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Aus: 1956, Beilage der jW vom 11.02.2026
1956

Die Schwierigkeiten und die Wahrheit

Zu den Reformbestrebungen von Intellektuellen in der DDR im Jahr 1956
Von Siegfried Prokop
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Deutungsfragen vor Gericht: Wolfgang Harich (l.) bei einem Prozesstermin (Berlin, 23.4.1991)

Das Jahr 1956 nimmt in der europäischen Zeitgeschichte einen besonderen Platz ein. Heinz Brandt schrieb in seinen Erinnerungen von dem Jahr »mit seinen beiden politischen Erdstößen: dem XX. Parteitag der KPdSU im Frühjahr – dem polnischen Oktober, der ungarischen Revolution im Herbst«. Die Situation in der DDR unterschied sich in mancher Hinsicht von der in Polen und Ungarn. Der Lebensstandard in der DDR war höher, und die Intelligenz genoss in der DDR eine materielle Förderung, wie sie in den Nachbarstaaten unbekannt war. Die Korrekturen im Zuge des »Neuen Kurses« von 1953 hatten zu Lockerungen auf verschiedenen Gebieten geführt. In der DDR hatte sich infolgedessen weniger Zündstoff als in Polen und Ungarn angesammelt – was selbstverständlich auch daran lag, dass ein großer Teil der Gegner der SED in die Bundesrepublik gegangen war.

In der Rückschau schwer begreiflich erscheint, dass viele Menschen in der DDR noch im Jahre 1956 eine kurzfristige Vereinigung der beiden deutschen Staaten für möglich hielten, obwohl die Pariser Verträge, die von Konrad Adenauer eifrig betriebene Westbindung der Bundesrepublik sowie verschiedene Moskauer Entscheidungen eine gründlich veränderte Lage geschaffen hatten. Der XX. Parteitag der KPdSU und die Enthüllungen in Chruschtschows »Geheimrede« hatten auch in der DDR einen destabilisierenden Effekt. Im SED-Politbüro kam es zu heftigen Debatten, bei denen der eher reformorientierte Walter Ulbricht durchaus überstimmt wurde. Die SED-Führung schloss sich dem KPdSU-Beschluss »Über den Personenkult und seine Folgen« mit der fatalen Quintessenz »Keine Fehlerdiskussion« an. Auch angesichts der Budapester Tragödie im Herbst wurden Reformansätze abgebrochen. Wer dagegen aufbegehrte, dem drohten Parteiverfahren.

In der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, der führenden geschichtswissenschaftlichen Zeitschrift der DDR, kam es zwischen 1984 und 1986 zu einer Debatte über die DDR-Geschichte in den 50er Jahren. Der Streit ging darum, ob um die Mitte der 50er Jahre die DDR in gesellschaftlichen Teilbereichen Stagnationen und Rückschläge erlitten hatte. Dabei schimmerte, wenn auch lediglich in Ansätzen, durch, dass sich 1956 so etwas wie ein Strukturbruch in der Entwicklung des Landes und ein alternativer Entwicklungspfad andeuteten, was in ersten Reformansätzen im politischen System, in der Industrie, in der Justiz, in der Kultur und in der Jugendpolitik zum Ausdruck kam.

1989/90 wurde das Jahr 1956 dann zu einem der zentralen Streitpunkte aller Auseinandersetzungen um die DDR-Geschichte. Die Archive öffneten sich. Material, das Forschern bis dahin nicht zugänglich gewesen war, konnte eingesehen werden. Walter Janka hatte die Kapitel seiner Autobiographie, die sich auf die Jahre 1956/57 beziehen, 1989 in der Bundesrepublik unter dem Titel »Schwierigkeiten mit der Wahrheit« publiziert. Durch solche und andere Veröffentlichungen wurde deutlich, dass die Reformbestrebungen von Intellektuellen im Jahre 1956 keineswegs mit den Schlagworten »Revisionismus« und »Reformismus« abgetan werden konnten, sondern deren Intention eine eigenständige kritische Bewertung des sowjetischen Modells gewesen war.

Damals rückte ins Bewusstsein, dass die politischen Prozesse gegen Wolfgang Harich, Walter Janka und Gustav Just Unrecht bedeutet hatten. Allerdings hatte Janka in seinen Memoiren bedeutende Persönlichkeiten des Kulturlebens wie Johannes R. Becher, Anna Seghers und Helene Weigel pauschal beschuldigt und Wolfgang Harich als »Kronzeugen« der Anklage angegriffen, so dass der sich anschließende öffentliche und gerichtliche Streit zwischen Harich und Janka folgte und die Debatte beherrschte. Dieser an sich zu bedauernde Harich-Janka-Streit hatte für die historische Forschung immerhin den Vorteil, dass gewissermaßen ohne Forschungsaufwand der Historiker viel empirisches Material von diesen beiden publiziert wurde.

Auf Jankas »Schwierigkeiten mit der Wahrheit« antwortete 1993 Harich mit dem Buch »Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit«. Einen enormen Fortschritt bedeutete die Entdeckung des Entwurfs der »Plattform« vom November 1956 durch den Berliner Historiker Jochen Czerny. ­Harich nahm dieses Dokument in sein Buch auf. Es belegte, dass es der Gruppe um Harich 1956 um den Bruch mit dem sowjetischen Sozialismus-Modell und um die Rückkehr zum Konzept eines besonderen deutschen Weges zum Sozialismus ging, das ab 1946 zunächst die Grundlage für die Politik der SED gebildet hatte. Jankas Vorstellungen im Jahre 1956 bewegten sich in einem wesentlich kleineren Rahmen. In sein letztes Buch »Die Unterwerfung« hat Janka Material aufgenommen, das seine Vorwürfe gegen Becher, Seghers und Weigel und teilweise gegen Harich widerlegt. Selbst hatte er aber nicht mehr die Kraft, sich deutlich im Sinne einer Rücknahme seiner früheren Vorwürfe zu äußern.

Anfang der 90er Jahre lud Inge Kircheisen zu einem Kolloquium an die Universität Halle ein, das sich mit dem Jahr 1956 im Spiegel blockinterner Wandlungen und internationaler Krisen beschäftigen sollte. Auf die Einladung erfolgte die Absage, weil die neu berufenen Lehrstuhlinhaber aus dem Westen offenbar kein Interesse mehr an diesem Thema hatten. Immerhin gelang es Inge Kircheisen 1995, einen Teil der vorgesehenen Beiträge zu publizieren.

Weitere Aufschlüsse ergaben sich, nachdem der Text von Harichs Memorandum »Studien zur weltgeschichtlichen Situation« an Botschafter Puschkin vom Frühjahr 1956 bekannt geworden war. Aus diesem Dokument ging hervor, dass Harich ebenso wie der italienische Kommunist Palmiro Togliatti viel weitgehender, als es die SED und die KPdSU in ihren Beschlüssen getan hatten, den Sozialismus sowjetischer Prägung kritisierte und über den geographischen Rahmen der DDR weit hinausreichende politische Ziele formulierte. In direkter Polemik gegen den XX. Parteitag der KPdSU wandte sich Harich dagegen, den Sozialismus sowjetischer Prägung auf den Personenkult zu reduzieren: »Der Stalinismus ist vielmehr ein ganzes System von Verzerrungen der marxistischen Theorie und Praxis, das aus bestimmten historisch-gesellschaftlichen Bedingungen entstanden ist und das seinen ideologischen Ausdruck keineswegs ausschließlich im Personenkult fand.« Harich erweist sich hier als wichtiger Denker des Krisenjahres 1956, bei dem Vorstellungen von einem demokratisch entwickelten Sozialismus schon sichtbar wurden.

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