05.02.2018, 10:30:13 / Marx 200

Marx als Produkt

Welche Wandlungen erfuhr das Denken des vor 200 Jahren geborenen Philosophen und Kritikers?

Von Georg Fülberth
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Nach dem Ende der sozialistischen Staaten waren jene, die sich auf Marx (5.5.1818–14.3.1883) beriefen, ziemlich weit unten angekommen. Ohne Beachtung von dessen Einsichten wird aber die notwendige Veränderung der Weltverhältnisse nicht zu machen sein (Graffito in Berlin)

Am vergangenen Sonnabend sprach Georg Fülberth im Anschluss an die Jahresmitgliederversammlung der Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal zum Thema »200 Jahre Karl Marx«. Wir dokumentieren von dieser Rede den zweiten Teil. Das vollständige Referat wird im Heft 3/2018 der Marxistischen Blätter, das Ende April/Anfang Mai erscheint, veröffentlicht werden. (jW)

Marx und Engels haben einen großen Fundus von Einschätzungen hinterlassen, die auf ihren eigenen Erfahrungen beruhten. Die nächste Generation von Marxistinnen und Marxisten konnte sich der von ihnen entwickelten Methode bedienen, aber ihre eigene Politik konnte sie nur gemäß der sich weiter wandelnden kapitalistischen Wirklichkeit betreiben. Es bildete sich dabei eine Orthodoxie heraus, bei der von Marx und Engels überkommene Denkfiguren dazu benutzt wurden, eigene neue Sichtweisen zu legitimieren.

Rosa Luxemburg befand, dass die von Marx hypothetisch vorgenommenen harmonischen Austauschverhältnisse zwischen Produktionsmittel- und Konsumgüterindustrie entgleisen müssten, sobald man einige Variabeln wirklichkeitsnäher änderte, und gelangte schließlich zu dem Ergebnis, dass Kapitalismus Überakkumulation bedeute. Dies traf sich mit ihrer Beobachtung des zeitgenössischen Imperialismus mit seinem Waren- sowie Kapitalexport und der daraus resultierenden Tendenz zum Krieg. Erst infolge dieser Wahrnehmung, kombiniert mit Beibehaltung und Modifikation der Marxschen Reproduktionsschemata, schrieb sie ihr Buch »Die Akkumulation des Kapitals« von 1913. Um es mit einer Formulierung des ganz jungen Marx zu sagen: Die Wirklichkeit drängte zum Gedanken.

Anders ging der Kinderarzt Rudolf Hilferding mit dem Verhältnis von Empirie und Theorie um. In seinem Buch »Das Finanzkapital« von 1910 schilderte er die jüngere ökonomische Entwicklung, wie sie immerhin schon Engels in Ansätzen hatte kommen sehen: Monopolisierung von Industrie und Bankkapital, deren wechselseitige Durchdringung zum Finanzkapital. Das waren Tatsachen. Sie stimmten mit dem überein, was Hilferding in Marx’ Ausführungen über die Zentralisation des Kapitals, über die Aktiengesellschaften und – im dritten Band des »Kapital« – über das Geldhandlungskapital und das fiktive Kapital gefunden hatte. Diese Vitalisierung von Marxschen Überlegungen wäre ohne die korrekt aufgefasste Evidenz zeitgenössischer Erscheinungen wohl nicht erfolgt – und umgekehrt wäre ihm deren Interpretation ohne Marx gewiss auch nicht gelungen.

Zeitalter der Katastrophen

Diese neue Wirklichkeit, die Hilferding und Luxemburg beschrieben, war das, was mehrere Jahrzehnte später Eric Hobsbawm als das Zeitalter der Katastrophen (1914–1945) bezeichnete: zwei Weltkriege, einer von ihnen ein Vernichtungskrieg mit dem Versuch der Ausrottung der jüdischen Bevölkerung Europas, eine Weltwirtschaftskrise, Faschismus. Es war aber nicht nur ein Zeitalter der Katastrophen, sondern auch des Versuchs der Abwehr dieser Katastrophen: die russische Oktoberrevolution, die Entstehung des Staatssozialismus. Hier haben wir eine ganz andere gesellschaftliche Realität als in der Zeit von Marx und Engels. Für die Marxisten dieses neuen Zeitalters blieben materialistische Geschichts- und Gegenwartsauffassung zwar leitend, in ihrer politischen Praxis trat aber nun die Kritik der politischen Ökonomie hinter die Theorie der Politik zurück.

Es gab eine Ausnahme: Dass Henryk Grossmanns Buch »Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems« ausgerechnet 1929, im Jahr des Beginns der Weltwirtschaftskrise, erschien, mag ein Zufall gewesen sein. Es war schon vorher erarbeitet worden, und zwar wieder einmal in Auseinandersetzung mit den Reproduktionsschemata des zweiten Bandes des »Kapital«. Aber es passte in die Zeit und hatte den Untertitel: »Zugleich eine Krisentheorie«. Eine operative politische Bedeutung hatte es nicht. Es war die Zeit der politischen, nicht in erster Linie der ökonomischen Analyse und Praxis.

Der italienische Kommunist Antonio Gramsci bezeichnete die Oktoberrevolution sogar als »eine Revolution gegen das ›Kapital‹« – gemeint war das Marxsche Buch. Die Revolution war nicht in einem hochentwickelten kapitalistischen Land ausgebrochen, in Russland bildete nicht das Proletariat, sondern die Bauernschaft die Mehrheit der Bevölkerung. Und Mitte der 1920er Jahre begann der lange Prozess der chinesischen Revolution, zwar geführt von einer Kommunistischen Partei, aber mit der Massenbasis unter den Bauern. Alle erfolgreichen großen Revolutionen – von der englischen 1640–1688 über die französische 1789 ff. bis zur russischen und chinesischen – hatten Analphabeten als Massenbasis, was den unmittelbaren Einfluss gedruckten aufwieglerischen Gedankenguts wohl relativieren dürfte.

Mao hat Marx und Engels weniger zitiert als die chinesischen philosophischen Klassiker. Lenin bezog sich in seiner Schrift »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« (1917) nur indirekt, über Hilferding, auf Marx, empirisch aber auf einen Sozialliberalen, John A. Hobson. Dagegen revitalisierte er gleich anschließend die Auffassungen von Marx und Engels zur Theorie des Staates und der Notwendigkeit seiner Zerschlagung: in seiner 1917 verfassten, 1918 veröffentlichten Schrift »Staat und Revolution«. Auf den ersten Blick liest sie sich wie die philologische Arbeit eines Schriftgelehrten: Lenin hatte alle Äußerungen von Marx und Engels über den Staat gesammelt. Dass er diese Rekonstruktion ihrer älteren Auffassungen vornahm, hatte aber einen aktuellen Anlass: Sie waren gleichsam der Anhang zu seinen Aprilthesen von 1917, in denen er die Beendigung der Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Räten zugunsten der letzteren forderte.

Lenins Aktualisierung der Staatstheorie von Marx und Engels lenkte die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit, das umzuwälzen, was diese beiden den »Überbau« genannt hatten. Dazu gehörte nicht nur der Staat, sondern auch die Gesamtheit der Bewusstseinsformen, einschließlich der Philosophie. »Marxismus und Philosophie«: Dies war der Titel einer Schrift von Karl Korsch aus dem Jahr 1923, in der er mit der eher behäbig beschreibenden Form des historischen Materialismus nach dem Tod von Marx und Engels brach und dessen Dynamisierung nach dem Vorbild und in Fortbildung der revolutionären Schriften dieser beiden Theoretiker aus den 40er und frühen 50er Jahren des 19. Jahrhunderts zurückkehren wollte. Gramsci entwickelte eine Theorie nicht der Ökonomie, sondern der Politik, Georg Lukács eine Theorie des Klassenbewusstseins. Ernst Blochs Schrift über Thomas Müntzer nahm das Thema von Friedrich Engels’ Schrift über den deutschen Bauernkrieg von 1850 wieder auf. Mit Bloch, Korsch und Lukács äußerten sich bisher bürgerliche Intellektuelle, die durch den Ersten Weltkrieg erschüttert, durch die Oktoberrevolution zu Revolutionsenthusiasten geworden waren und sich dadurch auf Schriften von Marx und Engels verwiesen sahen, die in einer früheren revolutionären Situation entstanden waren. Die Empirie ihrer Zeit machte sie zu Marxisten.

Beim Aufbau des Sozialismus in Sowjetrussland gab es dagegen kaum die Möglichkeit eines solchen Rückgriffs auf bereits vorliegende Theoriestücke. Ökonomisches von Marx und Engels, woran man hätte anknüpfen können lag hier kaum vor, sieht man von Marx’ Kritik des Gothaer Programms sowie einigen Nebenbei-Bemerkungen über geplante Wirtschaft ab. Hier musste Neuland beschritten werden. Die sowjetischen Ökonomen taten dies und konnten sich dabei letztlich auf die Marxsche Arbeitswertlehre in der von ihm hinterlassenen unfertigen Form nicht in der Weise stützen, dass daraus ausreichende praktische Konsequenzen hätten gezogen werden können – ein Grund unter mehreren anderen für das Scheitern dieses Sozialismustyps. Unter Stalin wurden Marx und Engels immer wieder genannt und zitiert, aber dies hatte ausschließlich ideologiepolitischen Charakter zur Legitimierung eines nicht abgebauten, sondern neu errichteten starken Staats.

In der Selbstrechtfertigung der sozialistischen Länder wurde viel von der Diktatur des Proletariats geredet. Der Begriff stammte ursprünglich nicht von Marx und Engels. Sie hatten ihn nur gelegentlich benutzt: als Metapher für das Ende bürgerlicher Herrschaft. Das war bei ihnen ein kritischer Begriff gewesen: die Negation des bürgerlichen Staates. Jetzt wurde er affirmativ: eine Legitimierung der Herrschaft des Apparats. Marx und Engels hätte das gewiss nicht gepasst. Der 1927 begonnene erste Versuch einer Marx-Engels-Gesamtausgabe ist unter Stalin abgebrochen worden, der Herausgeber Dawid Rjasanow und andere Mitarbeiter an diesem Unternehmen wurden ermordet.

Unter dem Eindruck der Perversion des Sozialismus im Stalinismus und der faschistischen Katastrophe der Zivilisation unternahm das aus Frankfurt am Main in die USA vertriebene Institut für Sozialforschung u. a. mit Theodor W. Adorno und Max Horkheimer eine Art Entmaterialisierung der dialektischen Theorie: als eine Kritik des Bestehenden ohne die Aussicht auf eine aktuelle praktische Umwälzung. Das war in gewisser Weise eine Rückkehr zum Linkshegelianismus ohne zentrale Stellung des Proletariats und ohne linearen Fortschrittsoptimismus, man kann auch sagen: unter Verzicht auf eher bedenkliche Teile des Erbes von Marx und Engels. Der Begriff, der sich hierfür durchsetzte, hieß Kritische Theorie. Sein Preis war allerdings auch das Fallenlassen der elften These über Feuerbach: Philosophen interpretierten die Welt und waren erschrocken über die Ergebnisse kontraproduktiven Handelns, die zu Inhalten ihrer Erfahrung wurden.

Mit der Ausdehnung des sowjetischen Einflussbereiches bis nach Mitteleuropa, der chinesischen Revolution, der einsetzenden Entkolonisierung und einer Teilplanung auch im Kapitalismus, zunächst in den Kriegswirtschaften 1914–1918 und 1939–1945 hatten Umwälzungen aber tatsächlich stattgefunden. Nun begann eine neue Periode.

Kalter Krieg und Wohlfahrtsstaat

In dieser Zeit erreichte das Werk von Marx und Engels weltweit seinen höchsten Bekanntheitsgrad, dies allerdings in sehr verschiedenen Formen: In den Ländern des sowjetischen Einflussbereiches, aber auch in China war der Marxismus-Leninismus Legimitationsideologie der bestehenden Staatsmacht. Soweit er ein Instrument der Kritik war, geschah dies auf zweierlei Art und Weise: erstens in der offiziellen staatlichen Propaganda als Waffe in der Auseinandersetzung mit dem kapitalistisch gebliebenen Teil der Welt. Zweitens haben sozialistische Dissidentinnen und Dissidenten Marx auch gegen die Praxis der Länder, in denen sie lebten, zu wenden versucht. Ein Aspekt der staatlichen Praxis im Osten war aber immerhin auch, dass seit den 70er Jahren zum zweiten Mal eine historisch-kritische Marx-Engels-Gesamtausgabe zu erscheinen begann, organisiert von den Instituten für Marxismus-Leninismus bei den Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Aus der DDR kamen außerdem die blauen Bänden der Marx-Engels-Studienausgabe (MEW).

In den Entkolonisierungbewegungen war neben dem Nationalismus oft auch ein antiimperialistischer Bezug auf den Marxismus wirksam – als eine Legitimationsideologie ihres Kampfes. Gleiches gilt für die chinesische, die kubanische und die vietnamesische Revolution.

Das Bildungswesen mancher hochentwickelter kapitalistischer Länder förderte die Kenntnis des historischen Materialismus im Zuge einer Art von Feinderkundung. In den USA und in der Bundesrepublik wurde er erforscht, Schul- und akademischer Unterricht sollten vor ihm warnen und machten ihn dadurch oft erst bekannt. Besondere Aufmerksamkeit richtete sich auf die Marxschen Frühschriften. Sie schienen geeignet, gegen den Staatssozialismus gewendet werden zu können. Die Hoffnung junger Intellektueller im Westen, dass sie ein Potential enthielten, mit dem die kapitalistischen Verhältnisse durch den jungen Marx zum Tanzen gebracht werden könnten, schreckte die offizielle bürgerliche Kulturpolitik nicht: Die Evidenz eines stabilen Wohlfahrtskapitalismus erschien ihr – wie einst Eduard Bernstein – eine Widerlegung des ökonomischen Marx und seiner Revolutionstheorie durch Erfahrung.

Von Marx blieb die Wertform-Analyse, deren Rekonstruktion sich, von Adorno ermutigt, Hans Georg Backhaus widmete. Die strukturalistische »Kapital«-Lektüre von Louis Althusser entsprach der – scheinbaren oder tatsächlichen – Bewegungslosigkeit der gesellschaftlichen Situation. Gleiches gilt für das Anwachsen des Einflusses der Kritischen Theorie des nach Frankfurt am Main zurückgekehrten Instituts für Sozialforschung.

Eine Weiterentwicklung der Kritik der Politischen Ökonomie stellte die von der DDR und der Französischen Kommunistischen Partei (hier vor allem von Paul Boccara, 1932–2017) ausgehende Theorie des Staatsmonopolistischen Kapitalismus dar. Sie erklärte die Ursachen der relativen Stabilität der bürgerlichen Gesellschaft in den am weitesten entwickelten kapitalistischen Ländern, reagierte also auf die gleichen Umstände wie die Neue Marx-Lektüre Althussers und die Frankfurter Kritische Theorie. Dagegen ging der trotzkistische Theoretiker Ernest Mandel in seiner Analyse des krisenträchtigen Kapitalismus von dessen fortbestehender revolutionärer Erschütterbarkeit aus.

In der Intellektuellenrebellion von 1968 schien sich dies zu bestätigen. Sie bezog sich teilweise auf Marx, aber auch auf Bakunin. Die Streikkämpfe vom Ende der 1960er und in der ersten Hälfte der 70er Jahre schienen dem klassischen Arbeiterbewegungsmarxismus zu entsprechen. »Kapital«-Lesekreise vor allem von Studierenden suchten Erklärungen für das unmittelbar Wahrgenommene. Die Einführungen von Wolfgang Fritz Haug in Marx’ Werk waren einflussreich.

Mit dem Erlöschen der Arbeiterkämpfe in den Metropolen ab 1975 sah sich der französische Sozialtheoretiker André Gorz veranlasst, den »Abschied vom Proletariat« auszurufen. Einen anderen Abschied oder Teilabschied formulierten marxistische Feministinnen – in Deutschland wohl zuerst Christel Neusüß –, deren Meinung nach das Geschlechterverhältnis außerhalb der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie blieb. Die Kritik des Patriarchats in Engels’ Schrift »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats« von 1884 hätte einer kritischen Fortschreibung aufgrund neuer Forschungsergebnisse und der Situation am Ende des 20. Jahrhunderts bedurft, was vorerst unterblieb.

Gleiches galt für folgendes Problem: »Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.« (MEW 23: 529/530.) Das hier schon von Marx angesprochene Mensch-Natur-Verhältnis war jetzt zu einem allgemein als drängend wahrgenommenen Problem geworden, wurde aber erst ansatzweise historisch-materialistisch bearbeitet.

Wir beobachten hier Phänomene der Abwendung und Ermüdung, die nichts mit den Texten von Marx und Engels oder ihrer Denkweise zu tun haben, sondern mit einem mittlerweile eingetretenen gesellschaftlichen Kräfteverhältnis, das deren Rezeption und Weiterentwicklung als aus der Zeit gefallen erscheinen ließ. Auch die Rehabilitation der seit dem Erscheinen des »Kapital« hoch umstrittenen Marxschen Arbeits- und Mehrwerttheorie durch das 1983 erschienene Buch »Laws of Chaos« von Emmanuel Farjoun und Moshé Machover war in dieser Situation für die Katz.

Wenn in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts von einer Krise des Marxismus die Rede war, konnte dies zweierlei bedeuten: Krankheit zum Tod oder Neubeginn. Der Untergang des Staatssozialismus ab 1989 veränderte die Szenerie, bevor über diese Alternative in den Metropolen des Kapitalismus entschieden war. Damit sind wir dicht an die Gegenwart herangekommen.

Nach 1989

Jetzt erschien Marx in einigen ehemals sozialistischen Ländern als ein verbotswürdiger Irrlehrer, in den manchmal milder gestimmten altkapitalistischen Metropolen eher als ein abgetaner Theoretiker des 19. Jahrhunderts, dessen Werk allenfalls als ein interessantes und ungefährliches Produkt behandelt werden konnte. Hierher gehören die Entscheidung der UNESCO von 2013, das »Manifest der Kommunistischen Partei« und den ersten Band des »Kapital« zum Weltkulturerbe zu erklären – wie die Himmelsscheibe von Nebra – und der Film »Der junge Karl Marx« von 2017.

Einer solchen Verharmlosung ist es immerhin auch zu verdanken, dass die historisch-kritische Marx-Engels-Gesamtausgabe gerettet werden konnte: Sie erscheint mit staatlicher finanzieller Förderung der Bundesrepublik weiter. Bedingung war eine Akademisierung ihres Gegenstandes, der vielleicht wie eine Flaschenpost wirken kann, die sich in Zukunft wieder entkorken lässt.

Es könnte scheinen, als habe diese Zukunft bereits begonnen. Mit dem Ende des Staatssozialismus sind Marx und Engels ausschließlich wieder an ihrer alten Wirkungsstätte positioniert: im höchstentwickelten Kapitalismus. Dessen Zustand spiegelt sich darin, dass ganz bestimmte Aussagen ihres Werks hochaktuell erscheinen. Die sogenannte Globalisierung wird bereits im »Manifest der Kommunistischen Partei« beschrieben, die Krisentheorie bereits in den »Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie« von Engels, vollends aber im »Kapital«, und ist durch die vielfältigen Wirtschaftskrisen nach 1989 bestätigt, der finanzmarktgetriebene Kapitalismus lenkt die Aufmerksamkeit auf die Analyse des zinstragenden Kapitals im dritten Band. Und selbst der Sturz des Staatssozialismus kann als Bestätigung einer Marxschen These gelesen werden, nämlich der Aussage im Vorwort von »Zur Kritik der Politischen Ökonomie« von 1859, dass Produktivkräfte Produktionsverhältnisse sprengen können, die zu eng für sie geworden sind. Allerdings handelte es sich um bisherige staatssozialistische, nicht kapitalistische Verhältnisse – wieder einmal Erfahrungstatsachen, die nicht gegen, sondern für Marx sprachen.

Nach dem von Farjoun und Machover 1983 erzielten Durchbruch erschienen mehrere logisch stringente und empirisch belegte Bestätigungen und Weiterentwicklungen der Arbeits- und Mehrwertlehre von Karl Marx. Sie verwarfen das Konstrukt der Durchschnittsprofitrate im dritten Band des »Kapital«, hielten dagegen die Argumentation des ersten Bandes für ausreichend. W. Paul Cockshott und Allin Cottrell haben unter dem Titel »Alternativen aus dem Rechner« auf dieser Grundlage einen Vorschlag »für sozialistische Planung und direkte Demokratie« unterbreitet. Anders als Marx verfügten sie zwar über 1. eine Mathematik, die es erlaubte, den Arbeits- und Mehrwert korrekt zu modellieren, 2. weitaus umfangreicheres statistisches Material, 3. Instrumente einer digitalisierten Planung. Solange aber das Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse fehlt, das die Realisierung eines solchen Projekts unabdingbar macht, bleibt es eine Kopfgeburt wie einst die Entwürfe Wilhelm Weitlings – wie denn überhaupt die jetzt aktuell gewordene Rehabilitation utopischer Vorstellungen als eine Art Umkehrung eines einst von Friedrich Engels bezeichneten Weges erscheint: anstelle seiner »Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« geht der Weg nun von einer als nicht ausreichend wahrgenommenen Realisierung von der Wissenschaft hin zur Utopie. Gleiches gilt für den Versuch Paul Masons, das »Maschinenkapitel« aus Marx’ »Grundrissen der Kritik der Politischen Ökonomie« (1857/1858) für seinen Entwurf einer digitalen postkapitalistischen Gesellschaft heranzuziehen.

Solange kein Subjekt der Umwälzung auftritt, lässt sich aus dem Buch »Das Kapital« nicht lernen, wie der Kapitalismus aufgehoben wird, sondern wie er funktioniert. Dies erklärt wohl die gegenwärtige Hegemonie der reinen Wertformanalyse der »Neuen ›Kapital‹-Lektüre«, die, wie gezeigt, zwar schon in den 1960er Jahren (bei Althusser und Backhaus) begonnen hatte, nach 1989 aber innerhalb des marxistischen Segments der Rest-Linken erst so richtig vorherrschend wurde, in Deutschland vor allem durch Michael Heinrich: Das Kapitalverhältnis steht zentral, die Bewegungen von Menschen sind marginal. Dies erscheint gegenwärtig als realistisch.

Wenn für Marx und Engels neue Problemlagen Metamorphosen ihres jeweils erreichten Theoriestandes zur Folge hatten, so kann das auch für Gegenwart und Zukunft gelten. In einer radikalen Weise führten Margarete Tjaden-Steinhauer und Karl Hermann Tjaden eine solche Auseinandersetzung: mit ihrer Untersuchung der ausbeutenden Verfügungsgewalt nicht nur im Verhältnis von Kapital und Arbeit, sondern auch im Patriarchat und in den Beziehungen der menschlichen Spezies zu ihrer natürlichen Umwelt – bis hin zu einer Zivilisationskritik, in die der von Marx und Engels nie in Frage gestellte Produktivkrafttyp und die auf ihn bezogenen ideokratischen Denkformen einbezogen sind. Damit wird einerseits der von den beiden Begründern des historischen Materialismus gezogene Rahmen überschritten, andererseits rücken bisher weitgehend außerhalb historisch-materialistischer Analyse gebliebene Sachverhalte ins Zentrum.

Jetzt andersherum

Bislang wurde davon gesprochen, wie der Kapitalismus 200 Jahre lang den Marxismus hervorgebracht und immer neu gewandelt hat. Danach müsste darüber geredet werden, was der Marxismus 200 Jahre lang mit dem Kapitalismus gemacht hat, ob dieser unter dem Einfluss der Arbeiterbewegung sich gewandelt hat. Wer das bejaht, wird zu weiteren Fragen geführt, zum Beispiel: Waren diese etwaigen Wandlungen positiv oder negativ? Welchen Einfluss darauf hatten in beiden Fällen die einzelnen Richtungen der Arbeiterbewegung, von denen die marxistische nur eine von mehreren ist? Letztlich: Hat der Philosoph Marx die Welt wirklich verändert oder doch nur interpretiert? Versuch einer Antwort: Die Welt hat sich verändert – seit dem Beginn der industriellen Revolution um 1780, seit 1818. Daran haben mitgewirkt: die Produktivkräfte, die Produktionsverhältnisse, das Kapital, die Volksmassen einschließlich der Arbeiterklasse. Das Kapital hat sich im wesentlichen so verhalten, wie Marx es »interpretiert« hat. Ein Teil der Volksmassen (wenngleich ein kleiner), die an der Veränderung der Welt mitwirkten und noch mitwirken, beruft sich auf Marx. Dieser Karl Marx hat an der Veränderung der Welt zu seinen Lebzeiten sowie postum teilgehabt und wird auch noch zukünftig daran teilhaben in dem Maß, in dem Volksmassen gemäß seiner Theorie handeln und Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse, Kapital und politisches Personal darauf reagieren, weil sie darauf reagieren müssen. Mehr sollte man einem Philosophen gar nicht erst zutrauen, und es ist ganz schön viel.

Es bleiben aber ein paar Probleme:

  1. Ungleichheit national und international – zwischen Arm und Reich, Zentren, Semiperipherien und Peripherie, Männern und Frauen, unverändert Herrschaft des Kapitals über die Arbeit;

  2. die Verwüstung der natürlichen Lebensgrundlagen;

  3. Kriege und Kriegsgefahr.

Das gab es schon zwischen dem 5. Mai 1818 und dem 14. März 1883, in den 135 Jahren nach Marx’ Tod. Irgendwann muss dies aber geändert werden, zumal einige dieser Probleme sich immer mehr verschärfen, vielleicht bis hin zu einem Point of no return. Ohne Beachtung der Einsichten von Marx wird das wohl kaum zu schaffen sein.

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