Von der Krüppelbewegung zur Pride Parade
Von Claudia Wrobel
Behinderte Menschen, die in Großeinrichtungen untergebracht waren: Leben konnte man das nicht nennen, von Teilhabe, Inklusion, geschweige denn Selbstbestimmtheit keine Spur. Die hygienischen Zustände dort waren oft katastrophal und die Mehrheitsgesellschaft konnte davor die Augen verschließen, denn Einrichtungen für behinderte und psychisch kranke Menschen waren in der BRD eine Black Box, in die man keinen Einblick hatte, wenn man es nicht explizit wollte. Betroffene Menschen wurden regelrecht weggesperrt.
Vor 50 Jahren hat der Abschlussbericht der Enquetekommission des Bundestags zur Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik erstmals ein Schlaglicht auf die Umstände geworfen. Denn psychiatrische Großkliniken waren auch der Ort, an dem viele behinderte Menschen ihr Leben fristen mussten: riesige Schlafsäle, unzumutbare hygienische Verhältnisse, schlecht ausgebildetes Personal und sogar Gewalt. Von Therapie, Versorgung, Förderung keine Spur, an Mitbestimmung auf Augenhöhe war gar nicht zu denken. Seither hat sich einiges getan – bei allen Mängeln, die die psychiatrische Versorgung immer noch aufweist. Aber auch in der Behindertenrechtsbewegung war es wichtig, dass durch die Enquete und die Diskussion über die Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, wie schlecht die Institutionen waren. Denn zeitgleich vernetzten sich Betroffene und forderten selbstbewusst, dass endlich mit ihnen und nicht immer nur über sie gesprochen werden sollte.
Ins Licht gezerrt
Ende der 1970er Jahre gründeten sie in etlichen Städten Westdeutschlands sogenannte Krüppelgruppen, die erste von Franz Christoph und Horst Frehe in Bremen. Zu einer Zeit, in der behinderten Menschen jegliche Expertise abgesprochen und sie einzig unter dem Aspekt Fürsorge gesehen wurden, provozierten sie damit auf verschiedene Art und Weise. Zum einen reklamierten sie für sich eine Selbstbezeichnung, die auffiel und gerade in der damaligen Zeit als Affront verstanden wurde. Zum anderen ließen sie Nichtbehinderte nicht mitmachen. Sie kannten die eigene Situation am besten und stellten vor allem die bisherige Sicht auf Behinderung in Frage. Bis dahin war man sich gesellschaftlich einig, dass es sich dabei um individuelle, medizinische Probleme handelte. Die Diagnose stand im Vordergrund, der Mensch dahinter interessierte weniger.
In der Krüppelbewegung begann eine Entwicklung, die heutzutage als soziales Modell von Behinderung umschrieben wird. Dabei steht der Mensch im Vordergrund und das »Problem« einer Behinderung ist dabei vor allem eine gesellschaftliche Frage. Es geht also eher darum, Teilhabe zu ermöglichen und bestehende Hürden abzubauen, als davon auszugehen, dass die Gesellschaft, so wie sie an den Bedürfnissen nichtbehinderter Menschen orientiert ist, als Standard gesetzt werden kann. Die Krüppelgruppen vernetzten sich und brachten von 1978 bis 1985 in der BRD die Krüppelzeitung (Zeitung von Krüppel für Krüppel) heraus. Dort hieß es beispielsweise 1982 unter der Überschrift »Warum Krüppel«: »Der Begriff Behinderung verschleiert für uns die wahren gesellschaftlichen Zustände, während der Name Krüppel die Distanz zwischen uns und den sogenannten Nichtbehinderten klarer aufzeigt. (…) Ehrlicher erscheint uns daher der Begriff Krüppel, hinter dem die Nichtbehinderten sich mit ihrer Scheinintegration (…) nicht so gut verstecken können.«
Im Mai 1980 fand die Bewegung einen vorläufigen Höhepunkt mit einer Großdemonstration in Frankfurt am Main. Auslöser war ein Gerichtsurteil, das die damalige Sicht auf behinderte Menschen innerhalb der Mehrheitsgesellschaft auf erschreckende Art und Weise zusammenfasste. Das sogenannte Frankfurter Behindertenurteil wurde im Februar des gleichen Jahres gesprochen, nachdem eine Frau einen Reiseveranstalter verklagt hatte. »Auch die Anwesenheit einer Gruppe von jedenfalls geistig und körperlich Schwerbehinderten stellt einen zur Minderung des Reisepreises berechtigten Mangel dar«, heißt es darin. Das »Vergehen« der behinderten Menschen: Sie existierten und hielten sich am selben Ort in Griechenland auf wie die Klägerin. »Dass es Leid auf der Welt gibt, ist nicht zu ändern; aber es kann der Klägerin nicht verwehrt werden, wenn sie es jedenfalls während des Urlaubs nicht sehen will.«
Gegen Fremdbestimmung
Die anschließenden Proteste der Krüppelgruppen kumulierten zunächst in der gemeinsamen Demo, ein gutes halbes Jahr später nutzten sie die offizielle Eröffnungsveranstaltung zum »UNO-Jahr der Behinderten 1981«. Dort machten sie erneut darauf aufmerksam, dass bei diesen Feierlichkeiten wieder nur über sie gesprochen werden sollte, statt behinderte Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen. Unter dem Motto »Jedem Krüppel seinen Knüppel« forderten sie ein wirkliches Umdenken und ein Ende der Menschenrechtsverletzungen in der Behindertenarbeit. Sie ketteten sich an die Bühne in der Dortmunder Westfalenhalle, um die Rede des damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens (CDU, mit Nazivergangenheit) zu verhindern. Ihm warfen sie vor, lediglich in Sonntagsreden die Situation behinderter Menschen auszunutzen, aber in Wahrheit niemals etwas für die Verbesserung ihrer Lebensumstände zu tun.
Zum Abschluss des UNO-Jahres wurde die Bewegung konkret: Im »Krüppeltribunal« ging es für sie darum, »die Strukturen dieser Aussonderungspolitik der BRD an(zu)klagen. Wir wollten uns gegen die Zerstückelung unserer Interessen durch Politiker, Heimaufseher und sonstige Fachleute in Sachen Behindertenunterdrückung zur Wehr setzen und die Betroffenen zur massiven und radikalen Gegenwehr anstiften.« Dabei ging es unter anderem um Behörden, fehlende Barrierefreiheit im Alltag, schlechte Bedingungen in Werkstätten für behinderte Menschen, Heimen oder psychiatrischen Einrichtungen. Außerdem adressierten sie im Speziellen, dass Frauen mit Behinderung mehrfacher Diskriminierung ausgesetzt sind und ein hohes Risiko für Gewalterfahrungen haben.
Das Tribunal ist mehr als vierzig Jahre her, die Themen sind geblieben. Die Abwertung behinderter Menschen passiert subtiler, aber sie findet weiterhin täglich statt. Und noch immer müssen sie darum kämpfen, als Subjekte mit Kenntnis ihrer eigenen Situation wahrgenommen zu werden. In Berlin organisiert ein Zusammenschluss unter dem Motto »Behindert und verrückt feiern« seit 2013 jedes Jahr eine Pride Parade und vergibt einen Negativpreis für Institutionen oder Menschen. Die »Glitzerkrücke« schließt damit an die »Goldene Krücke« an, die bereits die Krüppelbewegung vergeben hat. Diesjähriger Preisträger war CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann, der ein Register für psychisch kranke Menschen gefordert hat, auf das die Polizei umfassenden Zugriff haben sollte – damit psychisch Kranke umfassend kriminalisiert werden können.
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