Der reißende Strom
Von Reinhard Lauterbach
Das sei »wie ein schrecklicher Schlag über den Kopf« gewesen. »Wir wussten zwar schon von Entstellungen oder Verbrechen, aber nicht von diesem Ausmaß und dieser Schändlichkeit«, sagte Edward Ochab, von März bis Oktober 1956 Erster Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, im Abstand von 25 Jahren – also auf dem Höhepunkt der »Solidarność«-Krise – der Journalistin Teresa Torańska. Die ganze Wahrheit war das sicherlich nicht. Gerade die Führung der polnischen Partei hatte – soweit ihre Kader die 30er und 40er Jahre in der Sowjetunion verbracht hatten – breite Erfahrungen mit den Repressionen sammeln müssen.
Unter der Verantwortung Ochabs wurde damals schnell die Entscheidung getroffen, den Inhalt von Chruschtschows »Geheimrede« öffentlich zu machen. Zumindest parteiöffentlich, aber das war eine Formalie. Denn es gab in Polen die Einrichtung der »offenen Parteiversammlungen«, zu denen auch Nichtmitglieder Zutritt hatten. Und dort wurde die Mitschrift von Chruschtschows Referat über »den Personenkult und seine Folgen« verlesen. Warschau soll auch der Ort gewesen sein, über den das Manuskript zeitnah in den Westen gelangte. Die Legende besagt, dass Ochabs Sekretärin das Manuskript der Rede auf ihrem Schreibtisch herumliegen hatte, als ein Journalist der staatlichen Presseagentur im Zimmer war. So ein Zufall.
Mit dieser relativen Offenheit verfolgte die polnische Führung die Absicht, »den reißenden Strom rasch zu durchqueren und die bittere Wahrheit offen auszusprechen, so wie wir selbst sie sehen«. Auf den Nachsatz kommt es dabei an: Die Leute um Ochab wollten den Enthüllungen einen bestimmten Dreh geben. Der lautete: Es waren alles die Sowjets, wir hatten damit nichts zu tun. Das stimmte allenfalls zur Hälfte. Auch in Polen gab es von 1948 bis zu Stalins Tod »Säuberungen«. Aber die Parteiführung unter Boleslaw Bierut vermied es, ihren verbalen Loyalitätsbekundungen Richtung Moskau größere Taten folgen zu lassen: Einen Prozess gegen Mitglieder ihres engsten Kreises gab es nie.
Dabei war ein Kandidat für die Anklagebank bereits ausgeguckt: Władysław Gomułka, von 1944 bis 1948 Chef der Polnischen Arbeiterpartei PPR, die 1942 als Nachfolgeorganisation der in den Säuberungen »liquidierten« Kommunistischen Partei Polens gegründet worden war. Er hatte in einem Referat vor dem Vereinigungsparteitag der PPR mit der Sozialistischen Partei PSS erklärt, dass die Kommunisten vor allem in der Beurteilung der nationalen Frage geirrt hätten. Das brachte ihm wenig später den Vorwurf der »nationalistischen Rechtsabweichung« ein, der sicherlich zutraf. Von 1951 bis 1954 war er inhaftiert. Aber er wurde nie angeklagt. Das bedeutet: Der bis heute als »Stalinist« verschriene Bolesław Bierut muss ihn gedeckt haben.
Hinter der Affäre Gomułka steckte vor allem ein Fraktionskampf in der polnischen Partei, der schon in der PPR angelegt war: zwischen den Kommunisten, die im Gefolge der Roten Armee nach Polen zurückgekehrt waren, und den »Inländern«, die im besetzten Polen Widerstand geleistet hatten. Zu den »Inländern« zählte Gomułka. In der Situation, in der das sowjetische Vorbild durch die Enthüllungen Chruschtschows zumindest angegriffen war, sahen sie ihre Chance auf ein Comeback – und auch auf die innenpolitische Stabilisierung der Herrschaft der PVAP durch eine dosierte Distanz zur Sowjetunion.
Dabei spielte auch ein spezifischer polnischer Groll eine Rolle, der nach 1945 entstanden war. Demontagen hatten nämlich nicht nur in den ehemals deutschen Gebieten stattgefunden. Ochab nannte das Beispiel der »Buna«-Fabrik »nahe Oświęcim« – die erst im Krieg von der IG Farben errichtete Anlage zur Produktion von synthetischem Treibstoff. »Und wenn sie das wenigstens noch irgendwo bei sich aufgebaut hätten«, beschwerte er sich im nachhinein. Ein weiterer Stein des Anstoßes war der flächendeckende Einsatz sowjetischer »Berater« in Behörden und in der Armee.
Und schließlich hatte die von Moskau in der ersten Hochphase des Kalten Krieges durchgesetzte Vorgabe drastisch erhöhter Rüstungsausgaben den polnischen Kommunisten den Wiederaufbau des Landes nicht einfacher gemacht. Kohlelieferungen an die Sowjetunion verknappten zudem den für die Industrialisierung in Polen zentralen Rohstoff. Mit Lohnsenkungen machte sich die Partei in der Arbeiterklasse keine Freunde.
Dem 1950 in Kraft getretenen Sechsjahresplan lag die Überlegung zugrunde, perspektivisch einen großen Teil der polnischen Landbevölkerung für die Industrialisierung heranzuziehen. Auf dem Papier ging die Rechnung zwar auf, denn die Übervölkerung der Dörfer war eine Tatsache. Aber in den Städten mussten diese Menschen von den verbliebenen Bauern mitversorgt werden, ohne dass deren Produktivität entsprechend angestiegen wäre. Der Versuch, dies mit Hilfe von eilig eingerichteten »Staatlichen Landwirtschaftsbetrieben« (polnisch: PGR) zu erreichen, schlug fehl. Die Folge waren nie mehr völlig behobene Versorgungsschwierigkeiten in den Städten, die noch dadurch verstärkt wurden, dass Polen nach 1945 mit im europäischen Vergleich enorm hohen Geburtenraten die Bevölkerungsverluste durch den Krieg »wettmachte«.
Es kam immer wieder zu Streiks, die meisten beschränkt auf die betriebliche Ebene; am bekanntesten wurde der stadtweite in Poznań Ende Juni 1956. Die Parteiführung verstand das Alarmzeichen. Einerseits drohte Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz, jede Hand, die sich gegen die Volksmacht erhebe, werde abgehauen. Aber andererseits musste Luft abgelassen werden. Die Pressezensur wurde nachlässiger. Die polnische Führung wusste, dass das Problem nur politisch zu lösen war. Mit der billigen Erklärung, der Aufstand von Poznań sei auf das Wirken westlicher Agenten zurückzuführen, gab sie sich nicht zufrieden. Im Frühjahr 1956 verkündete Parteichef Edward Ochab Gomułkas Rehabilitierung und bot ihm eine Rückkehr in die engere Parteiführung an.
Gomułka ließ sich bitten; er wollte keinen Regierungsposten – dort hätte er für die zugespitzte Lage verantwortlich gemacht werden können –, sondern den Parteivorsitz. Den erhielt er im Oktober 1956. Seine erste Herausforderung war, eine militärische Intervention der Sowjetarmee zu verhindern. Das gelang ihm nach stundenlangen Verhandlungen am 19. Oktober 1956. Das sowjetische Protokoll zeugt von einem scharfen Ton der Gespräche. »Wir sind hier die Hausherren und lassen keine weitere Einmischung mehr zu«, war der polnische Standpunkt. Schließlich war es die sowjetische Seite, die nachgab.
Dieser Erfolg machte Władysław Gomułka für kurze Zeit sehr populär. Als er am 24. Oktober 1956 vor dem Warschauer Kulturpalast zu etwa 200.000 Menschen sprach, wurde er bejubelt. Gomułkas Parole allerdings war »Weniger demonstrieren, mehr arbeiten«. Obwohl er einige Zeitschriften schließen ließ, gewährte er dem kulturellen Leben mehr Spielraum. Gomułka war es offenkundig ziemlich egal, was irgendwelche Intellektuellen zusammenschrieben und -malten.
Kurzfristig half das, aber nachhaltig war diese Stabilisierung nicht. 15 Jahre später führten Preiserhöhungen erneut zu Protesten; wieder wurde auf demonstrierende Arbeiter geschossen. Gomułka wurde durch den Managertyp Edward Gierek ersetzt. Trotz einer kurzfristigen wirtschaftlichen Blüte bekam auch er die Versorgungslage nicht in den Griff, und mit dem Aufkommen der »Solidarność« begann der endgültige Verfall der Volksrepublik Polen.
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