicher nach Hause zu bringen, bestand darin, den Palästinensern das Leben unerträglich zu machen. Selbst ein Mensch mit einer fairen, moralischen und humanistischen Einstellung kann das nicht ändern. Es ist unmöglich, man kann es einfach nicht. Gaza ist, Gaza war ein unbarmherziger Ort. Wenn du von Palästinensern angegriffen wirst, mußt du sie ebenfalls attackieren, erst recht, wenn du deine Kameraden schützen mußt.

Immer wieder habe ich mich gefragt, wie es sein kann, daß es unter so vielen führenden Offizieren, die sich der Lage vollständig bewußt waren, niemanden gab, der sich erhebt, seine Uniform ablegt und sagt: Dabei mache ich nicht mehr mit!

Nach den 40 Einsatztagen im Gazastreifen fuhr ich nach Hause nach Tel Aviv. Ich war erschüttert, wie friedlich alles war. Es war erstaunlich. Die Leute saßen in Cafés, tranken Kaffee und unterhielten sich. Ich erinnere mich, wie ich aus dem Bus ausstieg und auf das Café in der Nähe meines Hauses schaute; ich starrte einfach die Leute an. Ich wollte sie anschreien: »Was macht ihr da? Nur wenige Kilometer von hier gibt es einen Krieg. Wißt ihr das nicht? Ich habe dort einen Soldaten verloren, viele Palästinenser wurden getötet. Wie könnt ihr nur hier herumsitzen und Kaffee trinken? Begreift ihr denn nicht, was dort vor sich geht?«

Drei oder vier Tage lang fühlte ich mich wie ein Zombie, ein Niemand. Ich sprach kaum. In der Arbeit – ich war für ein Software-Unternehmen in Herzlija tätig – fragten mich meine Kollegen, ob alles in Ordnung sei. Auch meine Kameraden in der Armee fragten mich: »Was ist so anders in Gaza? Zehn Jahre lang warst du bei so vielen Einsätzen im Libanon dabei; du warst in der Spezialeinheit, du hast gegen die Hisbollah gekämpft, und du hast auch früher schon Soldaten verloren. Was ist in Gaza passiert, das dich jetzt so verändert?« Sie hatten recht. Unzählige Male zuvor hatte ich mein Leben in Gefahr gebracht. Was jetzt anders ist? Ich hatte keine Erklärung dafür.

Und ein paar Tage nach diesen Gesprächen saß ich eines Nachts schlaflos in meinem Zimmer, als wie von selbst der »Brief der Frontkämpfer« aus mir herausströmte. Ich schrieb die 100 oder 150 Worte von Anfang bis Ende, und nichts davon mußte seither verändert werden. Dann zeigte ich den Brief dem Kommandanten meiner Einheit, Leutnant Yaniv Itzkovitz, und Freunden. Ihre Reaktionen waren unglaublich. Eine gängige Antwort war: »Kamerad, so fühlen wir seit zehn Jahren.«

F...

Ich war etwa 40 Tage lang in Gaza. Es war eine absolute Katastrophe. Was wir dort gemacht haben, war ein kompletter Alptraum für jemanden wie mich, der schon vorher nicht verstehen konnte, wozu das alles gut sei. Wir haben nichts ausgelassen; wir zerstörten Häuser, Wohnungen. Einer meiner Soldaten wurde in Kfar Darom von einer palästinensischen Mörsergranate getötet, als er gerade dabei war, einige Siedlerkinder vom Spielplatz wegzubringen. Er war sofort tot.

Am schlimmsten war, daß wir bereits wußten: Der einzige Weg, unsere Soldaten sicher nach Hause zu bringen, bestand darin, den Palästinensern das Leben unerträglich zu machen. Selbst ein Mensch mit einer fairen, moralischen und humanistischen Einstellung kann das nicht ändern. Es ist unmöglich, man kann es einfach nicht. Gaza ist, Gaza war ein unbarmherziger Ort. Wenn du von Palästinensern angegriffen wirst, mußt du sie ebenfalls attackieren, erst recht, wenn du deine Kameraden schützen mußt.

Immer wieder habe ich mich gefragt, wie es sein kann, daß es unter so vielen führenden Offizieren, die sich der Lage vollständig bewußt waren, niemanden gab, der sich erhebt, seine Uniform ablegt und sagt: Dabei mache ich nicht mehr mit!

Nach den 40 Einsatztagen im Gazastreifen fuhr ich nach Hause nach Tel Aviv. Ich war erschüttert, wie friedlich alles war. Es war erstaunlich. Die Leute saßen in Cafés, tranken Kaffee und unterhielten sich. Ich erinnere mich, wie ich aus dem Bus ausstieg und auf das Café in der Nähe meines Hauses schaute; ich starrte einfach die Leute an. Ich wollte sie anschreien: »Was macht ihr da? Nur wenige Kilometer von hier gibt es einen Krieg. Wißt ihr das nicht? Ich habe dort einen Soldaten verloren, viele Palästinenser wurden getötet. Wie könnt ihr nur hier herumsitzen und Kaffee trinken? Begreift ihr denn nicht, was dort vor sich geht?«

Drei oder vier Tage lang fühlte ich mich wie ein Zombie, ein Niemand. Ich sprach kaum. In der Arbeit – ich war für ein Software-Unternehmen in Herzlija tätig – fragten mich meine Kollegen, ob alles in Ordnung sei. Auch meine Kameraden in der Armee fragten mich: »Was ist so anders in Gaza? Zehn Jahre lang warst du bei so vielen Einsätzen im Libanon dabei; du warst in der Spezialeinheit, du hast gegen die Hisbollah gekämpft, und du hast auch früher schon Soldaten verloren. Was ist in Gaza passiert, das dich jetzt so verändert?« Sie hatten recht. Unzählige Male zuvor hatte ich mein Leben in Gefahr gebracht. Was jetzt anders ist? Ich hatte keine Erklärung dafür.

Und ein paar Tage nach diesen Gesprächen saß ich eines Nachts schlaflos in meinem Zimmer, als wie von selbst der »Brief der Frontkämpfer« aus mir herausströmte. Ich schrieb die 100 oder 150 Worte von Anfang bis Ende, und nichts davon mußte seither verändert werden. Dann zeigte ich den Brief dem Kommandanten meiner Einheit, Leutnant Yaniv Itzkovitz, und Freunden. Ihre Reaktionen waren unglaublich. Eine gängige Antwort war: »Kamerad, so fühlen wir seit zehn Jahren.«



Palästinenser wurden beispielsweise an den Checkpoints und Straßensperren stundenlang festgehalten. Das war das einfachste. Wir haben das den ganzen Tag lang getan. Ein anderes Beispiel ist, Menschen mitten in der Nacht zu verhaften; sie aus ihren Häusern zu holen, die Männer von ihren Frauen und Kindern zu trennen und sie für ein paar Tage zur Befragung und Ermittlung mitzunehmen. Natürlich kommt in 99 Prozent der Fälle nichts dabei heraus.

Ein weiteres Beispiel sind Patrouillen in der Kasbah, dem Herzstück arabischer Orte mit sehr engen Gassen. Wenn plötzlich ein Kind einen Stein wirft und deinen Kameraden trifft, so daß seine Nase blutet, ist einem alles egal, die Palästinenser, alles. Ich habe das viele Male miterlebt – und auch gestoppt. Aber jedes Mal, wenn so etwas passiert, spielt die Kompanie verrückt und greift alles an – Frauen, Kinder, einfach alles, was ihren Weg kreuzt. Das Schlimme ist, daß man das nicht ändern kann. Denn wenn man mittendrin ist, sieht man es nicht. Das ist das Erstaunliche: Als Soldat vor Ort erfaßt man nicht das Gesamtbild, und niemand will es in dieser Situation. Alle diese Methoden der Demütigung und Bestrafung sind Teil der Besatzung.

Was mich sehr veränderte, waren die Ereignisse nach dem Gipfel in Camp David im Jahr 2000, an dem US-Präsident Bill Clinton, der israelische Premierminister Ehud Barak und der Vorsitzende der Palästinensischen Autonomiebehörde, Yassir Arafat, teilnahmen, und der am 25. Juli ohne Einigung endete. Als Ehud Barak von dem Gipfel zurückkehrte, gab es viele Demonstrationen in Israel. Israelis und Palästinenser machten sich gegenseitig für das Scheitern der Gespräche verantwortlich. Bei einer Demonstration wurden 13 Israelis arabischer Abstammung von der Polizei getötet. Alle waren Bürger Israels und hatten friedlich demonstriert. Bei einer gewalttätigen Demonstration fanatischer Juden griff die Polizei nicht einmal ein.

Das war ein absoluter Schock für mich. In den zwei Jahren danach durchlief ich einen Prozeß intellektueller Suche und Verstehens. Ich las sehr viel über Besatzerregimes – über die Amerikaner in Vietnam, die Weißen in Südafrika und andere. Ich sprach mit den unterschiedlichsten Leuten, um herauszufinden, was in Israel wirklich vor sich ging. Am Ende führte dieser Prozeß, zusammen mit meinen Erfahrungen bei meinen letzten Reserveeinsätzen in Gaza dazu, daß ich mich für die Verweigerung entschied. Als ich im November 2001 die Aufforderung zum Einsatz im Gazastreifen erhielt, war mir völlig klar, daß ich nicht länger an der Besatzung teilnehmen würde. Ich gelobte mir, mich an keinem Einsatz zu beteiligen, der jenseits der Grünen Linie lag.



Nachdem ich bei meinem Einsatz als Reservist im Dezember 2001 gesehen hatte, wie sehr die Besatzung und die Einsätze gegen die palästinensische Bevölkerung die Sicherheit gefährden, war ich fest entschlossen, dazu beizutragen, die israelischen Streitkräfte aus den besetzten Gebieten herauszubringen. Die Siedler auf der anderen Seite tun alles ihnen Mögliche, um ihre Kontrolle über das besetzte Land, für das der Staat Israel aber niemals Souveränität beanspruchte, weiter zu festigen. Mit ihren Versuchen, eine Apartheidsituation zu schaffen, in der eine jüdische Minderheit über eine arabische Mehrheit regiert und sie der elementarsten Bürgerrechte beraubt, untergraben sie die zionistische Vision des jüdischen Staates.

Letztendlich gab es zwei wesentliche Gründe, die mich zur Verweigerung bewogen haben. Der erste ist mehr allgemeiner Art: Als guter und überzeugter Offizier möchte man fortwährend hundert Prozent für sein Land geben. Etwa zehn Jahre lang habe ich mich diesem Raster gefügt und gemacht, was man mir befohlen hat. So war ich aufgewachsen und erzogen worden. Aber mit 28 begann ich, die Bedeutung dessen, was ich in meinen Diensteinsätzen tat, zu hinterfragen. Wenn man beispielsweise eine Straßensperre in Nablus aufstellt, fragt man sich, welchen Sinn es macht, ganz gewöhnliche palästinensische Bürger dort anzuhalten. Warum sollten diese Leute und Kinder, die vielleicht auf dem Weg zur Schule, ins Krankenhaus, zu ihrer Arbeitsstelle oder zum Einkaufen sind, daran gehindert werden, ihrem Alltagsleben nachzugehen? Ich fragte mich immer wieder: Trage ich wirklich dazu bei, Israel zu schützen? Meine Vorgesetzten haben mir gesagt, daß mein Dienst in den besetzten Gebieten der Sicherheit Israels diene. Der Glaube, daß das Recht auf unserer Seite wäre, und das völlige Vertrauen in meine Vorgesetzten haben mich lange Zeit blind gemacht. Allmählich aber schlichen sich Zweifel ein. Als gut ausgebildeter Soldat weiß man: Ein Land zu verteidigen heißt, seine Grenzen zu kennen. Aber wo sind Israels Grenzen, fragte ich mich immerzu.

Ein mehr spezifischer Grund für meine Verweigerung sind die vielen Vorfälle in den besetzten Gebieten, an denen ich – wie viele andere Frontsoldaten in Israel – jahrelang beteiligt war.

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